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Vorträge

08.11.2004

Selektion am Lebensbeginn - ethische Aspekte

"Selektion" ist im Zusammenhang mit "Patientenselektion" - etwa bei der Auswahl von Patienten für klinische Versuche oder bei knappen Behandlungsmöglichkeiten - in der Medizin ein eingeführter und weitgehend neutral verwendeter Begriff.



Kongreß für Philosophie, Konstanz, 4.-8.10.99, Referat am 07.10.99

Text Dieter Birnbacher

Inhalt

1. Vorbehalte gegenüber Selektion
2. Selektion am Lebensbeginn - Abgrenzung gegen andere Formen der gesteuerten Fortpflanzung
3. Was ist moralisch bedenklich an der Selektion?
4. Die Eskalationsreihe der Selektionsstadien
5. Das Expressionsargument
6. Das Kränkungsargument
7. Soziale Gefahren durch Selektion?

Literaturliste



1. Vorbehalte gegenüber Selektion

Wer allerdings von "Selektion" im Zusammenhang mit beginnendem menschlichen Leben spricht, verbindet damit zumeist eine kritische Intention. Dieser Begriff ist eindeutig negativ konnotiert. "Selektion" erinnert, in diesem Zusammenhang gebraucht, an Programme zu einer wie immer gearteten biologischen "Verbesserung" des Menschen, an Eugenik, "Rassenhygiene" und Menschenzüchtungsversuche. Belastet ist der Ausdruck außerdem durch seine besondere Verwendung in deutschen Konzentrationslagern, in denen Opfer einer "Selektion" zu werden den sofortigen Tod bedeutete.

"Selektion" ist im Zusammenhang mit "Patientenselektion" - etwa bei der Auswahl von Patienten für klinische Versuche oder bei knappen Behandlungsmöglichkeiten - in der Medizin ein eingeführter und weitgehend neutral verwendeter Begriff. Wer allerdings von "Selektion" im Zusammenhang mit beginnendem menschlichen Leben spricht, verbindet damit zumeist eine kritische Intention. Dieser Begriff ist eindeutig negativ konnotiert. "Selektion" erinnert, in diesem Zusammenhang gebraucht, an Programme zu einer wie immer gearteten biologischen "Verbesserung" des Menschen, an Eugenik, "Rassenhygiene" und Menschenzüchtungsversuche. Belastet ist der Ausdruck außerdem durch seine besondere Verwendung in deutschen Konzentrationslagern, in denen Opfer einer "Selektion" zu werden den sofortigen Tod bedeutete.

Für viele ist die negative Färbung des Begriffs "Selektion" aber mehr als nur eine Frage des assoziativen Kontexts. Für sie ist die Sache selbst bedenklich, und aus im Ansatz nachvollziehbaren Gründen. Sobald Menschen zum Gegenstand von Selektion gemacht werden, bedeutet Selektion eine Auswahl von Menschen, die etwas bekommen, was andere nicht bekommen, und damit eine Aussonderung von Menschen, die - je nach Maßgabe der der Selektion zugrunde liegenden Ziele - für nicht tauglich oder nicht wert befunden werden, dasselbe zu bekommen wie andere. Selektion ist eine durch und durch inegalitäre Verfahrensweise. Sie widerspricht fundamentalen Prinzipien der Gleichbehandlung und der Gewährung gleicher Rechte und Chancen. Eine solche Ungleichbehandlung scheint nur unter Bedingungen extremer Knappheit gerechtfertigt, d. h. dann, wenn eine Gleichbehandlung dazu führen würde, daß niemand das der Selektion zugrunde liegende Ziel erreichen würde, oder zumindest sehr viel weniger, als es bei einer gezielten Selektion der Fall wäre, wie etwa bei der Triage in Katastrophensituationen oder bei der Selektion der Empfänger von knappen Organtransplantaten unter Gesichtspunkten (u. a.) der Erfolgsaussicht. In diesen Fällen würden insgesamt sehr viel weniger Patienten überleben, würde auf jede gezielte Selektion verzichtet und die Empfänger der knappen Behandlung nach dem Los oder einem anderen Chancengleichheit sichernden Zufallsverfahren bestimmt. Die Anstößigkeit, zumindest die Ambivalenz der Selektion zu Lebensbeginn, um die es im folgenden gehen soll, besteht jedoch u. a. darin, daß diese besonderen Knappheitsbedingungen hierbei im allgemeinen nicht vorliegen. Zwar kann auch bei der Selektion am Lebensbeginn in der Regel von einem Dilemma gesprochen werden, das durch die Selektion gelöst werden soll, aber dieses Dilemma hat gewöhnlich nicht die dramatische Qualität, wie sie für den Bereich der Katastrophenmedizin oder der Organtransplantation kennzeichnend ist.

Die Ambivalenz gegenüber der Selektion zeigt sich am offenkundigsten da, wo Selektion im Sinne der selektiven Gewährung von Leben und Entwicklung und Selektion im Sinne der selektiven medizinischen Behandlung zusammenfallen, nämlich in der Behandlung schwerstgeschädigter Neugeborener in der neonatologischen Klinik. Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse der bisher ersten Untersuchung zur Praxis der Behandlung schwerstgeschädigter Neugeborener in Deutschland (Zimmermann, et al. 1997) ist die Unstimmigkeit zwischen der faktisch geübten Praxis selektiver Behandlung und den Überzeugungen der diese Praxis übenden Ärzte. Einerseits wird die faktisch stattfindende Selektion nicht geleugnet, andererseits wird diese Praxis jedoch überwiegend für problematisch gehalten: "Nur 16 % der befragten Neonatologen akzeptieren die Auswahlpraxis ohne Gegenargumente, während eine Mehrzahl ethische (74 %), religiöse (25 %) oder gesellschaftliche Gründe (13 %) gegen eine Selektion für gewichtig halten" (Zimmermann et al. 1997, 72). Man sollte dieses Ergebnis allerdings nicht überinterpretieren. Es zeigt nicht, daß die beteiligten Ärzte die von ihnen geübte Praxis der selektiven Behandlung schwerstgeschädigter Neugeborener insgesamt ablehnen. Es zeigt lediglich, daß die Mehrzahl die Selektion als die - ambivalent bewertete - Lösung einer moralischen Konfliktsituation sieht, in der gewichtige moralische Gründe gegen die Selektion sprechen, auf der anderen Seite aber auch gewichtige Gründe dafür (nach denen nur nicht gefragt worden ist). Eines der Resultate derselben Untersuchung ist, daß sich - auch angesichts der erheblichen Unsicherheit, unter denen Selektionsentscheidungen in diesem Bereich der Medizin getroffen werden - mehr Ärzte später Vorwürfe dafür machen, nicht genug selegiert - d. h. zu viele Kinder behandelt - zu haben, als sich Vorwürfe dafür machen, zu stark selegiert - zu wenige behandelt - zu haben.



2. Selektion am Lebensbeginn - Abgrenzung gegen andere Formen der gesteuerten Fortpflanzung

Eine Selektion von Nachkommen ist anders als die Patientenselektion nicht an einen spezifisch medizinischen Kontext gebunden, auch wenn de facto Mediziner an der Mehrzahl Selektionsverfahren beteiligt sind. Vom Begriff her ist die Selektion von Nachkommen allgemeiner bestimmt. Sie umfaßt alle Handlungen, mit denen eine bewußte und an bestimmten qualitativen Kriterien orientierte Entscheidung darüber getroffen wird, welches von mehreren Kindern oder deren Vorstufen leben oder sich entwickeln soll.

Danach hat Selektion drei wesentliche Bestimmungsstücke. Sie

    1. ist eine Form gesteuerter Fortpflanzung,
    2. orientiert sich an qualitativen Kriterien,
    3. beinhaltet eine Auswahl zwischen einer (realen oder gedachten) Mehrzahl von Alternativen.
Das erste Merkmal ist offenkundig zu unspezifisch: Selektion ist eine von mehreren Methoden gesteuerter Fortpflanzung. Die in den Industrieländern inzwischen zur Regel gewordene gezielte Wahl des Zeitpunkts der ersten Geburt und die Wahl der Zahl und zeitlichen Abfolge der weiteren Geburten, ist eine Form gesteuerter Fortpflanzung, aber in der Regel kein Akt der Selektion. Es fehlt sowohl der Bezug auf eine reale oder gedachte Gesamtheit von Alternativen als auch der Bezug auf qualitative Gesichtspunkte ( es sei denn, das Alter der Eltern oder der Altersabstand zwischen den Kindern würde wegen seiner Auswirkungen auf die Entwicklungschancen der Kinder indirekt als qualitatives Merkmal gewertet). Eine Keimbahnintervention bei einem Embryo wäre zwar eine qualitativ orientierte Form gesteuerter Fortpflanzung, aber keine Selektion, da der Aspekt der realen oder gedachten Alternativen fehlte, die Steuerung also nicht den Charakter einer "Auswahl" oder unter mehreren Kandidaten hätte. Dasselbe gilt für das aus Jamaica berichtete Verfahren einer gezielten Geschlechtswahl durch selektive Anwendung der Geburtenkontrolle. Anders als in China und Indien werden hier weibliche Nachkommen - als Garanten für die Stabilität der Familie - bevorzugt. Frauen, die zwei Söhne haben, werden um 50 % häufiger ein drittes Mal schwanger als Frauen mit zwei Töchtern. In diesem Fall ist die Bedingung der qualitativen Orientierung erfüllt, nicht aber die Bedingung des Bezugs auf eine Menge von Alternativen.

Dagegen ist die sogenannte "Schwangerschaft auf Probe" eindeutig ein Fall von Selektion, da sie mit der bedingten Absicht eingegangen wird, den Fötus gegebenenfalls (nämlich wenn er das unerwünschte Merkmal aufweist) abzutreiben und es dann noch einmal zu versuchen. Hier liegt sowohl das Merkmal der Orientierung an einem qualitativen Merkmal vor als auch der Bezug auf eine Gesamtheit von Alternativen. Es kommt nicht darauf an, ob diese Gesamtheit synchron gegeben ist (wie bei der Spermienselektion oder der Verwerfung von Embryonen nach Präimplantationsdiagnostik), oder diachron, d. h. zeitlich verteilt, so daß die Gesamtheit zum Zeitpunkt der Selektion lediglich eine gedachte ist.

Entscheidend dafür, ob es sich bei einer gedachten Gesamtheit von Alternativen um eine Selektion handelt, ist die Intention, nicht der tatsächliche oder auch nur wahrscheinliche Erfolg. Deshalb ist eine Abtreibung im Zuge einer "Schwangerschaft auf Probe" auch dann ein Akt der Selektion, wenn sie zwar unter dem Gesichtspunkt der möglichen Ersetzung des nicht gewünschten Nachkommens durch einen erwünschten Nachkommen vorgenommen wird, es dazu aber faktisch nicht kommt.

Die Tatsache, daß es sich bei einer "Schwangerschaft auf Probe" um einen Akt der Selektion handelt, nicht aber bei einem präventiv motivierten Verzicht auf Nachkommen, könnte freilich auch anders rekonstruiert werden. Die Unterscheidung zwischen einer selektiven und einer nicht-selektiven Steuerung der Fortpflanzung könnte auf die Unterscheidung zwischen einer "passiven" Art der Steuerung (durch Verzicht) in dem einen und einer "aktiven" Art der Steuerung (durch gezielte Abtreibung) im anderen Fall zurückgeführt werden. Dies würde allerdings der Komplexität der Verhältnisse nicht gerecht. Abgesehen davon, daß auch ein Verzicht auf Nachkommen durch Geburtenkontrolle im allgemeinen aktive Vorsorge erfordert, kann eine Selektion durchaus auch durch ein Unterlassen erfolgen, z. B. durch das Unterlassen möglicher intensivmedizinischer Maßnahmen (wie bei schwerstgeschädigten Neugeborenen) oder durch mehr oder weniger gezielte Vernachlässigung mit der Folge der Unterernährung und eines schlechteren Gesundheitszustands (wie offenbar bei einer großen Zahl weiblicher Neugeborener in Indien).



3. Was ist moralisch bedenklich an der Selektion?

Angesichts der Vorbehalte gegen die Selektion muß zunächst die Frage gestellt werden, was an der Selektion von Nachkommen in diesem Sinne moralisch problematisch ist. Schon ein erster Überblick über die moralischen Argumente, die gemeinhin gegen eine Selektion von Nachkommen vorgebracht werden, zeigt, daß diese Argumente an verschiedenen Aspekten der Selektion ansetzen. Es empfiehlt sich deshalb, zunächst die wichtigsten Aspekte von Akten der Selektion zu unterscheiden und diesen dann die jeweils zugehörigen Argumente zuzuordnen:

    1. der Aspekt der zielgerichteten Steuerung der Fortpflanzung,
    2. die Ziele der Selektion,
    3. die dazu verwendeten Mittel und Verfahren, sowie
    4. die aus der Selektion erwachsenden individuellen und sozialen Folgewirkungen.
Der Durchgang durch die einzelnen Argumente wird ergeben, daß die Argumente gegen die Praxis der Selektion von 1 bis 4 an Gewicht kontinuierlich zunehmen. Je mehr sich die Argumente auf die individuellen und sozialen Folgen einer möglichen Praxis der Selektion von Nachkommen beziehen, desto gewichtiger scheinen sie zu sein. Das heißt allerdings nicht, daß diese Gegenargumente so gewichtig sind, daß sie die Argumente zugunsten einer Selektion in jedem einzelnen Fall aufwiegen.

Argumente gegen die Selektion, die sich darauf beziehen, daß diese eine Form der Steuerung der Fortpflanzung darstellt, gehören aus mehreren Gründen zu den schwächsten Argumenten gegen die Selektion. Erstens scheint es aussichtslos ist, für die Natur so etwas wie Sakrosanktheit zu begründen. Der Mensch ist von seinen anthropologischen Grundbestimmungen her geradewegs darauf angelegt, die Natur - und damit auch seine eigene Fortpflanzung - in gewissem Maße zu rationalisieren. Zwar gibt es gute Gründe, gegen ein unbeschränktes Eindringen von Planung und Zweck-Mittel-Rationalität in den Bereich der Fortpflanzung skeptisch zu sein - insbesondere deswegen, weil dieser Bereich innerhalb einer durchrationalisierten Welt eines der wenigen Refugien von Spontaneität und Unmittelbarkeit geblieben ist. Aber diese Skepsis begründet keinen moralischen Vorbehalt gegen diejenigen, die sich diese Spontaneität aus eigenem Willen bewußt versagen.

Gelegentlich wird vorgebracht, es sei wider die Menschenwürde, der Zweck-Mittel-Rationalität Eingang in einen so naturhaft-kreatürlichen Bereich wie den der Fortpflanzung zu verschaffen und die Sexualität Zweckgesichtspunkten zu unterwerfen. Aber dieses Argument stellt die Verhältnisse geradezu auf den Kopf. Wenn dem Mensch eine spezifische Würde zukommt, dann nicht zuletzt die, sich kraft seiner Vernunft von der Natur nicht alles bieten zu lassen. Nicht die Verfallenheit an die Natur macht die Stärke und den Stolz des Menschen aus, sondern seine Fähigkeit, sich - in wie immer engen Grenzen - den Zumutungen der Natur entgegenzustemmen und sein eigenes Maß an die Stelle des Maßes der Natur zu setzen. Prometheus bleibt auch in einer Zeit, in der Karl Marx nicht mehr zur Pflichtlektüre gehört, der erste Heilige im Kalender.

Zweitens ist das Argument der Naturwidrigkeit einer gesteuerten Fortpflanzung zu unspezifisch, um speziell die Selektion zu treffen. Es würde dazu zwingen, auch weithin als unproblematisch empfundene Methoden der Geburtensteuerung abzulehnen, einschließlich der sogar vom Vatikan für zulässig gehaltenen Empfängnisverhütung nach Knaus-Ogino.

Die Argumente der zweiten Kategorie beziehen sich anders als die der ersten nicht auf das Eindringen von Zielen in das Fortpflanzungsgeschehen überhaupt, sondern auf diese Ziele selbst. Auch diese Argumente erscheinen gegenüber den Argumenten, die sich auf die Mittel und die Folgen der Selektion beziehen, von nachgeordneter Bedeutung.

Erstens gilt allgemein, daß die Ziele, die jemand mit einer Handlung oder Praxis verfolgt, nur einen von vielen Faktoren ausmachen, die für die moralische Beurteilung der Handlung oder Praxis relevant sind. Gewöhnlich sind die Aspekte der Handlungs- und Folgenaspekte für die Beurteilung von größerer Bedeutung. Schwerwiegende Verbrechen von "Gesinnungstätern" werden nur in eng umschriebenen Fällen durch ihre moralisch beachtliche Zielsetzung entschuldigt oder gerechtfertigt. Unbeabsichtigte, aber vorausgesehene Nebenfolgen werden einem Akteur auch dann zugerechnet, wenn er sie bloß "in Kauf genommen" hat. Und selbst nicht vorausgesehene Nebenfolgen werden ihm zugerechnet, wenn sie vorauszusehen waren und ihm die Voraussicht zuzumuten war. Unter moralischen Gesichtspunkten interessieren wir uns für die Ziele einer Handlung nicht ausschließlich, aber doch im wesentlichem unter dem Aspekt ihrer möglichen oder wahrscheinlichen Zielverwirklichung. D.h. uns interessieren die Ziele, weil sie uns etwas über die möglichen oder wahrscheinlichen Folgen einer Handlung bzw. über weitere zu erwartende Handlungen desselben Akteurs sagen.

Zweitens sind die gegenwärtig vorherrschenden und bis auf weiteres absehbaren Ziele der Selektion nur ganz selten als solche moralisch kritikwürdig. In den allermeisten Fällen sind diese Ziele moralisch neutral oder sogar moralisch löblich und würden in anderen Kontexten zweifellos als akzeptabel gelten. Man vergegenwärtige sich dazu die drei Arten von Ziele, die mit der Selektion im wesentlichen verfolgt werden:

    1. die Erfüllung persönlicher Präferenzen der Eltern,
    2. das Wohl des aus der Selektion hervorgehenden Kindes,
    3. die Erfüllung axiologischer Standards von Gesundheit und Normalität.
Persönliche Präferenzen sind solche, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Man zieht das eine dem anderen vor, ohne damit den Anspruch zu verbinden, daß andere dieselben Präferenzen haben. Das schließt nicht aus, daß solche Präferenzen auch in Prinzipien, Standards und Idealen fundiert sein können. Wesentlich ist nur, daß diese Prinzipien ohne Verbindlichkeitsanspruch auftreten. Wer selektive Entscheidungen durch persönliche Präferenzen motiviert, zieht ein Kind ohne ein bestimmtes unerwünschtes Merkmal M einem Kind mit M vor, weil er das Kind mit M und/oder die sich aus seiner Geburt ergebenden Folgen aus einer wie immer gearteten Präferenz nicht will - z. B. weil die Sorge für das Kind ihn selbst, seine Ehe oder seine bestehende oder spätere Familie zu sehr belasten würde. Eine solche Präferenz bedarf keiner Fundierung in benennbaren Gründen. Eine Präferenz kann auch dann authentisch sein, wenn Eltern ihre Bevorzugung von nicht-M gegenüber M nicht begründen können.

Ziele der zweiten Art haben eine altruistische Orientierung. Sie zielen auf das Wohl anderer. "Wohl" ist allerdings ein alles andere als wohldefinierter Begriff. Es kann sowohl im Sinne subjektiven Wohlbefindens, Zufriedenheit oder Präferenzerfüllung als auch - stärker "objektivistisch" - im Sinne der Verfügung über objektive Güter, Möglichkeiten, Funktionen und Fähigkeiten bestimmt werden. Anders als Philip Kitcher (1998, Kap. 12) scheint es mir adäquater, "Wohl" oder "Lebensqualität" in einem rein subjektivistischen Sinne zu verstehen und nicht ausschließlich, aber doch primär nach der reflexiven Selbstbewertung des eigenen inneren Erlebens zu bemessen (vgl. Birnbacher 1998). Danach hängt das Wohl eines Menschen primär davon ab, wie wohl er sich fühlt, d. h. wie er selbst sein subjektives Erleben bewertet - nicht davon, über welche objektiven Güter, Möglichkeiten oder Fähigkeiten er verfügt oder in welchem Maße sein inneres Erleben spezifische Lust- oder Glücksgefühle aufweist. "Wohl" darf dabei allerdings nicht mit dem juristischen Begriff des "Kindeswohls" gleichgesetzt werden. Ziele, die sich auf das Wohl anderer beziehen, können sich auf das Wohl des möglichen Kindes mit M beziehen, aber auch auf das Wohl anderer, z. B. bereits geborener Kinder, für die Zukunft geplanter Kinder oder anderer Nahestehender, denen möglicherweise durch die Geburt eines Kindes mit M Zuwendung entzogen werden müßte, aber auch der Gesellschaft insgesamt.

Axiologische Bewertungen sind Bewertungen mit Allgemeingültigkeitsanspruch, wie sie charakteristischerweise in Denksystemen vertreten werden, die von einer objektiven "Bestimmung" des Menschen oder vorgegebenen Maßstäben von Normalität und Vollkommenheit ausgehen. Im Gegensatz zum werttheoretischen Subjektivismus betonen sie die objektiven, d. h. die funktionalen Komponenten in der Zuschreibungen von Krankheit und Behinderung. In der Frage, ob man z. B. gezielt Föten mit bestimmten Behinderungen durch Präimplantationsdiagnostik selegieren darf (wie es einige Taubstummengruppen in Bezug auf taubstumme Nachkommen fordern) tendieren sie eher zu einer ablehnenden als einer neutralen Antwort, da für sie weniger Gesichtspunkte der subjektiven Lebenszufriedenheit als vielmehr der Aspekt der Funktionsbeeinträchtigung und das Verfehlen einer "normalen" Entwicklung im Vordergrund steht.

Empirisch scheinen Ziele, die der ersten Art zuzurechnen ist, bei Selektionsentscheidungen den Hauptanteil auszumachen (vgl. Hennen et al. 1996, 117). In der Reproduktionsmedizin ist dies Ziel gewöhnlich der möglichst direkte Weg zu einem Kind. Die qualitative Selektion steht hierbei im Dienst eines nicht-qualitativen Ziels. Spermien einer gewissen Qualität und künstlich befruchtete Eizellen einer gewissen Qualität werden selegiert, um die Chance der Geburt eines Kindes zu maximieren. Davon zu unterscheiden ist der in einem ausgeprägteren Sinne selektive Einsatz der Reproduktionsmedizin zur selektiven Hervorbringung eines Kindes ohne bestimmte unerwünschte oder mit bestimmten erwünschten Merkmalen. In Europa sind diese im wesentlichen gesundheitlicher Art, in anderen Teilen der Welt hauptsächlich die Geschlechtszugehörigkeit. In Europa und Nordamerika hat die Verfügbarkeit der Pränataldiagnostik mit selektiver Abtreibung dazu geführt, daß Frauen ab dem Alter, in dem die Wahrscheinlichkeitskurve des Down-Syndroms steil ansteigt, routinemäßig eine Pränataldiagnostik empfohlen wird. Ehepaare in asiatischen und afrikanischen Ländern nutzen dieselbe Methode im wesentlichen zur Selektion gegen Töchter. Dabei machen allerdings die europäischen und nordamerikanischen Paare, die die "Gender Clinics" in London oder New York aufsuchen, ihre Entscheidung für ein bestimmtes Geschlecht fast ausnahmslos von dem Geschlecht der Kinder abhängig, die sie bereits haben, streben also eine Familie an, die dem verbreiteten Ideal einer "balanced family" mit mindestens einem Sohn und einer Tochter entspricht (vgl. Dahl 1998, 84 f).

Wie sind diese Ziele moralisch zu bewerten? Der Wunsch, ein gesundes Kind oder eine "balanced family" zu haben, scheint moralisch ebenso wenig zu beanstanden wie der Wunsch, unter den Bedingungen übermächtiger sozialer und religiöser Traditionen die Geburt von Töchtem zu vermeiden und den wirtschaftlichen Belastungen für sich und die eigene Familie durch horrende Mitgiftzahlungen zu entgehen. Die Tatsache, daß die Motive hinter diesen Zielen in der Regel nicht uneigennützig sind, macht sie zwar nicht moralisch vorbildlich, aber auch nicht moralisch kritikwürdig. Daß der soziale Druck auf die Zeugung von Söhnen und die Zahlung von Mitgiften seinerseits nicht zu billigen ist (die indische Regierung hat seit längerem sowohl die Mitgiftzahlungen als auch die Mitteilung des Geschlechts bei pränataler Diagnostik verboten), reicht nicht hin, die Bereitschaft, ihm zu entsprechen, für in derselben Weise kritikwürdig zu halten. Konformismus ist für sich genommen nicht kritikwürdig, solange Nonkonformismus heroische Anstrengungen verlangt.

Gegen die These, daß die der Selektion zugrunde liegenden Ziele in der Regel moralisch unbedenklich sind, könnte eingewendet werden, daß diese Ziele zu einem bestimmten Teil auf Fehleinschätzungen beruhen, und zwar sowohl hinsichtlich der Chancen der Zielerreichung als auch hinsichtlich der zugrundeliegenden Bewertungen. Bekannt sind etwa die groben Fehleinschätzungen der Möglichkeiten einer auf ganze Populationen zielenden genetischen "Verbesserung" durch selektive Fortpflanzung seitens der Eugenik-Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die meisten Zielsetzungen einer "Ausmerzung" genetisch bedingter schwerer Krankheiten sind schon deshalb illusionär, weil sie die Möglichkeit von Neumutationen unberücksichtigt lassen. Vielfach gehen aber auch in die Zielsetzungen auf individueller Ebene Fehleinschätzung ein, wie etwa hinsichtlich der Chance, sich mit einem nicht wunschgemäß ausgefallenen Kind abzufinden oder der eigenen Fähigkeit und Bereitschaft, den eigenen Lebensstil den Anforderungen des Kindes anzupassen. Weithin wird die Fähigkeit eines chronisch kranken oder behinderten Kindes unterschätzt, mit seinen Beschränkungen erfolgreich zurechtzukommen.

Fehleinschätzungen systematischer Art scheinen insbesondere Normalitätsvorstellungen zugrunde zu liegen, wenn diese als in irgendeiner Weise objektiv vorgegeben aufgefaßt werden, sei es empirisch in der Gestalt eines statistischen Durchschnittswerts oder metaphysisch-anthropologisch im Sinne einer objektiven Teleologie. Es scheint grundsätzlich fraglich, ob Normalitätsstandards objektiv, d h. unabhängig von individuellen oder sozialen Wertungen begründet werden können. Normalitätsvorstellungen nehmen zumeist eine Zwischenstellung zwischen eindeutig deskriptiven und eindeutig normativen Vorstellungen ein. In sie gehen sowohl Bestandteile ein, die sich auf objektive Funktionsstörungen beziehen und über die intertemporell und interkulturell ein gewisses Maß an Übereinstimmung besteht, als auch in stärkerem Maße historisch und kulturell variable soziale Normen. Oft ist sogar bereits die Auswahl der Funktionen, auf die die objektiven Funktionsstörungen bezogen sind, kulturell geprägt, wie etwa bei der für Leistungsgesellschaften kennzeichnenden Leistungsmotivation, die "Antriebsschwache" tendenziell zu Behinderten macht. Funktionsstörungen sind aber stets nur auf dem Hintergrund bestimmter Normen der Funktionstüchtigkeit und nicht schon als solche Behinderungen, Krankheiten oder Defizite. (Aber selbstverständlich sind Behinderungen, Krankheiten und Defizite keine bloßen sozialen Konstruktionen.)

Auch wenn man zugesteht, daß die Zielsetzungen von Selektionen vielfach die genannten kognitiven Defizite aufweisen, folgt daraus nicht auch schon ein moralischer Vorbehalt gegen diese Zielsetzungen. Daß die Zielsetzungen einer Praxis der Selektion unklug, illusorisch oder abwegig ist, zeigt nicht, daß diese Zielsetzungen selbst moralisch bedenklich sind. Auch die Tatsache, daß diese Zielsetzungen in vielen Fällen bloßem Konformismus gegenüber sozialen Normen entspringen, läßt sie nicht moralisch kritikwürdig werden. Auch die Zielsetzungen, die viele Eltern mit der ganz "normalen" Zeugung eines Kindes verbinden, sind häufig konformistisch, unaufgeklärt oder illusorisch (sie rechnen z. B. nicht damit, daß sich die Beziehung zwischen den Eltern nach der Geburt des ersten Kindes häufiger verschlechtert als verbessert).

Eine andere Kritik an den Zielen der Selektion richtet sich gegen die mögliche Trivialität dieser Ziele. Zur negativen Utopie der Brave New World, wie sie von Kritikern der Reproduktionsmedizin gern ins Feld geführt wird, gehört das Bild von "Baby-Farmen", in denen durch Selektion noch die idiosynkratischsten Wünsche - etwa nach blauen Augen und athletischer Figur - befriedigt werden. Aber dieserart Kritik geht fehl, wenn sie unterstellt, diese Zielsetzungen wären für sich genommen moralisch kritikwürdig. Kritikwürdig sind sie eher unter ästhetisch-geschmacklichen als unter moralischen Gesichtspunkten. Ein kritisches Potential haben Argumente dieser Art erst unter der Voraussetzung der moralischen Bedenklichkeit der entsprechenden Praxis. Erst wenn gezeigt ist, daß diese Praxis selbst moralisch bedenklich ist, wird die Trivialität ihrer Zielsetzungen relevant. Denn dann sind triviale Ziele weniger geeignet, die Bedenken gegen die Praxis aufzuwiegen als existentiell wichtige.

Die Zielsetzungen der Selektion sind in vielen Fällen nicht nur moralisch unbedenklich, sondern auch moralisch löblich, etwa die auf das Wohl anderer zielenden Zielsetzungen der zweiten Kategorie. Hier sind die Ziele medizinisch indizierter oder motivierter Selektionen zum großen Teil dieselben wie bei präventiven und therapeutischen Maßnahmen, nämlich die Herstellung und Sicherung von subjektiver Lebensqualität und die Beseitigung und Verhinderung von Funktionsstörungen. Es kann nicht an einem Unterschied in den Zielsetzungen liegen, wenn die in einem frühen Stadium (möglicherweise schon im Mutterleib) ansetzende präventive oder therapeutische Behandlung einer Krankheit des zukünftigen Kindes intuitiv als moralisch verdienstvoller beurteilt wird als die Verhinderung der Geburt des belasteten Kindes (mit der Aussicht auf die nachfolgende Geburt eines unbelasteten Kindes), denn beide Verfahrensweisen unterscheiden sich wesentlich nur in den Mitteln. Einmal wird ein bereits existierendes Individuum präventiv oder kurativ behandelt, so daß ein Krankheits- oder Behinderungszustand Z mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit behoben oder verhindert wird. Das andere Mal wird ein Individuum zur Existenz gebracht oder ausgewählt, das mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Krankheits- oder Behinderungszustand Z nicht aufweist und nicht aufweisen wird.

Eine auf das Wohl anderer zielende Zielsetzung wird auch dadurch nicht weniger löblich, daß sie sich statt auf Individuen auf Gruppen, Populationen oder Nachkommenslinien, also auf Kollektive bezieht und sich damit in den Dunstkreis des negativ konnotierten Begriffs der Eugenik begibt. Es wäre paradox, das Ziel, mit der Verhinderung der Geburt eines belasteten Kindes die Geburt weiterer belasteter Kinder zu verhindern, als weniger moralisch löblich zu beurteilen als das Ziel, die Geburt lediglich eines eigenen belasteten Kindes zu verhindern. Es kann nicht schlechter sein, zwei Menschen vor derselben Belastung zu bewahren als einen. Im übrigen ist eine auf ein Kollektiv zielende Prävention in der Regel eindeutiger altruistisch motiviert als eine, der es um die eigenen unmittelbaren Nachkommen geht.



4. Die Eskalationsreihe der Selektionsstadien

Das Ergebnis der bisherigen Überlegungen ist, daß sich die moralischen Vorbehalte gegenüber der Selektion bei Lebensbeginn weder durch die Tatsache, daß mit Verfahren der Selektion ein Moment von Ziel-Mittel-Rationalität in die menschliche Fortpflanzung eingeführt wird, noch durch die der Selektion in der Regel zugrunde liegenden konkreten Ziele rechtfertigen lassen. Lassen sie sich durch die moralische Bedenklichkeit der Mittel rechtfertigen, mit denen Selektionen vorgenommen werden?

Es ist offenkundig, daß die intuitiven Bewertungen der Selektion zu einem großen Anteil davon abhängen, in welcher Weise sich diese konkret vollzieht. Unsere spontanen Intuitionen scheinen sich dabei an bestimmten Schwellen zu orientieren, die "Sprünge" in einer Bewertungsskala markieren, die von "unbedenklich" bis "eindeutig unzulässig" reicht.

Eine erste wichtige Schwelle liegt zwischen Selektionsverfahren, die weder eine aktive Vernichtung noch ein passives Zugrundegehenlassen einer oder mehrerer menschlicher Individuen oder ihrer Vorstufen involvieren, und solchen, die notwendig entweder mit dem einen oder dem anderen verbunden sind. Zu den Verfahren diesseits der Schwelle gehören die gezielte Partnerwahl nach Testung des Partners (etwa auf Heterozygotie für Thalassämie in einigen Mittelmeerländem), die Wahl des Zeugungszeitpunkts nach dem Krankheitsrisiko des Kindes (etwa bei Rötelnerkrankung der Mutter) oder die Gametenselektion vor der Befruchtung.

Das erste Verfahren, die selektive Partnerwahl, ahmt auf bewußt-rationaler Ebene genau das nach, was Schopenhauer in seinem in die Soziobiologie des 20. Jahrhunderts vorausweisenden Essay "Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe" mehr oder weniger spekulativ für die Partnerwahl im allgemeinen postuliert hat, nämlich daß sie unbewußt auf die "Qualität" der zusammen mit dem Partner zu zeugenden Nachkommen zielt (vgl. Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung, 2. Band, Kap. 44). Es wird gegenwärtig in Bezug auf heterozygot vererbte Krankheiten vor allem in Israel (Tay-Sachs) und in Griechenland und Zypern (Thalassämie) praktiziert. Das zweite Verfahren, die Gametenauswahl, ist seit langem Teil der In-vitro-Fertilisation, bei der Spermien vor der Befruchtung nicht nur nach Gesichtspunkten der Vitalität, sondern teilweise auch des genetischen Risikos selegiert werden. Eine entsprechende Selektion von Eizellen ist inzwischen mithilfe der sogenannten Polkörperdiagnostik möglich, bei der der haploide Chromosomensatz des "Polkörpers" der Eizelle (u. a. auf Trisomie 21) untersucht werden kann, bisher allerdings nur mit einem beträchtlichen Risiko, daß die untersuchte Eizelle abstirbt. Eine Geschlechtsselektion durch Insemination mit Spermien, die entweder das X- oder das Y-Chromosom tragen, ist seit einiger Zeit mithilfe der Technik des "flow sorting" möglich. Diese - bisher allerdings nur im Zusammenhang mit einer Invitro-Fertilisation einsetzbare - Methode hat eine Erfolgswahrscheinlichkeit von ungefähr 90%. Mit einer weiteren Vervollkommnung der Separationstechnik ist für die Zukunft zu rechnen.

Alle diese Verfahren erscheinen durchweg "unschuldiger" als Verfahren jenseits dieser Schwelle. Stellten wir uns vor, daß die Selektion von Nachkommen ausschließlich durch Verfahren diesseits der Schwelle praktiziert würde, wäre kaum denkbar, daß die Selektion dieselben negativen Konnotationen besäße, wie ihr gegenwärtig zugeschrieben werden. Der entscheidende Umstand liegt darin, daß die Auswahl in diesen Fällen jeweils entweder nur zwischen gedachten oder möglichen und nicht zwischen realen Individuen erfolgt bzw. (bei der Gametenselektion) in einem Stadium, in dem noch nicht von einem menschlichen Individuum, sondern allenfalls von Vorstufen dazu gesprochen werden kann.

Gibt es einen intrinsischen, der Praxis selbst innewohnenden Grund, die Selektion mittels der Wahl des Zeugungspartners oder -zeitpunkts oder mittels "Präkonzeptionsdiagnostik" moralisch in Frage zu stellen? Wenn diese Verfahren problematisch sind, dann allenfalls wegen bestimmter Folgenaspekte wie der möglichen Störung und Zerstörung von emotionalen Beziehungen durch eine an Präventionsgesichtspunkten orientierte Partnerwahl (die im übrigen auch das herkömmliche Verbot von Verwandtenehen betrifft) oder die Auswirkungen auf die Träger derjenigen Merkmale, gegen die mithilfe dieser Techniken selegiert wird (wie der Thalassämiekranken auf Zypern oder der Frauen in Indien).

Intrinsische Gründe scheinen stärker gegen die Verfahren jenseits der ersten Schwelle zu sprechen, die das Leben eines menschlichen Individuums beenden mit dem Ziel, statt des eliminierten ein anderes Leben sich entwickeln zu lassen. Intuitiv scheint dabei die moralische Bedenklichkeit des Verfahrens von der einen zur anderen Eskalationsstufe ceteris paribus zuzunehmen:

    1. die Selektion von transferierten Embryonen nach Präimplantationsdiagnostik,
    2. die selektive Abtreibung von Embryonen oder Föten nach Pränataldiagnostik,
    3. die selektive Spätabtreibung von Föten (bei Lebensfähigkeit ex utero) nach Pränataldiagnostik,
    4. die selektive Früheuthanasie von Neugeborenen.
Die Schwellen liegen jeweils bei der Einnistung des Embryos (zwischen 1 und 2), bei dem Übergang zur Lebensfähigkeit (zwischen 2 und 3) und bei der Geburt (zwischen 3 und 4). Insgesamt entsprechen diese Schwellen sowohl verbreiteten intuitiven Urteilen als auch verbreiteten rechtlichen Regelungen - auch wenn die Beurteilungen im einzelnen erheblich divergieren. So stellt etwa die Bundesärztekammer in ihrer Empfehlung zu Spätabtreibungen nach Pränataldiagnostik fest, daß "aus ärztlicher Sicht ... sich der Schutzanspruch des ungeborenen Kindes bei Überlebensfähigkeit außerhalb der Gebärmutter nicht von dem des geborenen" unterscheidet (xxx). Nach der erwähnten Umfrage von Zimmermann et al. meinen zwei Drittel der befragten Kinderärzte, daß ein solcher Unterschied besteht (Zimmermann et al. 1997, 65). Sowohl das intuitive Urteil wie auch das Rechtssystem schreibt dem sich entwickelnden Embryo oder Fötus ein mit dem Entwicklungsstadium wachsendes Lebensrecht zu. Die Verwerfung eines frühen Embryos im 6- oder 8-Zellenstadium nach Präimplantationsdiagnostik wird von den meisten als nicht sonderlich gravierend beurteilt - im Gegensatz zu einer zu Selektionszwecken vorgenommenen Abtreibung, Spätabtreibung und Früheuthanasie, mit denen sich die wahrgenommene Schutzwürdigkeit des Fötus bzw. Kindes sukzessiv der Schutzwürdigkeit des Erwachsenen annähert. Dieselben Abstufungen finden sich in den rechtlichen bzw. standesethischen Regelungen. Bis zur Einnistung zählt die Vernichtung des Embryos nach § 218 StGB rechtlich nicht als Abtreibung, unterliegt also nicht dem für spätere Abtreibungen geltenden Verdikt der Rechtswidrigkeit. Zwischen Einnmistung und Erwerb der Lebensfähigkeit ist die Abtreibung teils (bis zum Ende des ersten Trimesters) rechtswidrig, aber unter schwachen Bedingungen straffrei, teils (nach dem ersten Trimester) unter Strafandrohung verboten, aber bei Vorliegen großzügiger medizinischer und psychologischer Indikationen rechtlich sogar gerechtfertigt. Für die Entwicklungsstadien nach Erwerb der Lebensfähigkeit gilt seit kurzem die standesethische Empfehlung, daß Ärzte in dieser Phase (außer bei Ungeborenen, die so schwer geschädigt sind, daß bei ihnen auch nach der Geburt keine medizinischen Maßnahmen unternommen würden) keine Abtreibungen mehr vornehmen sollen, auch wenn dies in Einzelfällen von der Mutter (wegen erst bei später Ultraschalldiagnostik erkannter Schädigungen) gewünscht wird. Die Früheuthanasie schließlich ist nach dem Buchstaben des Strafgesetzes als Tötung bzw. Tötung durch Unterlassen zu werten. In der Praxis werden für sie jedoch die weniger strengen Richtlinien der sogenannten Einbecker Empfehlung gelten gelassen.

Damit scheinen die intuitiven Differenzierungen aber noch nicht hinreichend erfaßt. Zumindest uriter Ärzten scheint die Beurteilung der Selektionsmethoden u. a. auch davon abzuhängen, wieweit sie als "aktive" Vernichtung und inwieweit sie als "passives" Zugrundegehenlassen gedeutet werden. Während die "Verwerfung" eines Embryos nach Präimplantationsdiagnostik keine aktive Zerstörung beinhaltet und auch die Früheuthanasie in Deutschland in der Regel passiv (durch Unterlassen ärztlicher Maßnahmen) erfolgt, erfordern Abtreibungen gezielte aktive Eingriffe, wobei sich die aktiven Verfahren in dem Grad ihrer "Gezieltheit" noch einmal unterscheiden. Der selektive Fetozid, bei dem der oder (bei Mehrlingen) einer von mehreren Föten durch eine Spritze ins fötale Herz getötet wird, mutet "gezielter" an als die Abtreibung mit dem Absaug- oder Prostaglandinverfahren und wird womöglich auch deshalb (zumindest in Deutschland) seltener praktiziert - allerdings mit der bedenklichen Konsequenz, daß ein Drittel der "spätabgetriebenen" Föten überlebt.

Im Gegensatz zur gestuften, aber mit der Reifung des ungeborenen Kindes insgesamt kontinuierlich wachsenden Schutzwürdigkeit, wie sie für die intuitive moralische Wahrnehmung kennzeichnend ist, wird in der philosophisch-ethischen Diskussion eine Abstufung des Lebensrechts vorwiegend abgelehnt. Die Ethik tendiert eher dazu, eine einzige Schwelle zu definieren, mit der das volle Lebensrecht einsetzt, so daß sich eine Vielzahl unterschiedlicher und mit den intuitiven Bewertungen nur selten in Übereinstimmung zu bringender Grenzziehungen ergeben. Der Grund liegt u. a. darin, daß für die intuitive Betrachtungsweise Merkmale relevant sind, die philosophisch nicht ins Gewicht fallen. Der Hauptfaktor für die populäre Intuition scheint die mit der Reifung kontinuierlich zunehmende Gestaltähnlichkeit des Fötus mit dem ausgereiften Kind zu sein. Aus ethischer Sicht ist diese Variable jedoch allenfalls psychologisch ausschlaggebend. Würde die fötale Entwicklung nicht kontinuierlich, sondern durch Metamorphose verlaufen, mit einem langem Stadium der Verpuppung vor der Verwandlung in die Endgestalt, würden die intuitiven Beurteilungen der Schutzwürdigkeit möglicherweise anders ausfallen. Dagegen bliebe die ethische Beurteilung, die sich primär auf unanschauliche Merkmale des Fötus bezieht, weitgehend unverändert. Die drei ethischen Standardargumente für ein Lebensrecht des menschlichen Embryos oder Fötus, das sogenannte Potentialitätsargument, das Identitätsargument und das Argument der Gattungszugehörigkeit lassen jedenfalls im Gegensatz zur intuitiven Beurteilung eine Abstufung der Schutzwürdigkeit nach der Entwicklungshöhe nicht zu.

Die intrinsischen (nicht folgenorientierten) Argumente reichen m. E. nicht aus, die moralische Unzulässigkeit der Abtreibung und der Früheuthanasie zu begründen (vgl. Birnbacher 1995). Die moralische Unzulässigkeit beider Praktiken läßt sich, wenn überhaupt, nur indirekt, über das Interesse der Gesellschaft an der Aufrechterhaltung eines strengen Lebensschutzes bei anderem Leben als dem, um das es in diesen Fällen geht, begründen. Dafür ist eine Grenzziehung unumgänglich, die möglichst eindeutig festlegt, ab wann dem Kind ein Lebensrecht zukommt. Wie Norbert Hoerster (1991, 132 ff.) erscheint mir dafür der Zeitpunkt der Geburt die beste Option. Für die Geburtsgrenze spricht außer deren Eindeutigkeit und problemloser Feststellbarkeit, daß vor der Geburt das Kind nach bestem Wissen noch ohne Selbstbewußtsein und ohne ein Bewußtsein von Leben und Tod ist und deshalb den ihm im Zuge der Selektion auferlegten Tod nicht fürchten kann.



5. Das Expressionsargument

Die Vorbehalte gegen die Selektion sind mit der ethischen Analyse der zur Selektion eingesetzten Mittel aber zweifellos nicht ausgeschöpft. Der eigentlich anstößige Punkt an der Selektion ist für viele ja nicht das dazu eingesetzte Mittel, sondern seine Selektivität. Was bei der selektiven Abtreibung in besonderer Weise als bedenklich empfunden wird, ist nicht die Abtreibung als solche, sondern die Tatsache, daß zwischen denen, die leben und denen, die nicht leben sollen, eine Wahl getroffen wird.

Anders als die Lebensschutzargumente richtet sich das Expressionsargument (der Ausdruck stammt aus der US-amerikanischen Diskussion) ausschließlich gegen den selektiven Aspekt. Dieses Argument besagt erstens, daß jede Selektion menschlichen Lebens ein implizites Urteil über den Lebenswert des ausgesonderten Kindes enthalte, nämlich das, diesem Kind das Lebensrecht abzusprechen, und zweitens, daß es damit auch allen anderen Trägem des betreffenden Merkmals das Lebensrecht abspricht. Verworfen werde das abgelehnte Kind ja qua Träger eines bestimmten unerwünschten Merkmals - seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner möglichen Behinderung und Krankheit bzw. der Disposition dazu. Nach dem Expressionsargument ist die Selektion primär nicht deshalb bedenklich, weil sie mit der Vernichtung werdenden menschlichen Lebens einhergeht, sondern weil sie Implikationen auch für diejenigen hat, die gar nicht primär Gegenstand der Selektion sind, deren Lebensrecht aber durch die Selektion indirekt mitbedroht ist.

Entgegen dem ersten Anschein ist das Expressionsargument ein intrinsisches und kein folgenorientiertes Argument. Das Argument bezieht sich nicht darauf, daß sich die Träger der Eigenschaften, gegen die selegiert wird, durch die Praxis der Selektion in ihrem Lebensrecht möglicherweise beeinträchtigt fühlen. Es bezieht sich darauf, daß ihr Lebensrecht- unabhängig davon, wie sie selbst es wahrnehmen - durch die Praxis der Selektion tätsächlich verletzt oder beeinträchtigt wird. Deshalb ist es nicht unter empirischen, sondern unter hermeneutisch-semantischen Gesichtspunkten zu diskutieren.

Wird durch die Selektion gegen ein Merkmal M bei den eigenen Nachkommen das Lebensrecht der Träger von M insgesamt verletzt? Das hängt davon ab, wie der Gehalt des Akts der Selektion rekonstruiert wird - wobei die Adäquatheit dieser Rekonstruktion wiederum davon abhängt, wie dieser Akt von denen, die ihn vomehmen, verstanden wird.

Nehmen wir an, daß die Selektion durch selektive Abtreibung erfolgt und daß diejenigen, die die Selektion vomehmen, diese für moralisch gerechtfertigt halten. Daraus folgt, daß sie nicht bereit sind, dem als Träger des Merkmals M abgetriebenen Fötus F ein Lebensrecht zuzuschreiben, zumindest kein alle anderen möglicherweise beteiligten Rechte dominierendes Lebensrecht. Welche Gründe haben sie aber, F das Lebensrecht vorzuenthalten? Hier kommen im wesentlichen drei Möglichkeiten in Frage:

    1. weil es sich bei F um einen Fötus handelt,
    2. weil es sich bei F um einen Fötus mit M handelt,
    3. weil es sich bei F um einen Träger von M handelt.
Im ersten Fall wird F das Lebensrecht abgesprochen, weil es jedem Fötus unabhängig von seinem besonderen Merkmalen abgesprochen wird. Im zweiten Fall wird für die fötalen Träger von M eine Ausnahme vom Tötungsverbot gemacht. Im dritten wird für die Träger von M insgesamt eine solche Ausnahme gemacht. Das Ergebnis ist eindeutig: Nur wer eine selektive Abtreibung im Sinne der dritten Interpretation versteht, erklärt damit auch die erwachsenen Träger von M für vogelfrei. Solange er eine der beiden ersten Interpretationen vertritt, ist diese weitreichende Implikation nicht Teil dessen, was er tut und zu vertreten hat. Gegen die Unterstellung, mit der Abtreibung eines fötalen M auch allen anderen M das Lebensrecht streitig zu machen, wird er sich erfolgreich wehren, indem er auf die besonderen Eigenschaften des Fötus verweist, die bei diesem - im Gegensatz zum Erwachsenen - das Tötungsverbot relativieren.

Das Expressionsargument wird also bei dem, der Selektion vom Handlungssinn her auf das fötale Stadium beschränkt sieht, nicht verfangen. Dennoch stellt sich die Frage, ob nicht auch der Vertreter einer der ersten beiden Interpretationen sich zumindest in die Nähe der dritten Interpretation begibt, indem er Ms gegenüber nicht-Ms abwertet. Auch wenn für ihn die Trägerschaft von M für sich genommen kein Grund zu einer derart massiven Entwertung ist, wie sie einer Aberkennung des Lebensrechts entspricht, ist doch nicht zu leugnen, daß mit der Bevorzugung von nicht-Ms gegenüber Ms zwangsläufig eine differentielle Bewertung verbunden ist, bei der M gegenüber nicht-M schlechter abschneidet.

In der Tat impliziert eine Selektion der hier vorausgesetzten qualitativen Art notwendig ein Werturteil derart, daß es besser ist, wenn nicht-M lebt, als wenn M lebt. Nur läuft dieses Werturteil im allgemeinen nicht darauf hinaus, daß Ms deshalb, weil sie M sind, irgendwelche Rechte aberkannt werden, die nicht-Ms zuerkannt werden. Auch dann, wenn sich in diesem Werturteil ein Minderschätzung dieses oder aller Ms ausdrückt, bedeutet diese Minderschätzung im allgemeinen keine Entrechtung. Wenn ich etwas gegen Rothaarige habe und Nicht-Rothaarige in meinem persönlichen Umgang bevorzuge, bedeutet das nicht, daß ich Rothaarigen irgendwelche Rechte streitig mache.

Aber zweifelhaft ist bereits, ob sich in dem mit der Bevorzugung von nicht-M vorausgesetzten Werturteil überhaupt eine Minderschätzung dieses oder aller Ms ausdrücken muß. Was sich darin ausdrückt, kann zunächst auch nur die Minderschätzung der Eigenschaft M gegenüber der Eigenschaft nicht-M sein. Eine solche Minderschätzung scheint bereits durch die Begriffe "Krankheit", "Behinderung", "Belastung" usw. impliziert: Ceteris paribus ist es stets besser, eine Krankheit, Behinderung oder Belastung nicht zu haben. Aber auch das geht schon zu weit, denn eine Selektion zugunsten eines Kindes mit einem bestimmten Geschlecht oder zugunsten eines Kindes ohne eine bestimmte Behinderung kann auch schlicht dadurch motiviert sein, daß die Eltern bereits vier Kinder des anderen Geschlechts oder ein Kind mit derselben Behinderung haben, so daß ihre Wahlentscheidung kein allgemeines Urteil über die Eigenschaft M impliziert, sondem lediglich ein singuläres Urteil über M-jetzt-und-hier und M-unter-diesen-Umständen.

Ob und inwieweit das in einer Selektion enthaltene Werturteil eine Minderschätzung von M bzw. Ms im allgemeinen ausdrückt, läßt sich nicht unabhängig von den der Bewertung jeweils zugrunde liegenden Motiven beurteilen. Wenn die Eltern mit der Selektion gegen M vor allem eigenen Belastungen entgehen oder Belastungen des späteren M oder Dritter vermeiden wollen, wird durch das vorziehende Werturteil nicht notwendig auch eine intrinsische Bewertung von M ausgedrückt. Auch nicht-selektive Entscheidungen zur Abtreibung eines Kindes aus Gründen der Vermeidung von Belastungen drücken kein Werturteil über dieses Kind oder Kinder im allgemeinen aus. Wer kein Kind jetzt-und-hier oder überhaupt kein Kind möchte, erweist sich dadurch noch nicht als "kinderfeindlich". Wer kein behindertes oder weibliches Kind jetzt-oder-hier oder überhaupt möchte, erweist sich deswegen noch nicht als "behinderten-" oder "frauenfeindlich". Anders, wenn die Eltern eine persönliche Präferenz für nicht-Ms allgemein haben oder wenn sie aufgrund bestimmter Normalitätsvorstellungen Ms für nicht-normgemäß halten. In diesem Fall drückt die Selektion in der Tat eine Minderschätzung der Eigenschaft M generell aus. Ob eine derartige präferentielle oder axiologische Minderschätzung deshalb auch schon moralisch bedenklich ist, ist eine andere Frage. Wenn sie moralisch bedenklich ist, dann, wie es scheint, weniger aus intrinsischen als aus folgenorientierten Gründen - wegen ihrer Folgen für den individuellen und sozialen Umgang mit Menschen mit den entsprechenden Eigenschaften. Insofern verweist das Expressionsargument bereits von sich aus auf die folgenorientierten Argumente gegen Selektionen am Lebensbeginn, denen wir uns abschließend zuwenden wollen.



6. Das Kränkungsargument

Das Kränkungsargument ist in gewisser Weise das empirisch-folgenorientierte Pendant zum Expressionsargument. Es besagt, daß eine Selektion gegen ein bestimmtes Merkmal M die Gefühle sowohl der Träger von M als auch der ihnen Nahestehenden verletzen muß. Die lebenden Ms müssen sich sagen, daß sie, hätten ihre Eltern über die entsprechenden Techniken verfügt, wegen M möglicherweise nicht geboren worden wären. Müssen sie sich nicht als Stigmatisierte fühlen, die einem Anschlag auf ihr Leben gerade noch entronnen sind?

Beim Kränkungsargument geht es ausschließlich um die faktischen Gefühle der Betroffenen, nicht darum, ob diese berechtigt oder unberechtigt sind. Deshalb muß das Kränkungspotential einer Selektion unabhängig davon abgeschätzt werden, welchen Handlungssinn die Eltern damit im einzelnen verbinden.

Diese Abschätzung ist allerdings alles andere als leicht. Versuchsweise lassen sich einige Faktoren angeben, von denen das Ausmaß der von einer Praxis der Selektion ausgehenden Kränkung mitbestimmt wird. Diese sind teilweise identisch mit den Faktoren, die wir bereits auf ihre moralische Relevanz geprüft und zumeist als moralisch irrelevant verworfen haben. Ein Teil dieser Faktoren gewinnt also auf dem Umweg über das Kränkungsargument ein gewisses Maß indirekter moralischer Relevanz zurück.

Bei den Zielen der Selektion liegt die Annahme nahe, daß Selektionen aufgrund Motive axiologischer Art der Tendenz nach als kränkender empfunden werden als solche, die auf persönliche Präferenzen und altruistische Motive zurückgehen. Axiologischen Standards nicht zu genügen, bedeutet schließlich, einer als allgemeingültig angesehenen Norm nicht zu genügen, also "unnormal" zu sein. Allerdings scheint der kognitive Status, den ihre Vertreter einer Normalitätsnorm beimessen, sehr viel weniger entscheidend zu sein als die Tatsache, wie verbreitet und etabliert die jeweilige Normalitäts- und Erwünschtheitsnorm ist. Solange axiologische Normalitätsvorstellungen nur von einer kleinen Minderheit vertreten werden, geht von ihnen keine Kränkung aus. Falls Albinismus pränatal diagnostizierbar werden sollte, aber nur eine kleine Minderheit Albinismus als "unnormal" ablehnt, würden Albinos und die ihnen Nahestehenden oder mit ihnen Sympathisierenden eine von dieser Minderheit vorgenommene Selektion kaum als besonders kränkend empfinden. Auch Selektionen aufgrund persönlicher Präferenzen dürften genau in dem Maße als kränkend empfunden werden, in dem sie gesellschaftlich etabliert sind (vgl. Rippe 1997, 27). Viele Inderinnen fühlen sich durch die Selektion gegen Mädchen diskriminiert, auch ohne daß das Merkmal "weiblich" als "unnormal" gesehen wird.

Hinsichtlich der Mittel der Selektion scheint die Annahme plausibel, daß das Kränkungspotential um so höher ist, je später die Selektion vorgenommen wird und je mehr sie deshalb Züge einer vorgezogenen "Euthanasie" im Nazi-Sinne annimmt. Indirekt wird deshalb auch hier wieder eine Unterscheidung relevant, die unter intrinsischen Gesichtspunkten nicht in der gleichen Weise moralisch relevant ist. Insbesondere späte Abtreibungen, bei denen ein bereits lebensfähiger Fötus getötet wird, dürften unter diesem Gesichtspunkt als kränkender wahrgenommen werden als frühe Abtreibungen. Gleichzeitig ist die Tatsache, daß die Mutter erheblichere physische und psychische Belastungen in Kauf nimmt, als er für eine frühe Abtreibung erforderlich ist, ein Hinweis auf den sehr viel ausgeprägteren Willen zur Selektion.

Damit sind aber vielleicht die wichtigsten Faktoren zur Erklärung des unterschiedlichen Kränkungspotentials von Selektionen noch gar nicht genannt. Der wichtigste Faktor dürfte das Ausmaß sein, in dem sich die Träger des Merkmals M, gegen das eine Selektion stattfindet, auch anderweitig ausgegrenzt oder diskriminiert fühlen. Je stärker sie auch in anderen Sektoren der Gesellschaft darunter zu leiden haben, daß sie von ihrer Umwelt für minderwertig gehalten werden (und sich möglicherweise auch deshalb selbst für minderwertig halten), desto eher werden sie die Aussonderung von pränatalem Leben durch reproduktionsmedizinische und gynäkologische Selektion als Symptom einer allgemeinen Ausgrenzungstendenz erleben, die sich in den privaten Selektionswünschen der betreffenden Eltern lediglich reproduziert.

Ein nicht ganz unwichtiger Faktor scheint darüber hinaus das Ausmaß zu sein, in dem staatliche oder andere kollektive Instanzen an der Ermöglichung und Förderung von Selektionen beteiligt sind, z. B. durch die Einrichtung von humangenetischen Beratungskapazitäten, durch die Förderung von Screening-Programmen, durch versicherungsrechtliche Bestimmungen mit einem zusätzlichen Anreiz zur Selektion oder durch Hinweise auf die finanzielle Entlastungswirkungen der Inanspruchnahme von Selektion auf die Sozialbeiträge. In dieser Hinsicht versucht die gegenwärtige Regelung eine Gratwanderung: Das Rechtssystem macht durch entsprechende Haftungsverpflichtungen die Aufklärung über das bestehende Risiko und das Angebot der pränatalen Diagnostik ab einem bestimmten Alter zur Pflicht, enthält sich aber jeder Bewertung der Inanspruchnahme der pränatalen Diagnostik und der sich möglicherweise anschließenden selektiven Abtreibung.

Das Kränkungsargument scheint mir das stärkste Gegenargument gegen die Selektion. Wie stark es im einzelnen ist, kann allerdings nur mit empirischen Mitteln gezeigt werden.



7. Soziale Gefahren durch Selektion?

Einige der Gegner der Selektion argumentieren mit weiteren sozialen Gefahren, die bei einer zunehmenden Ausweitung der Nutzung der Pränataldiagnostik mit selektiver Abtreibung sowie der möglichen Einführung der Präimplantationsdiagnostik drohen. Angesichts der Ungesichertheit von Prognosen auf diesem Gebiet ist zuweilen die Sicherheit erstaunlich, mit der insbesondere christlich inspirierte Diskutanten wie Robert Spaemann und der Vizepräsident der Bundesärztekammer Jörg-Dieter Hoppe davon überzeugt sind, daß die sozialen Risiken die sozialen Chancen aus der Verfügbarkeit von Selektionsverfahren überwiegen. Selbstverständlich sind die sozialen Risiken einer Ausweitung der Selektion über das gegenwärtige Maß hinaus nicht zu leugnen. Dennoch können nicht-allein die Risiken über die ethische Bewertung entscheiden. Es immer noch die Frage zu stellen, ob diese Risiken nicht durch die ihnen gegenüberstehenden Chancen aufgewogen werden. Sollte etwa tatsächlich die Bereitschaft zur öffentlichen Unterstützung Behinderter, wie die Gegner befürchten, durch die Ausweitung der Selektion geschwächt werden, wäre damit nicht eo ipso gezeigt, daß die Verfügbarkeit von Selektionsmöglichkeiten eingeschränkt werden müßte. Es bedürfte vielmehr einer Abwägung gegen die Zugewinne an reproduktiver Freiheit für Eltern, die sich der betreffenden Verfahren bedienen wollen, sowie die Chance, daß einige schwere Krankheitsfälle vermieden werden. Ähnliches gilt für die Gefahr einer möglichen Zunahme des sozialen Drucks auf Eltern, bei bekannten genetischen Risiken von den verfügbaren Selektionsmöglichkeiten Gebrauch machen oder die Gefahren einer möglichen Veränderung des Eltern-Kind-Verhältnisses. Die Bereitschaft zur Annahme von Kindern, die von den eigenen Wunschvorstellungen abweichen, könnte weiter sinken, die Bereitschaft der schwangeren Frau, sich emotional auf das Kind einzulassen, in dem Wissen, daß die Schwangerschaft nur "auf Probe" ist, weiter abnehmen. Schon heute wird bei Frauen, die sich zu einer Pränataldiagnostik entschlossen haben, beobachtet, daß sie - verständlicherweise - erst dann bereit sind, sich emotional auf das werdende Kind einzulassen, wenn sie sicher sind, daß sie es austragen werden.

Jedes einzelne dieser Risiken ist moralisch bedeutsam. Aber um sie gegen die offensichtlichen Chancen einer Ausweitung der reproduktiven Wahlmöglichkeiten abzuwägen, bedürften sie einer empirischen Plausibilisierung. Die Erfahrungen der letzten Jahre in Europa deuten nach meiner Einschätzung nicht darauf hin, daß eine Ausdehnung der Möglichkeiten pränataler Diagnostik mit selektiver Abtreibung zu einer stärkeren Ausgrenzung hereditär Kranker und Behinderter führt. In Griechenland und Zypern hat die Praxis der Selektion gegen Thalassämie (mit Kooperation der orthodoxen Kirche) die Bereitschaft eher wachsen lassen, sich für die Thalassämiekranken einzusetzen, vor allem infolge der Entlastung der Sozialkassen und der medizinischen Kapazitäten. Es wäre ein offenkundiger Fehlschluß zu meinen, daß sich die gesellschaftliche Akzeptanz hereditär chronisch Kranker und Behinderter durch die Steigerung von deren Zahl steigern ließe. Eine rechtliche Freigabe der (gegenwärtig durch das Embryonenschutzgesetz verbotenen) Geschlechtsselektion würde in Deutschland und anderen europäischen Ländern höchstwahrscheinlich weder zu einem Ungleichgewicht in der Geschlechterverteilung noch überhaupt zu einer nennenswerten Inanspruchnahme führen, da weder eines der Geschlechter klar bevorzugt wird noch ein ausgeprägtes Interesse besteht, die Fortpflanzung ohne Leidensdruck weitergehender rationaler Steuerung zu unterwerfen.

Es kann nicht als ausgemacht gelten, ob eine Erleichterung von Selektion insgesamt mehr Leiden verhindert, aIs es durch Kränkung hervorruft, und mehr Freiheit der Lebensgestaltung ermöglicht, als es durch neu entstehenden sozialen Druck mindert. Aber aufs Ganze gesehen, scheinen mir die Vorteile doch zu überwiegen. Die Freiheit, in den vorgegebenen Grenzen über die qualitative Beschaffenheit der eigenen Kinder zu entscheiden, sollte aIs eine konsequente Erweiterung der heute bereits bestehenden Freiheit, über Zahl und zeitliche Verteilung der eigenen Kinder zu entscheiden, gesehen werden, von der - vor allem für die primär betroffenen Frauen - vergleichbare emanzipative Wirkungen zu erwarten sind. Immerhin gelten Belastungen von ähnlicher Reichweite und existentieller Bedeutung, wie sie für viele (wenn auch nicht für alle) die Geburt eines den Elternerwartungen kraß widersprechenden Kindes bedeutet, in anderen Fällen nicht nur aIs nachvollziehbar, sondern auch als besonders unterstützenswert. Entscheidungsmöglichkeiten über die qualitativen Merkmale der Kinder sind zugleich Entscheidungsmöglichkeiten über einen wesentlichen Teil des eigenen Lebens.

Falls das so ist - ich stelle das zur Diskussion - sollte der Elternwunsch nach "Wunschkindern" - d. h. in der Regel: für Kinder nicht mit bestimmten erwünschten, sondern ohne bestimmte als belastend empfundene Merkmale - von dem moralischen haut goût befreit werden, den er heute noch vielfach hat, und die Selektion betreibenden Eltern von den Schuldgefühlen entlastet werden, die von Gegnern der Selektion mit negativ konnotierten Begriffen wie "Eugenik von unten" induziert werden.



Literaturliste

Birnbacher; Dieter: Gibt es rationale Argumente für ein Abtreibungsverbot? Revue Internationale de Philosophie 49 (1995), S. 357-374.

Birnbacher, Dieter: Der Streit um die Lebensqualität. In: Joachim Schummer (Hrsg.): Glück und Ethik, Würzburg 1998, S. 125-145.

Dahl, Edgar: Junge oder Mädchen: Sollten sich Eltern das Geschlecht ihrer Kinder aussuchen dürfen? Aufklärung und Kritik 2/1998, 81-87.

Hennen, Leonhard/Thomas Petermann/Joachim J. Schmitt : Genetische Diagnostik - Chancen und Risiken. Berlin 1996.

Hoerster, Norbert: Abtreibung im säkularen Staat. Argumente gegen den § 218. Frankfurt am Main 1991.

Kitcher, Philip: Genetik und Ethik. Die Revolution der Humangenetik und ihre Folgen. München 1998.

Rippe, Klaus Peter: Pränatale Diagnostik und "selektive Abtreibung". Lausanne 1997 (Folia Bioethica 19).

Zimmermann, Mirjam, Zimmermann, Ruben, von Loewenich, Volker: Die Behandlungspraxis bei schwerstgeschädigten Neugeborenen und Frühgeborenen in deutschen Kliniken, Konzeption, Ergebnisse und ethische Implikationen einer empirischen Untersuchung. Ethik in der Medizin 9 (1997), 56-77.

xxx: Erklärung zum Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik. 20.11.1998.

siehe auch Neue Zürcher Zeitung vom 14.12.1998: Betrachtungen zum Siegeszug der Biotechnologien