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Perspektiven

Perspektiven

08.11.2004

Perspektiven in einer betreuten Wohngemeinschaft

"Das Behütetsein im Elternhaus muß irgendwann ein Ende haben"

Eigentlich ist es nichts Ungewöhnliches. Da gibt es eine Wohngemeinschaft von vier Männern in einem dichtbewohnten Wohngebiet in Düsseldorf Heerdt. Haus neben Haus, Wohnung neben Wohnung in engen Straßen.



Text Christa Lehnhoff

In einer Erdgeschoßwohnung leben Alfonso R., Branko S., Paul C. und Andreas K. (Namen sind der Autorin bekannt) mit einer Haushaltshilfe, einem Sozialpädagogen und Betreuern. Nicht viel unterscheiden sich die Wohnungen von den anderen im Hausblock, bis auf eine Wichtige Ausnahme. Sie ist behindertengerecht eingerichtet, bewohnt von vier Behinderten und trotz einer "rund-um-die-Uhr-Betreuung" keine soziale Einrichtung, sondern eine selbständige Wohngemeinschaft.

Träger ist der Johanniter-Sozial-Dienst Düsseldorf e.V. und vollkommen losgelöst von der Johanniter Unfallhilfe. Die Stadt Düsseldorf war es, die diese Wohngemeinschaft in einem ehemaligen Tante-Emma-Laden einrichtete und für diese einen Träger suchte. Es fanden sich Menschen, unter anderem Barbara Krug, eine Johanniterschwester, die sich dieser Wohngemeinschaft annahmen. Vor acht Jahren wurde ein Verein gegründet. Fünf Behinderte können dort wohnen, zur Zeit sind es vier. Drei der jungen Männer sind auf den Rollstuhl angewiesen.

Ihr Leben unterscheidet sich im Alltag wenig von anderen. Sie arbeiten in Werkstätten für Behinderte und gestalten nach Dienstschluß ihre Freizeit nach eigenen Vorstellungen und Belangen. Es wird Gemeinsames unternommen, dennoch geht ein jeder seinen eigenen Weg. Jeder besitzt einen Haustürschlüssel und wenn er möchte einen eigenen Telefonanschluß. An der Haustürklingel steht der Name des Ersteingezogenen.

Jeder entscheidet für sich alleine. Für das leibliche Wohl werden gemeinsame Überlegungen angestellt. Es gibt die gemeinsame Haushaltskasse und auch der Speiseplan wird Woche für Woche von ihnen erstellt. "Ausführendes Organ" ist eine Haushaltshilfe. Evelyn Steiner kocht hält die Wohnung in Ordnung und kauft nach den Plänen der jungen Männer ein. Pünktlich bereitet sie für Andreas eine notwendige Diätkost zu. Evelyn Steiner kommt des Morgens nicht alleine. Sie bringt Susi mit. Dieser kleine Dackel gehört wie selbstverständlich zur Wohngemeinschaft.

Jeder der Bewohner hat ein eigenes Zimmer. Dieser Privatbereich wird von den Bewohnern selbständig gepflegt. Da die Behinderungen sehr unterschiedlich sind, geschieht dies nach individuellen Möglichkeiten. Wenn Hilfe notwendig ist, dann stehen die Betreuer bereit. So wird auch bei der Wäschepflege verfahren. Gemeinsam wird ein schönes großes Wohnzimmer bewohnt. Es ist gemütlich und behindertengerecht eingerichtet, ebenso die beiden Bäder und Küchen. Rollstuhlfahrer haben keine Schwierigkeiten, sich in den Küchen zu betätigen. Unterschränke gibt es nicht, so daß am Wochenende die Männer selbst ihre Mahlzeiten herrichten können.

Die Bewohner sind nicht Mieter, sondern Untermieter, denn der Verein hat mit dem Wohnungseigentümer einen Mietvertrag abgeschlossen. Der Verein sieht sich auch nicht als "Betreuungsverein", sondern unterstützt das Anliegen der Bewohner, möglichst selbständig zu leben. Aus diesem Grund haben sich auch alle Bewohner entschlossen, in einer Wohngemeinschaft zu leben.

Alfonso, 30 Jahre alt, wohnt seit sechs Jahren hier: "Das Behütetsein im Elternhaus muß irgendwann ein Ende haben. Ich wollte mir selbst zeigen, daß ich es alleine schaffe, obwohl mir sehr bewußt ist, daß ich als Rollstuhlfahrer auf fremde Hilfe angewiesen bin. Mein Wunsch war es seit langem, mein Leben selbst zu gestalten und dies nicht anderen zu überlassen. Ich habe mir diese Wohnung angesehen, fand sie gut und bin eingezogen. Ich habe es nie bereut, doch ich habe schon den weiteren Wunsch, auch einmal in einer Wohnung ganz alleine zu leben. Aber es gefällt mir hier so gut, daß der Gedanke zur Zeit nicht so dran ist." Auch seine Beschäftigung als Mikroverfilmer in der "Werkstatt für angepaßte Arbeit" bereitet ihm viel Freude. Diese Tätigkeit spiegelt sich in der Einrichtung seines Zimmers wieder: hier findet sich eine Anzahl von Film-, Photo- und Videomaterialien.

Ohne Betreuer können die Männer nicht wohnen. Unterschiedlich sind die Hilfestellungen im pflegerischen Bereich. Neben den sechs Betreuern, die auf Honorarbasis im Wechsel dort tätig sind und nicht nur tagsüber sondern auch des Nachts zugegen sind, steht ihnen der Sozialpädagoge Norbert Pollklesener mit einer halben Stelle zur Seite. Auch seine Aufgabe ist mannigfach. Mal sind es bürokratische Abwicklungen, wie etwa Antragstellungen beim Sozialamt, die für die Behinderten zu erledigen sind, aber auch beim Arztbesuch begleitet Pollklesener die jungen Männer. In der Wohnung hat der Sozialpädagoge ein kleines Büro. Die jungen Männer fühlen sich wohl, das zeigt nicht nur die wohnliche Atmosphäre, sondern ihr Zusammensein. Jeder nimmt Rücksicht auf den anderen und fordert es auch auf eine besondere Art für sich ein. Probleme mit der Nachbarschaft gibt es nicht, obwohl zahlreiche Mieter mit im Haus leben. "Es kommt vor", so Alfonso, "daß die Nachbarin anschellt. Zu Weihnachten brachte sie uns einen Teller selbstgebackener Plätzchen."

Wie in einer anderen Familie, so gibt es auch hier Probleme. Branko, 29 Jahre, lebt seit drei Jahren in dieser Wohngemeinschaft. Zuvor wohnte er in einem Internat für körperbehinderte Menschen, da er nicht mit den Eltern in die Heimat Kroatien gehen wollte. Ich bin in Deutschland geboren und möchte hier leben". Mit dieser deutlichen Aussage suchte er nach dem Internatsbesuch nach Adressen von Wohngemeinschaften. Mir gefiel es hier." Branko fühlt sich wohl in dieser Gemeinschaft, aber er ist nicht zufrieden. Auf alle Bewerbungen, als Elektriker erhielt er Absagen. ,Oft ohne Begründungen. Ich weiß sehr wohl, daß es schwierig ist, auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu bekommen, aber als Behinderter hat man null Chancen. Das ist nun mal so. Ich bewerbe mich immer wieder und immer weiter, denn mein Wunsch heißt: Arbeit finden und Geldverdienen und dann vielleicht einmal eine eigene Wohnung". Paul, 32 Jahre alt, geht morgens alleine aus dem Haus, fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Werkstatt für angepaßte Arbeit" in Düsseldorf und ist in der Verpackungsmontage tätig. Seit einem Jahr lebt er hier.