Selbsthilfe-Online


Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen in Deutschland

Druckdatum: 23.01.2018
Erstellungsdatum: 08.11.2004

Was haben die Schweden, was wir nicht haben?
Eine gesetzliche Grundlage für Assistenz für Menschen mit Behinderungen. Studenten der Fachhochschule Hildesheim haben sich das genauer angesehen.

Projekt: Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderungen
Fachochschule Hildesheim/Holzminden
Studiengang Sozialpädagogik

Studienbericht über die Auslandsexkursion nach Schweden

Eine internationale Konferenz vom 28. Juni bis 5. Juli 1996

Veränderte Lebensbedingungen für Menschen mit intellektuellen und funktionellen Einschränkungen aufgrund der neuen Gesetzgebung von 1994

Inhalt

01. Vorwort Schweden Exkursion
02. Einleitung

03. Erfahrungsbericht über persönliche Assistenz und Schwedische Gesetze für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit
04. Was ist ein Ombudsmann?
05. FUB: "Nationale Schwedische Gesellschaft für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen"
06. INUTI - Inside - Das Innere
07. Das Schulsystem
08. Die Organisation der Gemeinden (Kommunens)
09. Die Arbeit Samhall
10. Rollstuhlrugby
11. SIMON
12. Arbetarnas Bildnings Förbund (Der Arbeiterbildungsverband)
13. Die Volkshochschule von Stöllet
14. Jimmy Solo
15. Day-Centre in Hagfors
16. Källgarden Hagfors
17. "Alleine wohnen" im Altenwohnheim
18. Floßfahrt auf dem Klarälven
19. Schlußwort




1. Vorwort Schweden Exkursion

Text Ingolf Österwitz

Was würde Nils Holgerson beobachten können, wenn er zusammen mit seinen Wildgänsen aus der Vogelperspektive Deutschland und Schweden miteinander vergleichen könnte? Folgen wir ihm auf seiner Reise nach Süden.

Natürlich eine völlig unterschiedliche Geographie, viele Menschen in großen Städten auf engem Raum, schnell dahinrasende Autos, dicht hintereinander mit grellen Lichthupen blinkend. In den Städten drängelnde Menschen, schnell dahinhastend und mit finsteren, angespannten Gesichtern. Zu seiner Verwunderung sieht er Schulhöfe und große Gebäudekomplexe, wo Hunderte von Menschen in Rollstühlen oder mit anderen Hilfsmitteln zu beobachten sind. Er sieht weiter, daß nach Schulschluß oder Arbeitsschluß spezielle Busse ankommen mit Aufschriften wie Sonnenschein, ASB, Malteser oder mit großen roten Kreuzen. Sie werden verladen und wieder zu großen Häusern gebracht, wo sie unter sich leben. Er fragt sich, ob sie dort auch wohnen, kann aber aus seiner Perspektive auf diese Frage keine Antwort finden. Zuweilen sieht er zwischen all den Rollstühlen auch Menschen, meistens Frauen, die weiße oder hellblaue Kittel tragen und die sich um die Rollifahrer kümmern. Vielleicht sind es ja Kliniken, denkt er sich. Aber das kann ja wohl nicht sein, denn viele seiner Freunde im Rollstuhl sind nicht öfter krank als er und alle wohnen in normalen Häusern, allein, mit Freunden oder mit ihren Eltern.

Vielleicht ist es auch nur eine Halluzination, denn die Reise nach dem südlichen Deutschland auf dem Rücken seiner Wildgans war lang und anstrengend und besonders über den großen Städten war die Luft schon ziemlich stickig. Solche Ansammlungen von behinderten Kindern und Jugendlichen sah er zum ersten Mal, und er fragt sich, ob sie in Heimen leben, die zwar ganz komfortabel sein können, aber doch eine andere Welt bilden, mit besonderen Regeln, wo der Tagesablauf vom Personal bestimmt wird und mit Therapie-und Pflegeplänen. Ob sie sich auch so frei bewegen können wie er und seine Freunde, Sten im Rollstuhl und Meike mit ihren kurzen Armen? Schwimmen im Sommer, mit dem Snowmobil im Winter durch den verschneiten Wald fahren oder rudern auf den vielen Seen nahe der Stadt, in der er wohnt. Er entschließt sich zur Umkehr, um seine Eindrücke zu überprüfen und auch seine Wildgans scheint ganz glücklich darüber, denn sie verstärkt ihren Flügelschlag.

Schon über Dänemark sieht er, daß die Menschen nicht in Massen auf engem Raum zusammenleben, er sieht auch keine großen Ansammlungen von Menschen in Rollstühlen oder von jungen blinden Menschen, die sich gegenseitig anrempeln. Auch die Autos fahren langsamer, halten Abstand und belästigen sich nicht mit den Lichthupen. Er kann auch wieder besser atmen, die Luft ist frischer und klarer. Sie nähern sich Kopenhagen, unter sich sieht er eine junge Frau, die einen Rollstuhl benutzt, ein Mann geht neben ihr und hilft mit einer Hand den Rollstuhl schieben. Schon haben sie die Ostsee überflogen und nähern sich Malmö. Er achtet besonders auf Schulhöfe und auf Gebäudekomplexe, die Heime für Behinderte sein könnten. Aus seiner Perspektive kann er viele Schulhöfe gleichzeitig in Augenschein nehmen. Auf einigen sieht er auch ein oder zwei Rollifahrer und das findet er ganz normal, wie sie mit ihren Schulkameraden reden und lachen. Sie fliegen weiter in Richtung Värmland, wo sie von Raupen kahl gefressene Bäume sehen, aber sie können keine Massenansammlungen von Rollifahrern mehr entdecken. Über Karlstadt wären sie doch beinahe mit einem Jet der SAS kollidiert, das hätte schlecht ausgehen können. Sie ziehen noch ein paar Runden über den Flugplatz und beobachten zufällig, wie aus der Maschine, von Brüssel kommend, ein Rollifahrer mit Hilfe von zwei Assistenten des Flugplatzes aussteigt. In der Ankunftsshalle wird er von zwei jungen Leuten herzlich begrüßt, die eine fremde Sprache sprechen. Nils sieht noch wie sie zu einem kleinen Bus gehen.

Er entschließt sich nun doch, direkt nach Hagfors zu fliegen, um deutschen Studenten und Studentinnen mehr über Schweden zu erzählen. Über die Auswirkungen eines Gesetzes, das behinderten Menschen persönliche Assistenz nach ihren Vorstellungen ermöglicht, über Chancengleichheit und über all die Dinge, die für ein normales Leben notwendig sind. Und er möchte auch endlich die Frage beantwortet haben, warum in Deutschland so viele behinderte Menschen in Masseneinrichtungen untergebracht sind, was in Schweden verboten ist, einfach weil es nicht normal ist.

Die Wildgans landet mit Nils auf dem Rücken auf einem Fluß nahe der Heimvolkshochschule Stöllet bei Hagfors, schwimmt ans Ufer, wo Nils von den deutschen Gästen bewundernd und neugierig begrüßt wird.



2. Einleitung

Text Andrea Bleckmann

Wir sind fünf Studentinnen aus dem Projekt "Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Behinderungen", die über die Auslandsexkursion im Land der Mittsommernacht - Schweden - berichten werden.

Unser Projekt, das sind meist 12 bis 20 Studenten und Studentinnen der Fachhochschule für Sozialwesen in Hildesheim sowie ihrem Professor Ingolf Österwitz (?). Das Projekt "Selbstbestimmt Leben für Menschen mit Behinderungen" ist im Wintersemester 1993/94 an unserer Fachhochschule auf Initiative von Ingolf Österwitz entstanden. Ziel unserer Arbeit ist es zum einen, neue emanzipatorische Projekte in der Behindertenarbeit kennenzulernen. Zum anderen werden Literaturrecherchen in Büchern, Zeitschriften und Broschüren durchgeführt, deren Ergebnisse anschließend auf der Mailbox veröffentlicht werden. Weiteres Ziel ist die Vorbereitung und Durchführung von jährlichen Auslandsexkursionen, die dieses Jahr nach Schweden ging.

Wir wollen durch solche Exkursionen die Lebenssituation behinderter Menschen vor Ort kennenlernen. Unser weiteres Interesse gilt den dortigen Arbeitsweisen/-möglichkeiten von Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und verwandten Berufsgruppen.

Schweden war deshalb für uns von großem Interesse, da dort seit Beginn des Jahres 1994 eine neue Gesetzgebung existiert, die das Leben behinderter Menschen positiv verändern soll. Für eine Woche nahmen wir an einer internationalen Konferenz teil, die uns diese gesetzlichen Veränderungen und die Arbeit in Schweden transparent machte. Auf der Konferenz waren neben deutschen auch polnische und griechische Gruppen dabei. Es war ein Treffen von behinderten und nichtbehinderten Menschen, denen durch Vorträge und praktische Ansichten die Umsetzung des neuen Gesetzes dargebracht wurde.

Trotz vieler Vorträge und Tagesexkursionen blieb noch Zeit, die anderen Teilnehmer kennenzulernen. Wir hatten gemeinsam sehr viel Spaß und fühlten uns in der großen Gruppe einfach wohl. Den größten Gaudi hatten wir bei einer gemeinsamen Floßfahrt, die den Klarälven hinunterging. Insgesamt gesehen war dieses Treffen für jede(n) von uns eine interessante und besondere Erfahrung , die wir nur weiterempfehlen können.



3. Erfahrungsbericht über persönliche Assistenz und Schwedische Gesetze für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit

Text Annika Ganz

Wir lernten L. - G. Wigman kennen, der uns über seine Erfahrungen als Assistenznehmer berichtete. Er selbst ist auf den Rollstuhl angewiesen und beschäftigt vier, sich im Tagesrhythmus abwechselnde, persönliche AssistentInnen. Auf diese hat er in Schweden einen rechtlichen Anspruch.

Das "Gesetz über Hilfs- und Dienstleistungen für Personen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit" (schw.,"Lag om stöd och service till vissa funktionshindrade", LSS) und das daran angegliederte "Gesetz über die persönliche Assistenz" (schw., "Lag om assistansersättning", LASS) wurde am 27. Mai 1993 verabschiedet. Anfang des Jahres 1994 ist es dann in Kraft getreten.

Welche Personen fallen unter dieses Gesetz?

Dieses Recht ist für alle Menschen in Schweden mit einer stark herabgesetzten Funktionsfähigkeit gedacht. Dazu gehören:

  • Personen mit einer intellektuellen Einschränkung oder Autisten,
  • Personen, die mit den Folgen eines erlittenen Hirnschadens im Erwachsenenalter leben und
  • Personen mit anderen schweren und bleibenden physischen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigungen.
Weiterhin haben nur diejenigen Personen einen Rechtsanspruch, die das 65. Lebensjahr noch nicht erreicht haben.

Nach Stöllet begleitete L. - G. Wigman an diesem Tag Ingvar, eine seiner persönlichen Assistentinnen. Sie ist eine sehr große, junge Frau, die ihrerseits lebhaft ihre Erfahrungen in diesem Arbeitsverhältnis erörterte.

Was ist eigentlich persönliche Assistenz ?

Persönliche Assistenz ist jede Art von Hilfe, die einen Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit in die Lage versetzt ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Hierbei kann die/der AssistenznehmerIn selbst entscheiden in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt sie/er diese Hilfe, die sie/er aufgrund der eingeschränkten Funktionsfähigkeit benötigt, in Anspruch nimmt. Die persönliche Assistenz beschränkt sich nicht auf den pflegerischen und hauswirtschaftlichen Bereich, sondern umfaßt jegliche Hilfe, die es der/dem AssistenznehmerIn ermöglicht aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen (z.B Assistenzunterstützung am Arbeitsplatz, im Studium oder bei Freizeitaktivitäten ect.).

Die Assistenz wird von der/vom AssistenznehmerIn selbst ausgesucht und ist bei ihr/ihm, der Kommune oder einer Kooperative angestellt. Sie/er ist also gleichzeitig Arbeitgeber von Assistenz mit eigenem Budget und Kunde von Hilfs- und Dienstleistungen.

Die finanzielle Verantwortung für die anstehenden Assistenzkosten werden im Gesetz vorgegeben. Wird diese Hilfe weniger als 20 Std./Woche in Anspruch genommen, so tragen die Kommunen die Kosten. Bei einem höheren Wochenstundenbedarf bildet das spezielle Assistenzgesetz (LASS) die rechtliche Grundlage. Die Verantwortung der Kostenfrage wird bei einem erweiterten Bedarf von der Kommune auf die Versicherungskassen (Sozialversicherung) übertragen.

Im Fall von L.- G. Wigman verhält es sich so, daß er für insgesamt 4865 Std./Jahr persönliche Assistenz beschäftigt. Für diese Hilfe muß er nichts bezahlen, die Kosten übernimmt die Kommune. Auch Ausgaben für Freizeitaktivitäten, Reisen u.ä. werden für die/den AssistentIn vom zuständigen Kostenträger übernommen.

Das ist nicht immer so. Es gehört zwar zu einem der wichtigsten Grundsätze der schwedischen "Behindertenpolitik", daß Menschen wegen ihrer intellektuellen oder funktionellen Einschränkung finanziell nicht benachteiligt werden sollen. Doch dieses Prinzip hält die schwedische Gesellschaft nicht immer ein. Meist werden die Kosten für die Hilfs- und Dienstleistungen übernommen, aber Bedarf, der darüber hinausgeht, wird häufig nicht getragen (z.B. wird die Unterbringung für Kinder in Familien-, Kurzzeitheimen oder Wohnungen mit speziellem Service bezahlt, jedoch müssen die weiteren Kosten für Kleidung , Essen etc. von den Eltern selbst aufgebracht werden).

L.-G. Wigman ist bei der "Behindertenorganisation" für Värmland in der Verwaltung beschäftigt. Dort arbeitet er 7,5 Std/Tag und verdient 14.000 SEK/Monat brutto, netto 9.500 SEK (ca. 2029,00 DM). Das liegt unter dem schwedischem Durchschnittseinkommen.

Seine Aufgabe ist es, zu Schulen oder anderen Interessenten zu fahren, um über die Arbeit von Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen zu informieren. Zu seiner Arbeitsstelle begleitet ihn ebenfalls eine Assistenz.

Seit 1973 gibt es in Schweden ein Arbeitssicherungsgesetz, das Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit das Recht auf Arbeit zuspricht. Hier ist u.a. festgelegt, daß einer Person, die aufgrund seiner funktionellen oder intellektuellen Einschränkung nur begrenzt arbeitsfähig ist, nicht gekündigt werden darf. Stellt ein Arbeitgeber Menschen mit beschränkter Funktionsfähigkeit ein, so wird er vom Staat finanziell unterstützt. Hierfür muß der Arbeitsplatz an die Möglichkeiten dieses Mitarbeiters angepaßt werden. Soweit notwendig wird durch das Arbeitsamt zusätzlich eine Assistenz gestellt und finanziert.

L. - G. Wigmans Arbeitsstelle sind 22 Appartments für Mitarbeiter mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit angegliedert. In diesem Servicehäuserkomplex leben auch nicht eingeschränkte Mieter.

Für seine 83 Quadratmeter große 3-Zimmer Wohnung muß L. - G. Wigman selbst die Miete tragen. Die Miete beträgt monatlich 5019 SEK (ca. 1072,- DM).

An technischen Hilfsmitteln hat er in seinem Schlafzimmer einen Lifter, der ihn ins Bett und von dort in das Badezimmer hebt und in seiner Küche flexibel, verstellbare Möbel (Spüle und Schränke), die ihm die Hausarbeit vom Rollstuhl aus erleichtern.

In Schweden sollen für alle Bürger gleiche Wohnbedingungen geschaffen werden. Hierfür tragen die Gemeinden die Verantwortung. Sie sollen darauf achten, daß neue Wohnungen speziell auf die begrenzten Funktionsmöglichkeiten von älteren und funktionell eingeschränkten Menschen gebaut werden.

Pflegeheime und Spezialkliniken sind in Schweden laut Gesetzgebung zu schließen. Seit der schrittweisen Auflösung lebten 1994 noch 3000 Personen in solchen institutionalisierten Einrichtungen.

Wohnmöglichkeiten für Menschen mit herabgesetzten Funktionsmöglichkeiten gibt es heute in eigenem Elternhaus, in Familienwohnheimen, Gruppen- wohnungen oder eigenen Wohnungen, die einen speziellen Service haben können.

L. - G. Wigman erzählte uns begeistert von der persönlichen Assistenz. Als er darüber berichtete, wie diese Hilfe sein Leben veränderte, sagte er, sie sei für ihn eine Revolution!

Bevor L. - G. Wigman einen Antrag bei der Sozialversicherung um persönliche Assistenz gestellt hat, bekam er nur "home - help - service" (=Heimdienst). Er hatte eine Haushaltshilfe, die für 3Std./Tag zu ihm in die Wohnung kam.

Für L. - G. Wigman steht der "home - help - service" in keinem Vergleich zu der persönlichen Assistenz, denn diese Hilfe bietet ihm heute erst ein selbstbestimmtes Leben.

Was ist "home - help - sevice"?

"Home - help - service" war bereits vor der Assistenzreform eine Möglichkeit pflegerischer und praktischer Hilfe für hilfsbedürftige Menschen in Schweden. Dieser Dienst hat seinen Ursprung um die Jahrhundertwende und wurde in den 30´er Jahren von den Gemeinden übernommen und erweitert. Hauptzielgruppe des "home - help - service" waren seit jeher ältere Menschen mit leichteren funktionellen Einschränkungen. Es ist also kaum eine Alternative für Menschen mit schwer herabgesetzten Funktionsmöglichkeiten.

Nun kommt auch Ingvar, die persönliche Assistentin, zu Wort. Sie berichtete uns kurz, daß sie das Gymnasium besucht hat und nach dem Abitur ein Jahr in den USA studierte. Als sie nach Schweden zurückkam wurde sie L. - G. Wigmans Assistentin. Bevor sie diesen Job annahm, hatte sie keinerlei Vorkenntnisse auf diesem Arbeitsgebiet.

L. - G. Wigmans AssistentInnen verdienen normalerweise 68 SEK/Std. (ca.14,53 DM). Es gibt zusätzliche Bezahlung für den Abend (+ 13 SEK/Std.=ca. 2,80 DM), für die Nacht (+ 23 SEK/Std.=ca. 4,90 DM), an den Wochenenden und an den Feiertagen wird das Doppelte des Normsatzes gezahlt. Ingvar arbeitet jedes 3. Wochenende. Ihr Urlaubsgeld wird auf den Lohn aufgeschlagen, weil sie keine Festanstellung hat.

In der Nacht hat L. - G. Wigman normalerweise keine eigene Assistenz. Hier gibt es zwei persönliche Assistenten, die für alle 22 Wohnungen im Häuserkomplex zuständig sind. So dauert es ca. 10-20 Minuten, bis jemand kommt, wenn er in der Nacht Hilfe benötigt.

Die persönliche Assistenz, wie sie L. - G. Wigman beschäftigt, ist aber nur eine von 10 Maßnahmen über Hilfs- und Dienstleistungen, die das neue Gesetz seit Anfang 1994 ermöglicht. Diese werden im § 9 der Rechtssprechung aufgelistet:

    1. Beratung und persönliche Hilfsleistungen
    Diese wird durch speziell geschulte Fachkräfte ( Psychologen, Krankengymnasten, Logopäden etc.) durchgeführt, die bestimmte Sachkenntnisse über die Probleme und Lebensbedingungen von Personen mit herabgesetzten Funktionsmöglichkeiten haben.

    2.Persönliche Assistenz
    Für Mähigkeit gedacht und wird ausschließlich bis zum 65.Lebensjahr gewährt. Jede Person, die beim An- und Ausziehen, der täglichen Hygiene, beim Essen oder der Kommunikation Hilfe benötigt, kann persönliche Assistenz bekommen. Die Kostenübernahme hängt von der Anzahl der Wochenstunden ab (vgl. s.o.).

    3. Begleiterdienst
    Personen, die persönliche Assistenz haben, können diesen Dienst für die Unterstützung am Arbeitsplatz, bei Freizeitaktivitäten u.ä. in Anspruch nehmen. Doch auch Personen ohne Assistenz steht der Begleiterdienst zur Verfügung.

    4. Kontaktperson
    Diese Person sollte möglichst ein Freund im gleichen Alter sein und ähnliche Interessen haben. Er soll als Ratgeber im Alltag, als Teilhaber an Freizeit- aktivitäten und Hilfestellung fungieren und vor Isolation bewahren. Für seinen Einsatz bekommt die Kontaktperson eine kleine finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde.

    5. Ablösedienst zu Hause
    Dieser Dienst ist als Entlastung für Eltern mit funktionell oder intellektuell eingeschränkten Kindern für den regelmäßigen, wie auch unregelmäßigen Einsatz gedacht. Er soll tagsüber, abends, nachts und an den Wochenenden verfügbar sein.

    6. Kurzzeitbesuche außerhalb des Hauses
    Sie sollten sowohl für die Person mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit, als auch für die Angehörigen als Entlastung ermöglicht werden. Diese Besuche können in einem Kurzzeitheim, bei einer Familie oder auf andere Weise stattfinden und sollten regelmäßig oder im Akutfall, nachts und an den Wochenenden in Anspruch genommen werden können.

    7. Kurzzeitbetreuung von Schulkindern über 12 Jahren
    Für Schulkinder über 12 Jahren mit einer schweren/erheblichen herabgesetzten Funktionsfähigkeit kann die Kurzzeitbetreuung im Zeitraum vor und nach der Schule sowie in den Ferien genutzt werden.

    8. Familienwohnheime oder Gruppenwohnungen für Kinder und Jugendliche
    Für Kinder und Jugendliche mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit, die gar nicht oder selten zu Hause sein können, stehen die Familienwohnheime und Gruppenwohnungen zur Verfügung. Sie haben einen speziellen Service und sind eine Ergänzung zum Elternhaus.

    9. Wohnungen mit besonderem Service oder behindertengerechte Wohnungen für Erwachsene
    Diese Service-, Gruppenwohnungen und besonders umgebaute Wohnungen sollen einer selbständigen Lebensführung von Menschen mit herabgesetzten Funktionsmöglichkeiten dienen und sind für eine begrenzte Bewohnerzahl gedacht.

    10. Tägliche Beschäftigung
    Sie sollte für jeden Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit möglich sein und soll den Schritt in die Arbeitswelt erleichtern.

    Zurück zu L. - G. Wigman und seiner persönlichen Assistentin Ingvar. Die beiden haben ein sehr gutes entspanntes Arbeitsverhältnis. Doch, auch wenn dies nicht der Fall wäre, hätte L. - G. Wigman jederzeit die Möglichkeit seine Assistenz zu wechseln. Dies hat er aber bisher noch nicht für nötig gehalten.

    Auf die Frage aus dem Zuhörerkreis, welche Erwartungen beide an eine persönliche Assistenz stellen würden, meinte zunächst L. - G- Wigman, daß die/der AssistentIn ein guter Zuhörer sein sollte. Für Ingvar ist dies ebenfalls sehr wichtig und sie fügte hinzu, daß ein(e) AssistentIn ein offenes Gehör haben und den anderen ohne viel Worte verstehen sollte.


4. Was ist ein "Ombudsman"?

Über die Hintergrundinformationen der schwedischen Gesetzgebung für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit hörten wir bereits ein paar Tage zuvor einen Vortrag von Ann - Charlott Carlberg. Sie ist bei dem FUB (=einem Volontärdienst für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen) als "Ombudsman" angestellt.

Die Aufgabe eines "Ombudsman" ist, sich um die Rechte und Interessen von Menschen mit herabgesetzten Funktionsfähigkeiten zu kümmern. Es besteht für ihn das Recht auf Informationen durch die Behörden, weiterhin sind die Amtsträger zur Zusammenarbeit mit dem "Ombudsman" verpflichtet.

Ann - Charlott Carlberg fungiert als Ratgeberin für Eltern von Kindern mit intellektuellen Einschränkungen. Für diese Aufgabe ist es notwendig, daß sie gute Kenntnisse über die schwedische Gesetzgebung besitzt.

So war es für sie einfach uns einige Informationen über die Entstehung und Umsetzung des Gesetzes für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit zu vermitteln.

Ihr Vortrag ist in drei Bereiche eingeteilt, die gleichzeitig die Entwicklungsstufen bis zur in Inkrafttretung dieser noch recht jungen Gesetzgebung kennzeichnen:

1. Diskussion in der Politik über herabgesetzte Funktionsfähigkeit
2. Die Kommissionen (vorbereitende Ausschüsse)
3. Die neuen Gesetze und wie sie funktionieren

Zu 1.: Diskussion in der Politik über herabgesetzte Funktionsfähigkeit

Was möchte die schwedische Regierung durch diese Gesetzgebung erreichen?

Die schwedische Regierung strebt durch die Verabschiedung dieser neuen Gesetzgebung die Wahrung der Gleichstellung von Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit an und möchte ihre Teilhabe am Leben in der Kommune unterstützen. Dieser Gesetzeslage liegt das Selbstbestimmungsrecht und die Integrität des Menschen zugrunde. Jeder soll auf die ihn betreffenden Leistungen Einfluß nehmen und diese mitbestimmen können. Die Maßnahmen sollen auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt sein und die Chance für ein selbstbestimmtes Leben vergrößern.

Das neue Recht ersetzt das alte Fürsorgegesetz, das für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen, Autismus und Hirnschäden Leistungen anbot. Das Assistenzgesetz ist weitreichender und umfaßt alle Personen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit. Die Verantwortlichkeiten wurden durch das neue Gesetz von den Provinzen auf die Gemeinden übertragen.

Dieser Einstellung der schwedischen Gesellschaft zur "Behindertenpolitik" ging eine Bewußtseinsänderung voraus. Heute werden eine Schädigung (=impairment) oder Herabsetzung der Funktionsfähigkeit nicht mehr mit einer "Behinderung" (=functional disorders) gleichgesetzt. Denn nur, wenn sich das Umfeld (=environment) nicht den Bedürfnissen von Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit anpaßt, führt dies zu einer "Behinderung" und folglich zu einer Benachteiligung (=handicap) dieser Menschen.

Man ließ von dem Gedanken des medizinischen Modells ab, daß eine "Behinderung" eine individuelle Eigenschaft sei und nicht durch den Grad der Verletzung und den Bedingungen des Umfelds abhängig ist.

So sprach man in Schweden lange Zeit nur von der Person (=person) mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit und wie diese in die Gesellschaft integriert werden könnte, aber nicht von den notwendigen Veränderungen / Verbesserungen im Umfeld (=environment).

Diese beiden Begriffe bedingen sich jedoch gegenseitig. Zum Beispiel hatten Menschen mit intellektuellen Einschränkungen in Institutionen fast keine eigenen Rechte oder Möglichkeiten. Erst als man damit anfing Veränderungen von der Einrichtung aus vorzunehmen und kleinere Gruppen einzuführen, verbesserte sich die Situation von intellektuell eingeschränkten Menschen schrittweise.

Die Bewußtseinsänderung, die sich in Schweden durchgesetzt hat, zeigt sich auch im Sprachgebrauch. Heute spricht man nicht mehr von "Behinderten" (=handicaped people), sondern von Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit (=person with disabilities).

Ann-Charlott Carlberg unterstrich, daß man Menschen mit herabgesezten Funktionsfähigkeiten mit Personen ihrer Altersgruppe vergleichen muß und nicht mit anderen intellektuell oder funktionell eingeschränkten Menschen. Denn das wäre eine Arbeit, die an den Bedürfnissen des Individuums vorbeiführen würde.

So müssen in den Kommunen Tätigkeiten entsprechend der Alters- und nicht der "Behinderten"-Gruppe stattfinden. Fehler wurden hierbei z.B. bei Jugendlichen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit gemacht, denen Beschäftigungen/Aktivitäten für alte Menschen angeboten wurden.

In den 60er und 70er Jahren hat man sich in Schweden "Normalisierung" und "Integration" als Hauptzielpunkte (skandinavisches Normalisierungsprinzip) gesteckt. Heute weiß man, daß sich diese Konzepte nicht erfüllen lassen, denn es ist nicht möglich jeden Menschen zu "normalisieren". Besonders nicht Personen mit stark herabgesezter Funktionsfähigkeit. Das Ziel der schwedischen Regierung in den 90er Jahren ist es nun auf die individuellen Rechte einzugehen, was sie durch die neue Gesetzgebung erreichen wollen.

Zu 2.: Die Kommissionen (vorbereitende Ausschüsse)

Der Mehrheit der schwedischen Bürger ging es Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre finanziell immer besser, Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit jedoch schlechter. Sie hatten nur wenige eigene Rechte in der schwedischen Gesellschaft. Die "Behindertenorganisationen" waren diejenigen, die auf diesen Mißstand aufmerksam machten und sich an die Regierung wandten, um eine (positive) Änderung zu bewirken. 1989 wurde daraufhin unter den Sozialdemokraten ein Ausschuß gebildet, der sich für neue Rechte stark machen sollte.

Dieser wurde dann 1992 unter einer anderen Regierung abgeschlossen:

Commission on policies for the disabled - 1989 - 1992

Diese Kommission setzte sich folgendermaßen zusammen:

    1. 11 Mitglieder vom schwedischem Parlament
    2. Experten von den Wohlfahrtsverbänden
    3. 5 Experten von den Organisationen für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit (diese Experten haben selbst herabgesetzte Funktionsfähigkeiten).
Dieser Kommission ging es hauptsächlich darum, ob Selbstbestimmung für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit in Schweden gegeben ist.

Daraufhin führte die Kommission/der Ausschuß 1989 eine schriftliche Untersuchung durch, die eine Gesamtübersicht der Lebenssituation von Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit in Schweden verschaffen sollte (z.B. wie leben die betreffenden Personen, wie ist ihre finanzielle Lage, welche Schule und Schulform wird besucht etc.).

Durch die Untersuchung wurden in mehreren Bereichen Lücken der bisherigen Gesetzgebung offen gelegt:

  • Kinder und Jugendliche mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit hatten keine Selbsbestimmungsrechte
  • nur 7 % aller Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit hatten ein Entscheidungsrecht darüber, welche Personen die Hilfsdienste erfüllen
  • die Möglichkeit Servicedienste und weitere Angebote in Anspruch zu nehmen, hing davon ab, in welchem Landesteil man lebt (örtliche Abhängigkeit)
  • die Unterschiede bei den Serviceangeboten für die verschiedenen Behinderungsgruppen waren sehr groß
  • für gewisse Gruppen gab es zwar bereits greifende Gesetze, für andere aber nicht.
Die Kommissionsmitglieder kamen zu dem Schluß, daß die bisherigen Gesetze für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit nicht weitreichend genug waren.

Es gab bereits das Gesetz über den "Sozial-Leistungs-Dienst" (schwedisch abgekürzt SOL), das es für alle Menschen in Schweden gibt, und das "Gesetz zur Gesundheits- und Krankenpflege" (schwedisch abgekürzt HSL), das aber noch zu große Unterschiede für Menschen mit funktionellen Einschränkungen aufwies.

Deshalb war das neue "Gesetz über Hilfs- und Dienstleistungen für Personen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit" (schwedisch abgekürzt LSS) erforderlich, das dann trägt, wenn die beiden vorher genannten Gesetze nicht mehr greifen.

Das Gesetz über den Sozial-Leistungs-Dienst (SOL) beschreibt die grund- legende Verantwortung der Gemeinde gegenüber allen Mitbürgern. Das heißt bezogen auf Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit, daß jeder Einzelne nach seinen notwendigen Bedürfnissen befragt werden muß.

Ann-Charlott Carlberg erzählte, daß einige Gemeinden diese Aufgabe bereits sehr gut erfüllen würden, andere wiederum nicht.

Das Gesetz zur Gesundheits- und Krankenpflege (HSL) legt die Verantwortung der Provinziallandtage für die Gesundheits- und Krankenpflege fest. So müssen die Provinzen technische und orthopädische Hilfsmittel für Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit zur Verfügung stellen. Diese technischen Hilfsmittel sind sehr wichtig für die Selbständigkeit dieser Menschen. So gibt es in jeder Provinz eine Zentralstelle zur Beratung und Ausgabe von kostenlosen Hilfsmitteln.

Zu 3.: Die neuen Gesetze und wie sie funktionieren

Ann-Charlott Carlberg berichtete uns, daß man davon ausging, daß ca. 105. 000 Menschen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit in Schweden diese neue Gesetzgebung in Anspruch nehmen. Hauptsächlich sind hiermit die 10 Maßnahmen über Hilfs- und Dienstleistungen in § 9 LSS gemeint. Inzwischen weiß man, daß es längst nicht so viele Nutzer sind.

Ein Grund ist wohl, daß das neue Gesetz noch nicht in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Ein weiterer könnte durch die unterschiedlich starke Bevölkerungs- dichte in Schweden gegeben sein. In der Nordhälfte leben nur 15 % von 8,8 Mio Schweden, d.h. die Angebote von Hilfs- und Dienstleistungen für Menschen mit herabsetzten Funktionsfähigkeiten sind hier weniger stark vertreten und aus- gebaut. Man muß auch berücksichtigen , daß es viele Gemeinden in Schweden gibt, in denen nur wenige Menschen mit funktionellen oder intellektuellen Einschränkungen leben.

Jeder hat jedoch das Recht dieses Gesetz in Anspruch zu nehmen und dies bei der Sozialbehörde zu bekunden. Diese gibt Formulare aus. Ein Amtsarzt muß nicht hinzugezogen werden. Wird eine der Maßnahmen des Gesetzes gewährt, so wird ein individueller Plan in Zusammenarbeit mit der betreffenden Person aufgestellt. Dieser Plan beinhaltet genehmigte und geplante Hilfs- oder Dienstleistungen und sollte kontinuierlich, spätestens einmal im Jahr überprüft werden.

Das Beispiel Schweden und seine Gesetzgebung zeigt uns, daß selbstbestimmtes Leben für Menschen mit intellektuellen und funktionellen Einschränkungen sehr wohl möglich ist, speziell auch für Menschen mit schwer herabsetzten Funktionsfähigkeiten.

Bei allen Vorteilen hat das noch junge schwedische Assistenzgesetz auch einige kritikwürdige Anlaufschwierigkeiten:

    1. das Gesetz greift nur bei Personen mit herabgesetzten Funktionsfähigkeiten bis zum 65. Lebensjahr
    2. nicht alle Kosten werden durch das LSS-Gesetz gedeckt; Mehrausgaben müssen selbst getragen werden
    3. die Angebote von Hilfs- und Dienstleistungen sind noch immer davon abhängig in welchem Landesteil die betreffende Person lebt.
Schweden zeigt aber auch wieviel eine positive Einstellung zu Menschen mit herabgesetzten Funktionsmöglichkeiten bewirkt und nur wenige wirksame Gesetze nötig sind, um ein gleichberechtigtes Miteinander möglich zu machen.

Daß es sich lohnt für seine Rechte einzutreten, zeigt das Beispiel, das uns Ann-Charlott Carlberg am Schluß ihres Vortrages erzählte: "Im vorigem Jahr (1995) war die finanzielle Situation in Schweden ziemlich schlecht. Unter anderem wurde daraufhin das persönliche Assistenz-System auf mögliche Kürzungen überprüft.

Da die "Behindertenorganisationen" sich weigerten diese Kürzungen in Kauf zu nehmen, demonstrierten sie für ihre Rechte. Das Resultat: das hauptsächliche Angebot bleibt bestehen, nur wenig wurde gestrichen."

Für diesen Bericht wurden die Vorträge von L. - G. Wigman und seiner persönlichen Assistentin Ingvar vom 03.07.1996 und von Ann-Charlott Carlberg vom 29.06.1996 in Stöllet/Schweden verwandt.

Fachbezogene Literatur:

Act concerning Support and Service for Persons with Certain Functional Impair ments and The Assistance Benefit Act. Ministry of Health and Social Affaires. International Secretariat. Stockholm 1993.

Ratzka, Adolf: STIL, the Stockholm Co-operatives for Independent Living. Stockholm 1996.

Sjöberg, Malena: Aktuelles über Schweden: neue Rechte für Personen mit herabgesetzter Funktionsfähigkeit. Stockholm 1994.



5. FUB

Text Ulrike Böhm

Der Anfang

FUB ist die schwedische Abkürzung für "Nationale Schwedische Gesellschaft für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen". Diese Organisation setzt sich in Zusammenarbeit mit intellektuell eingeschränkten Menschen für deren Interessen und die ihrer Familien ein.

Mit der Gründung des ersten örtlichen FUB-Vereins wurde die FUB-Bewegung 1952 von einer Elterngruppe ins Leben gerufen. Innerhalb von nur vier Jahren konnte sich die Bewegung in der Bevölkerung etablieren und vergrößerte sich auf 30 Verbände mit 2500 Mitgliedern. Im Jahre 1956 wurde die Nationale Gesellschaft gegründet. 1990 gehörten dem FUB schließlich 32000 Mitglieder in 150 örtlichen Vereinen und 50 Jugendgruppen an. Mitglieder der Organisation sind Menschen mit intellektuellen Einschränkungen, ihre Verwandten und jeder, der sich für die Ziele des FUB engagieren und ihre Verwirklichung erreichen will. Als besonders positiv wird die Tatsache hervorgehoben, daß Menschen mit intellektuellen Einschränkungen in der Organisation die Möglichkeit haben, für sich selbst zu sprechen, also sich in ihrem eigenen Interesse zu äußern.

Die Ziele

Die Vorstellung, daß alle Menschen unabhängig von ihren Veranlagungen gleichberechtigt sind, gilt dem FUB als grundlegende Überzeugung. Die Organisation leitet daraus das ureigene Recht eines jeden Menschen ab, selbständig Entscheidungen treffen zu können und zu dürfen.

In diesem Sinne setzt sich der FUB dafür ein, daß Menschen mit intellektuellen Einschränkungen

    1. Zugang zu individuell angepassten Dienstleistungen und Hilfen haben
    2. über einen eigenen Wohnort bei hohem Lebensstandart verfügen
    3. eine gute Bildung genießen
    4. eine Arbeit oder andere sinnvolle Tagesaktivitäten ausüben
    5. Zugang zu Kultur und Informationen haben
    6. und somit ihr Recht in Anspruch nehmen können, im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein.
Die Arbeit

Der FUB vertritt die Interessen seiner Mitglieder zum einen durch breite Öffentlichkeitsarbeit, zum anderen durch direkte Einflußnahme auf das politische Geschehen. Mitglieder erhalten Informationen in Form von Büchern, Filmen, Vorträgen, Kursen und Konferenzen.

Die Nationale Gesellschaft publiziert außerdem die Zeitschriften "FUB-Kontakt" und "Steget" (Die Stufe). Beide sind in einfachem Schwedisch geschrieben und richten sich vornehmlich an die Mitglieder mit intellektuellen Einschränkungen. Für Sehgeschädigte ist "Steget" auch auf Kassette erhältlich.

Der FUB hat viele Mitarbeiter, die in den Schulen, Arbeitsstätten oder wo auch immer Interesse und Bedarf besteht über die Arbeit der Organisation berichten. Diese Aufgabe nehmen sowohl Menschen mit und ohne intellektuelle Einschränkungen wahr.

Außerdem betreibt die Organisation durch "The ALA Research Foundation" Forschungen in eigener Sache und kooperiert mit anderen Behinderten- organisationen auf nationaler und internationaler Ebene.

Die Errungenschaften

Viele Menschen mit intellektuellen Einschränkungen sind in den letzten Jahren aus institutionellen Einrichtungen in gewöhnliche Wohngebiete und eigene Wohnungen gezogen. Die Auflösung aller noch bestehenden Pflegeheime wurde in Verbindung mit dem Recht auf persönliche Assistenz für Menschen mit funktionellen Einschränkungen 1994 in Schweden gesetzlich verankert. Diese Entwicklung hat der FUB über Jahre hinweg wesentlich durch seine Informationsarbeit unterstützt. Zum Beispiel konnten die bestehenden Vorbehalte vieler Menschen über ihre zukünftigen Nachbarn in den meisten Fällen durch gezielte Aufklärung aus dem Weg geräumt werden.

Lange Zeit hat sich die Organisation insbesondere auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit mehrfachen funktionellen Einschränkungen konzentriert. Eine ihrer Errungenschaften ist die Bezuschussung von behindertengerecht ausgestatten Fahrzeugen, die den betroffenen Familien größere Mobilität und Flexibilität ermöglichen sollen.

Nach 17 Jahren experimenteller Arbeit konnte der FUB die schwedische Regierung dazu bringen, die Erwachsenenbildung für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen öffentlich zu unterstützen. Trotzdem wurden bestimmte Gruppen mit niedrigstem Bildungsniveau aus dem Förderprogramm von vornherein ausgeschlossen. Auf Antrag des FUB beauftragte das schwedische Parlament die Regierung damit einen Ausschuß zu bilden, mit dem Ziel allen Menschen mit intellektuellen Einschränkungen Zugang zur Erwachsenenbildung zu ermöglichen.

Viele Jahre kämpfte der FUB um ein Nachrichtenmagazin speziell für Menschen mit funktionellen Einschränkungen. 1984 kam mit finanzieller Unterstützung des Staates tatsächlich die Zeitung "8 Sidor" (8 Seiten) auf den Markt. Die Artikel dieser Zeitung sind leicht zu lesen und beinhalten eine Auswahl von Ereignissen der vergangenen Woche sowie Reportagen, Buch- und Filmbesprechungen, Verbrauchertips und andere Dinge. Diese Zeitung ist außerdem auf Kassette erhältlich.

Wissen ist der Schlüssel zu Entwicklung und Verständigung. In diesem Sinne bemüht sich der FUB in einer eigenen Forschungsstiftung, der ALA, das allgemeine Wissen über intellektuelle Einschränkungen zu vergrößern. Seit Mitte der 60er Jahre konnte die ALA mit ihren Forschungsarbeiten dazu beitragen, die gesamtgesellschaftliche Lebenssituation von Menschen mit intellektuellen Einschränkungen zu verbessern. Die Ideen des Gruppenwohnens, neu entwickelte Lernmethoden sowie die umfassende Forschung über Kommunikationssmöglichkeiten für Menschen mit schweren intellektuellen und anderen funktionellen Einschränkungen sind Beispiele für die erfolgreiche Arbeit der ALA. Die Arbeiten und ihre Ergebnisse sind in Forschungsberichten dokumentiert und direkt bei der ALA anzufordern.

Die Organisation

Die Nationalversammlung ist das höchste Entscheidungsgremium des FUB. Es tritt alle 2 Jahre zusammen. Der Gesellschaftsausschuß ist diesem direkt untergeordnet und dafür verantwortlich, welche Arbeiten vom FUB durchgeführt werden. Das Sekretariat der Nationalen Gesellschaft befindet sich in Solna, nördlich von Stockholm. Es setzt sich zusammen aus Vertretern der unter- schiedlichsten Disziplinen, einem Juristen sowie anderen Sachverständigen. Dem Gesellschaftsausschuß sind eine Anzahl von Arbeitsgruppen unter- geordnet, die sich unterschiedlichen Schwerpunktthemen wie Arbeit, Schule, Freizeit, Ethik und Rechtsschutz widmen.

Jeder Landkreis hat einen eigenen Kreisverband sowie mehrere Ortsverbände und Jugendgruppen. Insbesondere in letzteren können und sollen die Mitglieder mit intellektuellen Einschränkungen sich an der fortlaufenden Arbeit nach ihren Möglichkeiten beteiligen.

Die Nationale Gesellschaft des FUB finanziert seine Tätigkeiten durch staatliche Gelder, Mitgliedsbeiträge und mit Hilfe einer Verkaufsabteilung. Die Kreisver- bände erhalten Gelder von den Kreisräten, die Ortsverbände dem entsprechend durch Gemeindezuschüsse. Jedes Jahr realisiert der FUB zudem mehrere Projekte und Aktivitäten mit Zuschüssen aus verschiedenen Stiftungen.

Ein Vergleich zur "Deutschen Lebenshilfe e.V. für Menschen mit geistigen Behinderungen" liegt nahe. Diese Organisation wurde ebenfalls in den 50er Jahren gegründet, um die Lebensbedingungen von Menschen mit geistigen Behinderungen zu verbessern und sie in die "Gesellschaft zu integrieren".

Lange Zeit galt die deutsche Behindertenarbeit in der Tradition sonderpäd- agogischer Vorstellungen den meisten europäischen Ländern, auch Schweden, als vorbildlich und nachahmenswert.

Aber in den letzten Jahren haben insbesondere die skandinavischen Länder einen Weg eingeschlagen, der sich fundamental von diesen Modell unterscheidet und in erster Linie das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit funktionellen Einschränkungen anerkennt und rechtlich garantiert soll.

Leider geht aus der Selbstdarstellung des FUB von 1990 nicht hervor, ob und inwiefern die neue Gesetzgebung die Zielsetzungen und Aktivitäten der Organisation beeinflußt hat. Jedenfalls sollte die Mitgliedschaft und Mitbestimmung von Menschen mit intellektuellen Einschränkungen in einer Organisation, die sich für ihre Interessen und Bedürfnisse engagiert, keine Besonderheit mehr, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Kontaktadresse:

The Swedish National Society for Persons with Mental Handicap
Box 1003, 171 21 Solna
Phone: 08/290405



6. INUTI - Inside - Das Innere

Text Birgit Köster

Die beiden Referentinnen Hellena Pettersson und Carin Beije unterrichten Kunst bzw. Informatik an einem Gymnasium und sind Mitarbeiterinnen des Kultursekretariates in Stockholm. Sie arbeiten hier mit Menschen mit intellektuellen Einschränkungen jeden Alters.

INUTI - das Innere, das was in uns steckt bleibt oft den Mitmenschen und auch uns selbst verborgen. Das Malen und Gestalten mittels des Mediums Farbe ist ein Ventil, das Unbewußte an die Oberfläche kommen zu lassen. Außerdem macht malen vielen Menschen einfach Spaß.

Einerseits können wir versuchen die äußeren Bilder, das was wir sehen, durch angeeignete Techniken des Malens und Zeichnens möglichst korrekt wiederzugeben.

Eine andere Möglichkeit ist, ganz frei die inneren Bilder, Gefühle, Träume und Stimmungen auszudrücken.

Die INUTI - Mitarbeiterinnen haben schon mit sehr vielen Menschen mit intellektuellen Einschränkungen eben solche inneren Bilder gemalt und waren immer begeisterter von deren Schönheit und Ausdrucksstärke. Die Bilder sprechen für sich, sind Fenster zur Seele. Sie werden zu Recht als Kunstwerke betrachtet. Da wir in den Genuß kamen einen Teil der Bilder zu sehen, können wir Hellena Pettersson und Carin Beije darin nur zustimmen.

Die mitgebrachten Exemplare waren Teile einer Ausstellung in Stockholm. Zu dem ausgeschriebenen Malwettbewerb sandten auch Menschen mit intellektuellen Einschränkungen ihre bei INUTI angefertigten Bilder ein, mit dem Ergebnis, daß alle Werke ausgestellt wurden. Sie waren alle besonders gut gelungen, ausdrucksstark und phantasievoll und wurden sehr bewundert. Gerade die Offenheit sprach die Betrachter an.

Die Bilder sind ursprünglich nicht zu Ausstellungszwecken gemalt worden, sondern sollten als Brücke zur Verständigung und als Gesprächsbasis dienen.

Die Referentinnen zeigten uns einige Bilder von einem jungen Mann mit Autismus. Seine Bilder stellten Bibelszenen dar, er malt Tiere, Menschen, Landschaften, verwendet verschiedene Materialien. Durch das Malen gelang es, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Ähnlich war es bei anderen auch.

Zum Teil gehören zu den Bildern kleine Geschichten, wie z.B. bei einem, auf dem Hummeln abgebildet sind. Sinngemäß sagte die Malerin bei der Besprechung des Bildes, daß Hummeln sie faszinierten; sie wüßte nicht, daß ihre Flügel für ihren im Vergleich großen Körper eigentlich doch zu klein seien. Trotzdem könnten sie fliegen.

Die verwendeten Materialien waren ganz unterschiedlich. Einige hatten mit Wasserfarbe, andere mit Filz-, Bunt- oder Bleistift gemalt. Mit den sieben griechischen Mädchen und jungen Frauen, die mit uns in der Volkshochschule wohnten, hatten die beiden Referentinnen in der Woche zuvor kleine (ca. 10-15 cm große) Gipsplastiken angefertigt. Diese waren Nachahmungen von bei einem Museumsbesuch betrachteten lebensgroßen Figuren. Durch die Verwendung des Materials Gips und die persönlichen Noten der einzelnen "Künstlerinnen" erhielten die Plastiken einen ganz individuellen Charakter. Jede hatte durch die Körperhaltung der Figur auch etwas von sich selbst eingebracht.

Die erste Bilderausstellung in Stockholm war ein großer Erfolg. Danach reisten Hellena Pettersson und Carin Beije durch das ganze Land und besuchten Schulen. Sie führten Projekte durch und stellten die entstandenen Bilder dort aus. Es ist ihnen ein großes Anliegen, daß die SchülerInnen mit intellektuellen Einschränkungen auch weiterhin malen und besonders schöne Bilder an das Kultursekretariat senden, damit sie an anderen geplanten großen Ausstellungen teilnehmen können.

Die Stadt Stockholm wurde zur europäischen Kulturstadt des Jahres 1998 ernannt und die Vorbereitungen der Veranstaltungen und Ausstellungen haben schon begonnen.

INUTI plant eine große internationale Bilderausstellung sowie die Darbietung von Musik, Tanz und Theater durch Menschen mit intellektuellen Einschränkungen.

INUTI fordert, die Wichtigkeit des Malens und Gestaltens viel mehr zu schätzen und in die Ausbildung von Menschen mit intellektuellen Einschränkungen einzubringen. Die Bilder haben zum Teil einen künstlerischen Wert und die Maler sollten das Recht haben, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Es müßte nach Forderungen von INUTI das Angebot einer ästhetischen Ausbildung nach der Schulzeit eingerichtet werden und danach die Möglichkeit bestehen, in diesem Bereich weiter zu arbeiten. Die bis jetzt bestehenden Angebote reichen nicht aus. Das Kultursekretariat möchte einen Künstlerzusammenschluß für Künstler mit intellektuellen Einschränkungen schaffen und ihnen dort zu ihrem Recht verhelfen, ihre Fähigkeiten einsetzen zu können.



7. Das Schulsystem

Text Sabine Richter

Herr Lundin, Rektor an einer Särskolan (Sonderschule für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen) gab uns einen Überblick über das schwedische Schulsystem.

In Schweden, bestehend aus 24 Ländern und unterteilt in 284 Gemeinden, haben die Gemeinden durch die Dezentralisierung der politischen Entscheidungs- und Verwaltungsprozesse die Verwaltung der Schulen unter sich. Sie sind Träger des Schulunterrichts unterhalb der Universitäten und Hochschulen und sind für die Organisation, die MitarbeiterInnen und die Regelung der Finanzierung aus dem Staatszuschuß selber zuständig. Die Staatsgelder an die Gemeinden werden in eigener Verantwortung auf die verschiedenen Aufgabengebiete verteilt. Der Unterricht in der Grundschule und in der oberen Sekundarschule ist wie der Schülertransport und die Lehrmittel für die SchülerInnen kostenfrei, die Finanzierung übernimmt die Kommune. Der Staat formuliert die Bildungsziele und -inhalte, bildet LehrerInnen und SchulleiterInnen aus.

Seit 1996 können alle behinderten (möglich durch persönliche Assistenz) und nichtbehinderten BürgerInnen Schwedens ihre Schule frei wählen.

Die Grundskolan (Grundschule) ist Pflicht für alle Kinder vom siebten bis zum sechzehnten Lebensjahr. Hier wird nicht "abgesondert", sondern schon hier werden Kinder mit der Frage konfrontiert, wie ein/e auf den Rollstuhl angewiesene/r MitschülerIn die Schulstunden und Freizeit verbringt.

Nach Beendigung der Grundskolan besuchen fast alle Jugendlichen die Gymnasiumskolan (obere Sekundarstufe). Sie ist in verschiedene Ausbildungsprogramme eingeteilt, die auf die spätere Berufstätigkeit vorbereiten und eine Zugangsberechtigung zur Universität oder Hochschule verleihen.

Alle Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben das gleiche Recht auf Ausbildung. Damit dies auch für Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen umsetzbar wird, gibt es die Specialskolan (Schulen mit speziellen Programmen), mit der Bereitstellung technischer Hilfsmittel und persönlicher Assistenz.

Herr Lundin erklärte uns, daß augenblicklich bei einem Intelligenzquotienten von 73 eine Grenze gezogen wird. Wer mehr als einen IQ von 73 hat, dürfte nicht auf die Specialskolan gehen. Der FUB und die Eltern vertreten die Ansicht, daß alle Schulsysteme zugänglich sein sollten. Jede/r SchülerIn sollte eine individuelle Lösung bekommen. In Torsby, einem Ort unweit von Stöllet, wird dies jetzt auch umgesetzt. Hörgeschädigte SchülerInnen gehen in eine "normale" Schule, Art und Weise des Unterrichts werden entsprechend angepaßt.

Rektor Lundin vertrat die Ansicht, daß beide Möglichkeiten der Schulformen gegeben sein sollten, da in den Specialskolan Kleingruppenarbeit praktiziert werden kann und diese eventuell "angenehmer" für die Lernenden ist. Außerdem erzählte er uns von drei schwerst-mehrfach funktionell eingeschränkten Personen in Torsby, die nur liegen können. Sie leben gemeinsam in einer Wohnung, haben rund um die Uhr persönliche Assistenz und die LehrerInnen kommen zum Unterricht in die Wohnung.



8. Die Organisation der Gemeinden (Kommunens)

Petra Wanzelius war gekommen, um uns Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmern die Organisation der Gemeinden und die Arbeit Samhall vorzustellen.

Ich bin bei meinen Berichten bestrebt, möglichst keine Wertung bezüglich der Vortragsweise zu geben. Da sich in diesem Fall eine Wiedergabe des Gehörten bzw. Gesehenen auf den Bericht niederschlagen wird, möchte ich vorwegschicken, daß Frau Wanzelius mit sehr viel Overheadfolien arbeitete und ein "bißchen" wortkarg war, was wiederum unsere liebe Dolmetscherin nutzte, um frei zu interpretieren.

Die Gegebenheiten für behinderte BürgerInnen in der schwedischen Gesellschaft sind vom starken Einfluß der zentralen Behörden einerseits und den deutlich dezentralisierten Entscheidungsträgern andererseits geprägt.

Der Staat ist für die Gesetzgebung, für Fragen der Sozialversicherung und der übergreifenden Planung und Verteilung zuständig. Er bestimmt die Zielsetzung der Aktivitäten, doch die Gemeinden und Provinziallandtage haben eine große Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der Qualität und der Gestaltung von konkreten Einsätzen.

Gemäß dem 1982 in Kraft getretenen Gesetz über den Sozial-Leistungsdienst (regelt die Verantwortung der Gemeinden), soll die zuständige Gemeinde den Mitbürgern und Mitbürgerinnen mit physchischen, geistigen und psychischen Einschränkungen die Möglichkeit bieten, auf eine ihren Bedürfnissen angepaßte Weise zu wohnen, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen, sich frei fortbewegen zu können, Zugang zu öffentlichen Gebäuden zu erhalten usw. Der Sozial-Leistungs-Dienst der Gemeinden trägt die übergeordnete Verantwortung für alle "hilfebedürftigen" EinwohnerInnen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die kommunalen Behörden auch die Hilfeleistungen ausführen müssen. Sie haben vielmehr dafür zu sorgen, daß dem Einzelnen in geeigneter Weise Unterstützung zuteil wird. Eingliederung und Rehabilitation sind Aufgabenbereiche die den Provinziallandtagen obliegen, genauso wie die Bereitstellung von technischen Hilfsmitteln für Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen und Dolmetscherdienste für gehörlose und taubblinde Menschen.

Das am 01.01.94 in Kraft getretene Gesetz über Hilfs- und Dienstleitstungen für Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen (Lag om stöd och service för vissa funktionshindrade - abgekürzt LSS), hat die Rechte noch erweitert. Das LSS ist ein ausgesprochenes Grundrecht. Schwerpunkte sind persönliche Assistenz, Förderung und Ausbildung in Rehabilitationszentren usw. Um die finanziellen Mittel für die Rehabilitation und Integration besser einsetzen zu können, unterhalten zuweilen mehrere Provinzlandtage gemeinsam ein Rehabilitationszentrum.

Anhand einer Overheadfolie erläuterte Frau Wanzelius den Aufbau der kommunalen Organisation. Es gibt ein leitendes Organ, dies ist der Kommunfullmäktige und ihm untersteht ein ausführendes Organ, genannt Kommuunstyreisen. Diesen beiden Instanzen unterstehen die einzelnen Behörden. Dies an dem Beispiel der Sozialbehörde weiterverfolgt, sei als ausführende Verwaltung die Socialförvaltningen (Sozialverwaltung) genannt, die sich dann wieder in individuelle Behörden, wie Familje-Omsorg-Avdelningen (Familienbehörde), Omsorgs-Handikapp-Avdelningen (Sorge für Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen) und die Äldre-OmsorgsAvdelningen (Sorge für ältere Menschen) unterteilt.

Petra Wanzelius erzählte uns, daß in der Kommune Hagfors 15442 Einwohner leben. 67 erwachsene EinwohnerInnen und 52 Kinder haben intellektuelle oder funktionelle Einschränkungen.

Die Wohngruppen hier sind klein, es leben vier oder fünf BewohnerInnen mit funktionellen Einschränkungen (mit persönlicher Assistenz) zusammen. Je Wohngruppe sind acht, aber auch zwölf MitarbeiterInnen bei einer 38 Stunden/Woche tätig, es kommt auf die funktionellen Einschränkungen an.

19 Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen arbeiten im Day-Centre (Tageszentrum).



9. Die Arbeit Samhall

Die jetzt als privatgesellschafttätige Unternehmensgruppe Samhall (früher in staatlichem Besitz) ist für alle beschützenden Arbeitsplätze in Schweden zuständig. Sie ist in 320 Orten Schwedens vertreten. Etwa 28 000 Menschen mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit sind bei dieser Unternehmensgruppe beschäftigt und arbeiten vor allem in der industriellen Fertigung, aber auch zunehmend in der Dienstleistungsproduktion. Die Unternehmensgruppe Samhall hat die Aufgabe, für die Menschen mit funktionellen Einschränkungen sinnvolle und der persönlichen Entwicklung dienende Beschäftigungsmöglichkeiten in den verschiedensten Bereichen zu finden und soll dabei gleichzeitig wie ein normales schwedisches Unternehmen funktionieren. Die Einweisung in die Arbeit mit Computern ist eine Beschäftigung, die z.B. umsetzbar ist für Arbeitsplätze in der Instudrie. Bei Menschen, die keine Arme oder Beine mehr haben, ermöglicht eine Kopfsteuerung die Bedienung des Computers. Die Ausbildung, Anpassung des Arbeitsplatzes und persönliche Assistenz bezahlt bei Arbeitslosigkeit das Arbeitsamt, bei einem bestehenden Arbeitsverhältnis trägt die Kosten der Arbeitgeber. Er erhält für die Beschäftigung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen mit funktionellen Einschränkungen eine finanzielle Unterstützung. Er ist verpflichtet, die Organisation der Arbeit, die Arbeitsbedingungen, etc. an die speziellen Vorausetzungen des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin anzupassen (nach dem Gesetz über Umwelt am Arbeitsplatz). Zuschüsse hierfür gibt das Arbeitsamt.

Der Staat legt die Gesamtstundenzahl der Mindestanzahl von Beschäftigungsmöglichkeiten bei Samhall für funktionell eingeschränkte Menschen fest. Die Finanzierung der Unternehmensgruppe erfolgt teils über die aus dem Verkehrserlös der selbst hergestellten Produkte und Dienstleitstungen erzielten Einnahmen und teils mit staatlichen, jährlich von Regierung und Reichstag festgesetzen Zuschüssen.

Für Menschen mit intellektuellen Einschränkungen gibt es kommunale Tagesstätten, die ganztägig oder auch halbtags aufgesucht werden können und bedarfsgerechte Beschäftigungsmöglichkeiten gegen Entlohnung bieten.



10. Rollstuhlrugby

Text Ulrike Böhm

An einem Sonntagnachmittag waren wir die gebannten Zuschauer eines Rollstuhlrugby-Turniers, welches im Fryk-Center, einem medizinischen Rehabilitationszentrum in Torsby, ausgetragen wurde. Mit nur vagen Vorstellungen von diesem Sport, hatten wir sehr gespannt die Zuschauertribüne betreten und wurden dort von dem surrenden Geräusch vieler Rollstühle in Empfang genommen. An diesem letzten Wettkampftag sollten die vordersten Plätze zwischen den besten Mannschaften ausgespielt und zugleich die Qualifikationen für die Paralympics in Atlanta vergeben werden. Doch wie geht Rollstuhlrugby?

Es spielen jeweils vier gegen vier auf einer Fußballfeld großen Spielfläche. Das Ziel ist es, den Spielball über eine markierte Linie am Ende der gegnerischen Spielhälfte zu bringen. Dabei ist es nicht erlaubt, den Ball über die Linie zu werfen oder zu rollen, vielmehr muß sie mit dem Rollstuhl überfahren werden. Die Spieler werfen sich den Ball gegenseitig zu oder müssen ihn bei längerem Ballbesitz zwischendurch auf den Boden prellen. Gelingt es jedoch dem Gegner den Ball mit der Hand zu berühren, muß der Ball an ihn abgegeben werden.

Um Punkte zu machen, werden sowohl taktisch ausgeklügelte Spielzüge als auch auf den noch unbedarften Zuschauer äußerst rabiat wirkende Methoden angewendet: Rollstühle krachen auf- und ineinander, Gegenspieler werden eingekeilt und so aus dem Spiel gehalten oder bei einem allzu heftigen Aufprall einfach umgekippt.

Viele Spieler beeindruckten uns jedoch vor allem durch die schnelle Genauigkeit mit der sie den Rollstuhl beherrschten, elegante Drehungen und Wendungen vollzogen, unerwartete Haken schlugen und mitunter ein solches Gefühl von Leichtigkeit vermittelten, als wäre alles nur ein Kinderspiel. Sie lieferten uns eine lebendige Anschauung davon, wie das technische Hilfsmittel Rollstuhl für funktionell eingeschränkte Menschen, sozusagen zu einer zweiten Natur werden kann. Und vielleicht weckte das Zuschauen in einigen von uns sogar den geheimen Wunsch es selbst einmal auszuprobieren.



11. SIMON-Prozeß - Erneuerung der Organisation

Text Sabine Richter

SIMON hilft dir, deine eigene Art der Organisation, deinen eigenen Weg des Arbeitens, des Denkens und des Planens zu entwickeln. SIMON macht es einfacher für dich, die Veränderung zu überwinden.

SIMON ist für alle Organisationen, ob groß oder klein, geeignet. Er ist ebenso privat, wie auch für die Planung eigener Aufgaben geeignet.. Du wirst ihn verstehen, wenn du ihn an deine Ansprüche anpaßt...

Hans-Erik Andersson gab uns in seiner dynamischen Art einen Einblick in den Simon- Prozeß. Er ist der Begründer der Idee, die sich mit der Art und Weise des Arbeitens, Denkens, Planens und Organisierens auseinandersetzt.

Simon will zeigen, wie es ist in einer bestimmten Ordnung zu denken, zu arbeiten und sich zu überprüfen.

SIMON ist eine Methode der Organisation, die bei der Planung der Arbeit behilflich sein kann.SIMON läßt sich individuell einsetzen, entweder für eigenen Absichten oder für die Arbeit oder im Privatleben.

H. E. Andersson erklärte uns, daß es durch den rapiden Wandel der Gemeinschaft nötig ist neue und härtere Forderungen für Handlung und Geltung durchzusetzen. Viele Leute würden darüber reden wie nötig eine Erneuerung in allen Arten von Organisationen ist, aber nur wenige haben eine Idee, wie diese Forderung zu verwirklichen ist.

Dabei sind es die MitarbeiterInnen, die in den Organisationen arbeiten, die in Wirklichkeit die besten Möglichkeiten kennen.

Aber das Wissen darum allein reicht für die Veränderung nicht aus. Der Planungsprozeß muß erarbeitet und verstanden werden.

Hans-Erik Andersson hat den SIMON-Prozeß in fünf verschiedene Schritte eingeteilt

    1. Aufgabe
    2. Ziel
    3. Mittel
    4. Organisation
    5. Bericht (Nutzung)
Die Aufgabe

Die Umstände um uns verändern sich sehr schnell, deshalb ist es erforderlich über die wichtigsten Aktivitäten im Berufs- wie auch im Privatleben nachzudenken. Die Organisationen müssen entscheiden, welche die wichtigsten Prinzipien sind. Die Aufgabe sollte der oberste Auftrag für die Organisationen sein. Es wichtig die Frage zu beantworten, warum eine bestimmte Aktivität eingeleitet werden sollte. Eine gut durchdachte Aufgabe ist von fundamentaler Wichtigkeit, wenn diese Aufgabe falsch gestellt ist, ergeben sich daraus auch falsche Arbeitsschritte. Bei der Aufgabenstellung sind unterschiedliche Faktoren entscheidend: die Zeit und die Prinzipien.

Dabei sollten nach Anderssons Vorstellungen folgende Fragen geklärt werden:

    1. Was sind meine Prinzipien?
    2. Was ist der wichtigste Grund meiner Existenz?
    3. Was brauche ich?
    4. Die Situation?
    5. Das Problem?
    6. Was kann ich dagegen tun?
Die Ziele

Nachdem die Aufgabenstellung geklärt wurde, folgt nun der nächste Schritt - die Ziele werden festgesetzt.

Hinter dem Willen das Bestmöglichste zu erreichen, steht das Bemühen ein Bild der Zukunft zu schaffen. Die Vorstellung der Zukunft muß mit Hilfe einer Anzahl zu ermessender Punkte -Ziele- geklärt werden

Diese Ziele sind unter anderem dazu da, Gemeinschaft und Engagement zu schaffen und dasGefühl der Belohnung zwischen den Menschen zu fördern, wenn sie das Ziel gemeinsam erreichen.

Jedoch haben alle Aufgaben zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es einfach in Zahlen zu messen und auf der anderen Seite werden die Aufgaben anhand von Prinzipien charakterisiert.

Hans-Erik Andersson gab folgende Vorschläge, um die Prinzipien festzulegen:

    1. Simon würde sich z.B. als Skispringer, beurteilen durch die Länge - den Eindruck -und die Charakteristik des Sprunges.
    2. Wir selbst sollen auf unserer starken Position aufbauen, da wir durch unsere Charakterisierung beeinflußt werden.
    3. Und wir sollen die Vorstellung der Zukunft mit Hilfe der realitischen Ziele beschreiben.
    4. Um für lange Zeit auf dem richtigen Weg zu bleiben, müssen wir uns für den ersten und wichtigsten Schritt entscheiden.
    5. Alle Ziele der Organisation sollen auch unsere Ziele sein.
Die Mittel

Wenn die Ziele feststehen, müssen die Mittel festgelegt werden, um die Ziele zu erreichen. Viele Leute beginnen mit den Mitteln, bevor Aufgabe und Ziel feststehen. Das Denken führt uns verschiedene Aktivitäten vor Augen, oft aus Gewohnheit, ohne nachgedacht zu haben, ob diese Aktivitäten wirklich gebraucht werden oder nicht. In der Absicht, die Aktivitäten der Organisation zu verstärken, müssen die Mittel, die genutzt werden sollen, festgelegt werden, abhängig von den Zielen.

Wenn die Mittel nicht dazu beitragen, die wünschenswerte Zukunftssituation zu erreichen ist alles sinnlos, selbst unter Einsatz aller menschlichen und ökonomischen Maßnahmen.

Also ist es genau dieser Schritt, die Planung der Mittel mit dem eigentlichen Planungs- und Budgetsystem der Organisation zu verbinden. Dann erst wird das Budget festgelegt.

Herr Andersson beschrieb uns, wie seine Figur Simon diesen Arbeitsschritt plante:

  • Er fertigte sich ein genaues Bild, in einer kleinen Perspektive, beschrieb die beiden, in den Zielen, korrespondierenden Faktoren, die Aufgabe und Charakteristika, um sich so ein sichereres Bild der Zukunft zu machen. Nun konnte er die Mittel festlegen in der Absicht seine Ziele zu erreichen.
  • Er stellte die Mittel in Abhängigkeit von den Zielen fest. Schritt für Schritt. Benutzte kreative Methoden und organisierte die benötigten Mittel.
  • Dann erstellte er einen Finanzplan, vorrangig unter der Fragestellung: "Was wird es kosten, die Kurz-Zeit-Ziele zu erreichen?"
Die Organisation

Wenn die Art der Mittel feststeht, werden Arbeitskräfte gebraucht, um alle geplanten Aufgaben auszuarbeiten.

Organisation ist alles in der Kooperation zwischen den Menschen, denn alle haben die Absicht mit diesen Bemühungen das Ziel zu erreichen. Die einfachste Form der Organisation ist, ein Diagramm zu erstellen um die Zusammenarbeit zu koordinieren. Wenn dies nicht ausreichend ist, ist der erste Zeitpunkt gekommen, zu dem sich jede/r seine eingene Meinung machen sollte.

Ein wichtiger Punkt bei diesem Schritt des Prozesses ist das Nutzen menschlicher Kräfte. Manche Menschen wachsen mit der Verantwortung, die ihnen gegeben wird, manche entwickeln ein Gefühl der Zufriedenheit mit ihrem Auftrag.

Der Umgang, die Atmosphäre in der Gruppe ist wichtig dafür, wie hart und vertraut einer mit dem anderen arbeitet, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Hans-Erik Andersson ist der Meinung, daß das Verständnis der MitarbeiterInnen für die Arbeit grundlegend für die Organisation ist. Er erläuterte uns, daß das Verhältnis zwischen Druck und Effekt eine wichtige Rolle spielt. Wir brauchen ein sicheres Gefühl für den Druck, denn er kann zu stark oder zu schwach sein und wir alle haben eine maximale Belastungsgrenze, die respektiert werden muß. Zwischen unserer oberen und unteren mentalen Grenze haben wir ein Gefühl der Sicherheit. Manchmal schieben sich diese beiden Grenzen näher zusammen, und unser Selbstbewußtsein wird kleiner oder größer. Das ist wichtig für Personen, jedoch auch für ganze Nationen, denn es ist wichtig ein großes Gefühl der Sicherheit zu haben, in dem Fehler verziehen werden.

Der Bericht

Der letzte Schritt des SIMON-Prozesses ist genauso wichtig, wie der erste. Eine Vorgehensweise, die von vielen Leuten als nicht sinnvoll eingestuft wird, wird nicht überleben. Eine Organisation, die ihre Probleme zufriedenstellend lösen kann, wird eher für nützlich und wichtig gehalten.

Während dieses Schrittes werden alle Informationen gesammelt und annalysiert. Hier gilt es, das Ziel zu kontrollieren und alle Informationen des bisherigen Verlaufs zu berücksichtigen. Die verantwortlichen Personen müssen genau über die Risiken und Möglichkeiten der einzelnen Arbeitsschritte informiert sein.

Es ist ihre Aufgabe, einen genauen Plan der Ziele und Mittel zu entwerfen, um daran die in dem Plan festgelegte Zeit und die tatsächlich, in dieser Zeit erreichten Ziele zu vergleichen. Dieser Schritt ist das Herz des gesammten Planungsprozesses. Beim Abschätzen der fast erreichten Ziele ist eine Justierung des Plans notwendig, um gegebenenfalls die Aufgabe neu festzusetzen. Die Ziele müssen neu gesteckt werden und auch die Liste der zu verwendenden Mittel ist neu festzustellen, die Organisation des Projektes kann erneuert oder verbessert werden und neue Mitarbeiter können integriert werden.

Kurz zusammenfassend empfiehlt Hans-Erik Andersson:

  • Organisiere das fortlaufende Berichtsystem
  • Überprüfe die regulären Punkte des Berichtsystems
  • Bemesse die Leistung, die nötig war, um die Kurz-Zeit-Ziele zu erreichen
  • Ist etwas passiert, das das Projekt in Gefahr gebracht hat? Analysiere die Gefahren und Möglichkeiten. Die Analyse soll es möglich machen, die Ziele in kürzerer Zeit als geplant zu erreichen.
  • Mache den nächsten Schritt in die Zukunft, führe dir die Aufgabe, die Mittel, die Organisation und das Berichtsystem vor Augen.


12. Arbetarnas Bildnings Förbund - (Der Arbeiterbildungsverband)

Leif-Ove Nilson informierte uns über die Aufgaben und Tätigkeiten des Arbetarnas Bildings Förbund (ABF).

Gegründet wurde er 1912 gemeinsam von Sozialdemokraten, dem Gewerkschaftsverband und der Genossenschaftsbewegung. Anlaß war die Unzufriedenheit mit dem der Arbeiterklasse zugänglichen Kultur- und Bildungsangebot. Gleichheit und Solidarität sollten in den Bereichen Bildung und Beschäftigung bestehen. Die Antriebskraft für den ABF war die Lust am Kampf für ein materiell und ideell besseres Leben. Er wollte und sollte sich im Dienste der Arbeiterbewegung für die Förderung von Volkskultur und -bildung einsetzen. Im ersten Jahr nahmen rund tausend Personen an den Kursen teil, heute sind es über 900 000.

Ziel ist es, den Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit zur Bildung, Entwicklung und politischer Einflußnahme zu bieten. Informationsquellen sind unteranderem Literatur,Studienkreise (Fortbildungskurse) und Studienreisen. In der Bildungsarbeit ist das Gespräch ein wesentlicher Bestandteil. Da jeder Mensch über eine Menge unterschiedlicher Kenntnisse verfügt, gibt der ABF Raum für Informations- und Meinungsaustausch. Er ist der Ansicht, daß Offenheit und kritischer Umgang mit Ideen nicht nur das Wissen, sondern auch die Persönlichkeit fördert und darüber hinaus soll die Übung in der Darstellung eigener Ideen und die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen eine wesentliche Voraussetzung für demokratisches Verhalten in der Geselllschaft bilden. Durch seinen weitgefaßten Bildungsbegriff will der ABF zu kritischem Denken, lebenslangem Lernen und ständig wacher Neugier anregen.

Basis bilden die Studienkreise, bei denen die TeilnehmerInnen im Mittelpunkt stehen. Die Arbeit orientiert sich an ihren Erfahrungen und es erfolgt ein kooperativer Lernprozeß, bei dem Leiter und TeilnehmerInnen gemeinsam Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben. Der Studienkreisleiter oder die Leiterin sind das Herz der ABF-Methode. Ihr Engagement und Können verleiht den pädagogischen Ideen des ABF Leben und schafft das Lernklima, in dem die TeilnehmerInnen sich entfalten können.

Für das Lernen in Studienkreisen kommen die unterschiedlichsten Themen in Frage - nichts ist unmöglich...

Die Kulturarbeit des Arbeiterbildungsverbandes verfolgt das Ziel, jedem - unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder funktioneller oder intellektueller Einschränkung - das gleiche Recht zu gewähren, seine Kultur mitzugestalten. Kultur darf nicht völlig den Gesetzen des Marktes unterstellt werden. Entscheidend muß letztlich das kulturelle Bedürfnis des Menschen sein, nicht der ökonomische Gewinn. In den verschiedenen Kulturgruppen wird genäht, fotografiert, Theater gespielt, musiziert oder gemalt - eigene Kreativität wird entwickelt.

Der ABF setzt sich dafür ein, daß Bildungsunterschiede überwunden werden. Das öffentliche Bildungssystem soll für ein gleichmäßig hohes Bildungsniveau in allen Bevölkerungsschichten sorgen. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, muß der ABF - wie in der Frühzeit der Arbeiterbewegung - diese Entwicklung fördern, indem er auch Basiswissen vermittelt.

Daher werden auch Studienkreise zur Vermittlung von Grundkenntnissen, die viele Menschen in ihrer Schulzeit nicht erwerben konnten, angeboten. Dies gilt für alle Altersgruppen.

Ein weiteres Anliegen des ABF ist es, sich anderen Kulturen zu öffnen, fremde Menschen zu verstehen und den Rassismus zu bekämpfen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind oft ein Ausdruck von Angst - einer Angst, die ihre Wurzeln häufig in geringem Selbstwertgefühl hat. Studienkreise, an denen Schweden und Einwanderer gemeinsam teilnehmen, Vorträge und Seminare sollen das gegenseitige Verständnis fördern und Brücken von Kultur zu Kultur bauen.

Jeder Mensch, unabhängig von seinem kulturellen Hintergrund , hat für den Arbeiterverband dieselben gesellschaftlichen Rechte und Pflichten. Grundsätzlich ist jede Kursteilnehmerin und jeder Kursteilnehmer willkommen, doch besonders gefördert werden Menschen mit kurzer Schulbildung, Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen und Einwanderer. Der ABF will denen am meisten geben, die woanders zu kurz kommen.

Traditionsgemäß ist der Arbetarnas Bildnings Förbund international ausgerichtet. Er ist Mitglied im internationalen Zusammenschluß des Arbeiterbildungsverbandes IVA (Internationaler Verband für Arbeiterbildung). Darüber hinaus haben sich die skandinavischen Länder zum ABF Norden und die europäischen zur EURO-WEA zusammengeschlossen. Durch diese Organisationen werden offiziell die internationalen Kontakte gepflegt. Von den 60 IVA-Mitgliedsverbänden ist der ABF am stärksten in der Entwicklungshilfe engagiert. Er betreibt Förderprojekte in Asien, Südamerika, Osteuropa, Afrika, im mittleren Osten und in Rußland. Dabei kooperiert der Verband nicht mit den Staatsmächten, sondern mit den Volksbildungsorganisationen, mit ihnen werden verschiedene Bildungsmaßnahmen entwickelt. So werden z.B. je nach Bedarf Ausbildungen für StudienkreisleiterInnen ausgearbeitet. Das Motto ist also, "Hilfe zur Selbsthilfe." Die Form von Wissenstransfer erfolgt mit dem Ziel, so zu einer demokratischen Entwicklung beizutragen.

Viele verschiedene Organisationen haben sich dem Arbetarnas Bildnings Förbund angeschlossen. Die Arbeiterbewegung, Behindertenverbände, Einwandererverbände und der Reichsverband der Rentenempfänger sind die größten unter den 49 Mitgliedsverbänden des ABF. Der Verband ist in ganz Schweden vertreten - von dünnbesiedelten Gegenden bis zur Großstadt. Von Kiruna im Norden bis Trelleborg im Süden überzeihen Distrikte und Abteilungen das ganze Land mit einem Netz von Bildungszentren. Hunderttausende Menschen kommen zusammen, um gemeinsam zu lernen oder sich kulturell zu betätigen.



13. Die Volkshochschule von Stöllet

Text Birgit Köster

Als Leiter der Volkshochschule hielt uns Kjell Arstad einen kurzen Vortrag über seine Arbeit.

Die Volkshochschulen in Schweden haben einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Neben ihrem weiten Angebot im Freizeitbereich wird viel im Sektor der Fort- und Weiterbildung gearbeitet, Schulabschlüsse können hier nachgeholt werden. Teilnehmen an der angebotenen Erwachsenenbildung können vor allem ältere, schlecht ausgebildete Menschen und Arbeitslose. Diejenigen mit der schlechtesten Ausbildung oder langer Arbeitslosigkeit, werden bevorzugt in die Kurse aufgenommen.

Die Volkshochschule von Stöllet ist die einzige rollstuhlgerechte Volkshochschule von Värmland. Sie wird aus diesem Grund auch bevorzugt von Menschen mit funktionellen Einschränkungen besucht.

Das Angebot ist wechselnd, meistens ist es in drei oder vier Sparten aufgeteilt. Die allgemeinen Linien wie Mathematik, Sprachen und Computer, laufen über einen Zeitraum von 1 bis 3 Jahren. Es bestehen weitere Wahlmöglichkeiten, wie z.B. Psychologie, Philosophie, Malen, Fremdsprachen und andere.

Der Stundenplan umfaßt 40 Wochenstunden und wird von den Studierenden selbst gestaltet. Die Lehrenden haben hier eine ganz andere Rolle als an gewöhnlichen Schulen. Sie geben Hilfestellung beim erarbeiten der Informationen und des Lehrstoffes, jedoch erteilen sie keinen üblichen Unterricht. Die Studierenden lernen selbständig in Projektform und sagen selber, wie oft der Lehrende anwesend sein soll. Dieses System funktioniert laut Kjell Arstad, weil die Studierenden wirklich lernen wollen. Bei steigender Arbeitslosigkeit wirkt wahrscheinlich auch die Aussicht auf einen angestrebten Arbeitsplatz motivierend, der durch die Fort- oder Weiterbildung ermöglicht wird. Aber auch etwas für sich persönlich zu erarbeiten und ein angestrebtes Ziel zu erreichen, kann ein guter Ansporn sein.

Zur Zeit lernen an dieser Volkshochschule drei Gruppen mit je 12 Personen allgemeine Fächer. Es gibt einen Kurs für Journalismus und einen speziell für Emigranten, die hier Schwedisch lernen.

Desweiteren beschäftigt sich ein Kurs mit dem Themenfeld Umwelt, Tiere und Wald sowie dem Kreislauf des Lebens. Die Umwelterziehung ist ein spezielles Anliegen von Kjell Arstad. Er arbeitet schon seit Jahren mit immer wieder anderen Kursen in diesem Bereich. Mit zwei Modellen veranschaulichte er uns einen Teil seiner Arbeit.

Das erste Modell zeigte einen Teil der Flußlandschaft (Klarälven) sowie die angrenzenden Wälder. Um die Jahrhundertwende war ein Teil des Flußlaufes verändert worden. Nun wird dieser wieder in sein altes Bett zurückgeleitet, die Landschaft soll ihre ursprüngliche Ausprägung zurückerhalten.

Das andere Modell war ein kleines Floß aus Holz, auf welchem junge Tiere (z.B. Enten) auf dem Fluß ausgesetzt werden, damit sie sich dort wieder ansiedeln.

Bei allen Umweltaktionen und der Umwelterziehung an der Volkshochschule wird auf die derzeitige Lage und auf die Auswirkungen auf die Zukunft geschaut. Die Aufklärung in diesem Gebiet ist dringend erforderlich. In vielen Seen gibt es keinen Fischbestand mehr, was auf den sauren Regen zurückgeführt wird. Allein fünf Wasserkraftwerke sind laut Kjell Arstad in den letzten Jahren durch die Übersäuerung "zerfressen" und so zerstört worden.

Die Volkshochschule von Stöllet möchte in nächster Zeit mit dem Bau eines Energiesparhauses beginnen, das nur aus Naturmaterialien bestehen soll. Als Energiequelle soll die Sonne dienen. Von der EU wurden bereits 500.000 SEK dafür zugesagt.

Dieses ist ein Bereich, in dem die Volkshochschule neben vielen anderen arbeitet. Unser Treffen mehrerer Nationen fand während der schwedischen Sommerferien statt. Wir haben dort gewohnt und an einem vorbereiteten Vortrags- und Freizeitprogramm teilgenommen. Um besser im internationalen Austausch z.B. über das Thema der Studienwoche und anderen Erfahrungen und Erkenntnissen in diesem Bereich stehen zu können, strebt Kjell Arstad den Aufbau eines Netzwerkes mit internationaler Beteiligung an, über dessen Entwicklung wir gespannt sein dürfen.




14. Jimmy Solo

Text Ulrike Böhm

Nachdem wir bereits von einem umfangreichen Programm mit einer Fülle von Informationen gesättigt waren, bekamen wir auch an den Abenden weitere Einblicke in das Lebensgefühl der Schweden geboten.

Ein besonderes Beispiel dafür war der erst 14jährige Jimmy Solo, welcher uns als Einzelunterhaltungskünstler angekündigt worden war und der uns bereits mit kurzgeschnittenem Pony, Kindergesicht und Westernlook von einem Plakat entgegen lächelte. Sein Markenzeichen ist der Wolf, jenes Tier, das auch Värmlands Wappen ziert. Der Wolf wurde für Jimmy Solo zum Symbol seiner eigenen Geschichte. Mit einer angeborenen Einschränkung seines Gehver- mögens fühlte sich der Junge von seinen Mitschülern häufig ausgegrenzt.

Doch eine besondere Beziehung zur Musik sowie eine talentierte Stimme öffneten Jimmy einen eigenen Weg ins Leben.

Heute singt und rockt Jimmy solo und selbstbewußt auf der Bühne. Seine Auftritte werden von einer Art Familienbetrieb organisiert: Seine Mutter schreibt die zum Teil sozialkritischen Texte, der Vater komponiert und sorgt am Mischpult für die richtigen Klänge. Ergänzt wird das aus vergangenen Rockertagen entstammte Pärchen und ihr Sohn von zwei schwarzen, ponygroßen Doggen, welche dem ganzen Unternehmen einen leicht skurrilen Touch verleihen.

Auch wenn wir den schwedischen Klängen zunächst noch in abwartender Zurückhaltung und mit kritischer Distanz lauschten, brachte Jimmy spätestens mit seiner gecoverten Version von "La Bamba" Stimmung und Bewegung in die Reihen - bis schließlich allein, zu zweit oder in einer langen Polonaise ausgelassen getanzt wurde.



15. Day-Centre in Hagfors

Text Andrea Bleckmann

An diesem Tag besuchten wir unter anderem ein Tageszentrum in Hagfors, das Menschen mit intellektuellen Einschränkungen offen steht. In diesem Zentrum finden tägliche Aktivitäten statt, die für Personen angeboten werden, die nicht arbeiten gehen. Durch verschiedene Arbeitsangebotsmöglichkeiten möchte das Day-Centre erreichen, daß den behinderten Menschen bessere Arbeitschancen eröffnet werden. Auf die Menschen wird hier individuell eingegangen und jeder kann das tun, was er am liebsten möchte und was er am besten kann. Neben handwerklichen Tätigkeiten, wie Holzverarbeitung, Herstellung von Textilien werden auch freizeitorientierte Aktivitäten angeboten. Den Tageszentrumsbesuchern stehen sogenannte Snoezelenräume zur Verfügung. Hiervon gibt es insgesamt drei, die alle verschieden eingerichtet sind.

Snoezelen (sprich: Snuselen) wird beschrieben als ein Freizeitangebot mit einer therapeutischen Wirkung für behinderte und nichtbehinderte Menschen. Entwickelt wurde das Konzept Ende der 70er Jahre in den Niederlanden von Jan Hulsegge und Ad Verheul.

Das Wort Snoezelen ist ein Kunstwort und setzt sich aus den beiden niederländischen Verben "snuffelen" und "doezelen".

"Snuffelen" bedeutet übersetzt schnüffeln und steht für das Prinzip der Freiheit. In einem Snoezelenzentrum kann der Besucher tun und lassen was er will.

"Doezelen" heißt übersetzt dösen und steht für die Entspannung, steht aber auch für Zuwendung und emotionale Geborgenheit, steht für das Prinzip der Liebe.

Dem Besucher wird beim Snoezelen eine "sensorische Cafeteria" geboten. Sinnliche Reize von "snoezeliger" Faszination werden in einer angenehmen und stimmungsvollen Atmosphäre angeboten. Viele Besucher sind trotz schwerer zerebraler Beeinträchtigung zu subtilen sinnlichen Erfahrungen auf emotionaler Ebene fähig.

Da wirken z.B. in einem Raum der optische und der akustische Sinn, der Geruchs- und Tastsinn zusammen, um Entspannung und Wohlbefinden zu vermitteln. Oder in einem anderen Raum kann man sich der Sinnesanregungen auch selektiv bedienen - je nachdem was Freude macht.

Die Wirkungen des Snoezelen sind bei jeden Besucher verschieden. Bei Besuchern mit einer Sinnesbeeinträchtigung kann man mit unerwarteten Reaktionen überrascht werden. Sinneskanäle werden belebt, Lethargie abgebaut. Sinneseindrücke können geistige Prozesse aktivieren und Abbildstrukturen beleben. Für Menschen mit einer intellektuellen Einschränkung kann die Umwelt oft undurchschaubar und mit Streß verbunden sein. Snoezelen kommt ihnen da entgegen: keinerlei Anforderungen, keinerlei Erwartungen. Snoezelen macht einfach Freude und rechtfertigt sich aus sich selbst.

In dem ersten von insgesamt drei Räumen im Day-Centre erlebt man zunächst massiv die Farbe weiß, da der gesamte Raum in dieser Farbe gehalten ist, um den angebotenen Reizen keine Störfaktoren entgegenzusetzen. Der Besucher soll nicht durch Fremdreize in seiner Wahrnehmung gestört werden. Der Raum ist mit weichen Schaumstoffbodenmatten ausgelegt, in dessen Mitte sich ein großes temperiertes, mit einem Baldachin versehenes Wasserbett befindet.

Durch eine vorhandene Musikanlage wird meditative Musik nicht nur gehört, sondern auch vibratorisch auf dem Wasserbett erfahren. Hier werden neben der Erfahrung auf dem Wasserbett auch visuelle Reize angeboten. Verschiedene Lichtspiele in Form von zwei Blasensäulen, die sich vor einem großen Spiegel befinden, werden inszeniert. Weiterhin erlebt der Besucher eine Spiegelkugel mit dazugehörendem Farblichtspotrad, welche langsam laufende Lichtpunkte im ganzen Raum verteilt. Eine gute Verbindung mit Snoezelen stellt die Aromatherapie her, die den sonst wenig genutzten Geruchssinn anregt. Hier kann man Düfte und Massage zu einer sehr intensiven und hilfreichen Stimulation der zwei Sinne Geruch und Berührung verbinden.

In dem zweiten Raum befindet sich ein bewegbares, an der Decke mit dehnbaren Stricken befestigtes Boot. Hiermit fährt man auf auf einem wunderschön idyllischen See mit Enten und Vögeln spazieren. Meditative Musik und das leichte Schaukeln des Bootes lassen die Wirklichkeit entschwinden und es wird nur noch die entspannende Bootsfahrt genossen.

Im daran angeschlossenen Zimmer befindet sich ein sogenanntes Kugelbad. Dieses ist ein mit Schaumstoff umgebenes Bad, das mit vielen kleinen bunten Bällen ausgestattet ist. Diese Bälle massieren den Körper bei jeder Bewegung und sie passen sich entsprechend der Sitz- oder Liegeposition des Besuchers an. Außerdem macht es einfach unheimlichen Spaß, dort hineinzuspringen und zu schwimmen.

Eine selbstgebaute Höhle machte die Dunkelheit und Abgeschiedenheit - allerdings ist ein kleines Lagerfeuer vorhanden - erlebbar. Durch das Anfassen von warmen Kieselsteinen kann man die taktile Stimulation fördern und es ist sehr angenehm, diesen warmen Kies zu fühlen. Ein weiteres Angebot sind verschiedene musikalische Instrumente, mit denen eine Vielzahl von Klängen durch verschiedene Aktionen und Bewegungen erzeugbar sind.

Die verschiedenen aufgezeigten Möglichkeiten des Snoezelen zeigen, daß für jeden Besucher individuell genug Möglichkeiten bestehen, Entspannung und Wahrnehmung zu erleben.



16. Källgarden Hagfors

Unser heutiger Weg führte uns zu einem Wohnprojekt für Menschen mit einer intellektuellen Einschränkung. Dieses Wohnprojekt umfaßt eine Gruppe von fünf Menschen, die inmitten eines Ortes in der Nähe von Hagfors zusammenleben. Sie selber waren während unseres Besuches nicht anwesend, da unsere Gruppe doch sehr groß war und sie dieser entgehen wollten.

Sie leben in einer Art Wohngemeinschaft, allerdings hat jeder von ihnen sein eigenes Appartment mit seperatem äußeren Eingang. Die Appartments sehen von außen aus wie fünf einzelne kleine Häuser, die allerdings fließend zu einem großen gelben Haus übergehen. Jedes Appartment ist ca. 40 qm groß und verfügt über ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Bad und eine Kochnische. Zwei der Appartments sind angepaßte Wohnungen, d.h. sie sind so gebaut, daß Personen, die einen Rollstuhl benötigen, dort entsprechend großzügigere Räumlichkeiten vorfinden. Weiterhin gibt es eine gemeinsame Küche und einen Aufenthaltsraum sowie kleinere Räumlichkeiten. Auf dem inneren gemeinsamen großen Flur, auf den alle Appartements zulaufen, sind jeweils an der linken und rechten Seite Geländer zur Hilfestellung angebracht.

Begrüßt wurden wir von einem der acht Mitarbeiter.

Er berichtete uns, daß von den fünf hier lebenden Personen drei autistische Menschen sind und zwei Menschen ein Down-Syndrom haben. Drei von ihnen gehen täglich in das Day-Centre in Hagfors und zwei von ihnen arbeiten außerhalb der Stadt.

Die Mitarbeiter haben für jeden einzelnen der fünf WG-Mitglieder ein individuelles Konzept für das alltäglich Leben entwickelt, was sich an der sog. TEACCH filosofi orientiert.

Die TEACCH filosofi ist schwerpunktmäßig für Menschen mit Autismus entwickelt worden, kann aber auch auf andere Menschen mit intellektuellen Einschränkungen übertragen werden.

Die Methode stellt insgesamt sieben wichtige Punkte in den Vordergrund. Menschen, die mit autistischen Personen arbeiten/trainieren, sollten auch entsprechende Kenntnisse über Autismus besitzen. Sie sollten in der Lage sein, autistische Neigungen wahrzunehmen und entsprechend einzuschätzen. Weiterhin ist es notwendig, daß sie über strukturierten Unterricht, Zusammenarbeit mit Familien, Kommunikation, Selbständigkeits- und Berufstraining, Training von freizeitlichen und sozialen Fähigkeiten sowie im Umgang mit Verhaltensproblemen Wissen erlangt haben.

An dritter Stelle der Methode steht die Zusammenarbeit zwischen Eltern und sogenannten geschultem Personal. Durch dieses gemeinsame Wirken kann ein intensives und zielgerichtetes Training stattfinden.

Zur Verbesserung der Integration werden zwei Hauptziele angestrebt. Das erste Ziel verfolgt die Erhöhung der Fähigkeiten des Kindes/Erwachsenen. Das zweite Ziel fordert eine gewisse Anpassung der Umgebung, um Mängel ausgleichen zu können.

Im fünften Punkt wird die effektivste Verhaltensweise für Mitarbeiter und Eltern hervorgehoben, die aussagt, daß sich beide auf die Zunahme und Verbesserung der Fähigkeiten konzentrieren sollen. Für die Arbeit mit den Eltern ist ein Bewußtwerden und Akzeptieren des Autismus ihrerseits unausweichlich.

Das Lernen von autistischen Personen basiert auf strukturiertem Lernen, so daß hier entsprechend drauf eingegangen werden muß. Im siebten und letzten Punkt werden die Konzepte genannt, die für jede autistisch Person entwickelt werden müssen, um deren weitere Entwicklung optimal zu fördern.

Die TEACCH filosofi geht nach diesen sieben Punkten zu einer Darstellung über, die die Schwierigkeiten autistischer Menschen in verschiedenen Bereichen transparent macht. Sie kristallisiert zunächst einzelne Schwierigkeiten heraus, führt aus, wie sich diese zeigen und erläutert als letzten Schritt, welche Bedeutung das für die Arbeit/das Training mit autistischen Personen hat. Zur Verdeutlichung zeige ich folgend ein Beispiel auf.

Autistische Menschen haben Schwierigkeiten im kommunikativen Bereich. Diese zeigen sich dadurch, daß sie Aufforderungen oftmals nicht verstehen, ihre eigenen Bedürnisse nicht äußern können, viele Fragen stellen und ein verspäteter Prozeß zwischen Gedankengang und Handlung - sowie umgekehrt - stattfindet.

Bedeutsam für das Training ist hier, daß mündliche und "zeigende" Pädagogik nicht effektiv sind, sondern das Kind/der Erwachsene am besten durch sichtbare Strukturen bzw. visuelle Unterstützung und Routine lernt.

Die TEACCH filosofi geht nunmehr auf die Grundzüge der strukturierten Pädagogik ein, die aussagt, daß die Welt für autistische Menschen vorhersehbarer und weniger chaotisch gemacht werden soll, um somit eine Verringerung der Schwierigkeiten erzielen zu können. Die Umwelt soll auf die Mängel der Person angepaßt werden und eine Bereitschaft zu Kompromissen wird als wichtig erachtet. Die Selbständigkeit, die für ein Leben einfach unentbehrlich ist, schafft sogleich Selbstachtung sowie Selbstvertrauen.

Insgesamt macht die Methode an fünf Grundzügen die strukturierte Pädagogik deutlich.

I. Die physische Struktur

Autistische Menschen haben Schwierigkeiten verschiedene Dinge zu unterteilen bzw. aufzuteilen. Es fällt ihnen schwer den Unterschied zwischen Arbeitsplatz-Spielplatz und Personen-Objekte zu erkennen.

Möglichkeiten des Trainings und der Anpassung der Umwelt auf diese Schwierigkeiten sind folgende:

    1. Klar physisch und visuell abgegrenzte Bereiche
    Abgrenzungen helfen autistischen Kindern/Erwachsenen zu verstehen, wo einzelne Bereiche beginnen und wo sie enden. Sie helfen ihnen, Zusammen hänge zu verstehen und ihre Umgebung aufzuteilen.
    2. Verringerung der Blick- und Schallstörungen
    Diese Verringerung hilft dem Kind/Erwachsenen, sich auf Begriffe und nicht auf Details zu konzentrieren, was schwerpunktmäßig für den Unterricht in der Schule gilt.
    3. Schaffung von pädagogischen Grundbereichen
    Auch hier wird vordergründig der schulische Bereich angesprochen, der diese Schaffung von pädagogischen Grundbereichen beachten sollte. Hierunter fallen unter anderem eine Zwischenmahlzeit, ein Spiel, Arbeit - individuelle sowie selbständige - und die Versetzung.
    Physische Strukturen schaffen Unabhängigkeit und minimieren dadurch eventuell auftretende Verhaltensprobleme.
II. Das tägliche Schema

Der zweite Punkt der strukturierten Pädagogik ist das tägliche Schema. Dieses Schema zeigt dem Kind/Erwachsenen/Schüler visuell, welche Aktivität als nächste folgt. Das Schema soll angewandt werden, um dem autistischen Menschen den Unterschied zwischen "verschiedenen Ereignissen" und "Aktivitäten" zu erklären. Durch dieses Muster kann er lernen, Ereignisse vorherzusehen. Dementsprechend muß das Schema auch organisiert sein, d.h. entweder von oben nach unten oder von links nach rechts. Weiterhin sollte jeder einzelne die für sich effektivste Möglichkeit entwickeln dürfen, die anzeigt, daß die Aktivität beendet ist.

Schematypen
    1. Objekt - Folge von Objekten
    2. Einen Ausschnitt seines Tages in gezeichneten/fotografierten Bildkarten
    3. Ein ganzer Tag in Bildkarten
    4. Ein ganzer Tag in Bildkarten mit Text
    5. Ein ganzer Tag in geschriebenen Karten
Individualisierung
    1. Visuelle Signale. Objekt - Bild - Fotografie - Wort
    2. Ausdehnung des Schemas (Teil des Tages - ganzer Tag)
    3. Ein bewegliches Schema oder eines welches immer am selben Platz ist.
Durch die Nutzung, d.h. durch das Mitnehmen von Objekten/Bildern/Worten, kann sich die autistische Person auf den Begriff/die Sache seiner Aktivität konzentrieren und nicht auf irrelevante Deteils in der Umgebung.

III. Das individuelle Arbeitssystem

Dieses gibt dem Kind/Erwachsenen/Schüler Aufschluß darüber, welche vier verschiedene Schritte es im Arbeitssystem gibt.

    1. Wieviel Arbeit/wie viele Aufgaben?
    2. Welche Arbeit/welche Aufgabe?
    3. Wie/wann ist die Arbeit beendet und was macht man, wenn die Arbeit beendet ist?
    4. Was passiert, wenn man die Arbeit beendet hat. Ursache und Wirkung soll gelehrt werden. Die Handlung des Arbeitenden soll an eine Konsequenz geknüpft sein.
IV. Die Routine

Routine versieht autistische Menschen mit Verständnis und so auch mit Sicherheit sowie Selbstvertrauen. Daher sollte das Schema täglich kontrolliert werden, damit keine Abweichungen von den Anweisungen aus dem Arbeitssystem erstehen. Autistische Personen verstehen die täglichen Aufgaben aufgrund der täglichen Routine.

V. Die visuelle Struktur

Menschen mit Autismus sollen mit visuellen Methoden lernen, um damit Nutzen aus ihrer visuellen Stärke ziehen zu können, was auch ihren Mangel an Wortverständnis minimieren kann. Visuelle Instruktionen können die Stufe der nicht wünschenswerten Stimulierung durch Geräusche und die Nähe anderer Menschen verringern.

    1. Visuelle Organisation
    Die Organisation von Räumen in der Wohnung/Schule und verschiedenen zur Verfügung stehendem Material. Sie sollen die Organisation sowie die darauf folgenden Handlungen lernen.
    2. Visuelle Klarheit
    Wichtige Informationen werden visuell entsprechend hervorgehoben, durch
    1. farbige Markierung
    2. Etikettieren.
    Es soll Hilfestellung gegeben werden, das Relevante vom Irrelevanten zu unterscheiden.
    3. Visuelle Anweisungen
Durch die Anwendung von Bildern/Motiven bekommt die autistische Person Wissen darüber, welche Aufgabe zu erfüllen ist und in welcher Reihenfolge dies geschieht. Weiterhin kann diese Anwendung Flexibilität und Verallgemeinerungen lehren.

Wir konnten uns bei unserem Besuch in Källgarden eigenhändig von dieser dort angewandten Methode überzeugen. Jeder der fünf dort lebenden Menschen hat einen eigenen individuellen visuellen Plan, der ihm hilft, seinen Alltag zu bestreiten. Die Pläne hängen bei jedem einzelnen im Zimmer und sind entweder von oben nach unter oder von links nach rechts organisiert. Die visuellen Anweisungen bestanden größtenteils aus Fotografien. Für jeden einzelnen der fünf WG-Mitbewohner wurden neben diesen Plänen auch indivduelle Konzepte entworfen, die sich an der oben erläuterten TEACCH filosofi orientieren.



17. "Alleine wohnen" im Altenwohnheim

Text Birgit Köster

Der Ausdruck "alleine wohnen" wurde auf unserem schriftlichen Programm wie auch von der deutschsprachigen Mitarbeiterin der Einrichtung verwendet.

Das Altenwohnheim in Hagfors, welches wir bei einer Tagesexkursion besuchten, ist eine Einrichtung der Gemeinde. Hier wohnen 27 ältere Menschen in kleinen Wohnungen. Sie haben darin eine Küche mit Kochgelegenheit, ein Badezimmer, sowie ein Wohn-/ Schlafzimmer. Eingerichtet sind die Zimmer zum großen Teil mit einer Auswahl eigener Möbel aus vertrauter Umgebung.

Die Wohnungen sind in vier Wohngruppen aufgeteilt, die wiederum eine große Wohnküche haben. Da keiner der BewohnerInnen in der eigenen Küche selber kocht, werden hier alle Mahlzeiten durch das Personal zubereitet. Es existiert zwar ein ungefährer Speiseplan für sechs Wochen, doch wird dieser nach Wunsch immer wieder umgestellt.

Benötigen die BewohnerInnen Hilfe, erreichen sie das Personal über deren Pieper, welcher durch einen am Arm oder um den Hals getragenen Rufknopf aktiviert werden kann. Im Haus arbeitet eine Krankenschwester, die im Notfall gerufen wird, die anderen Mitarbeiterinnen sind angelernt oder sogenannte Unterschwestern. Sie helfen den BewohnerInnen gewöhnlich bei den Verrichtungen des täglichen Lebens, wie z.B. beim Waschen, An- und Auskleiden, sie verteilen die verordneten Medikamente, pflegen die Kleidung und kochen für sie. Vor 2 Jahren wurde nicht nur das Haus renoviert, es veränderte sich auch die Struktur des Hauses. Das Personal wechselt nun nicht mehr alle drei Monate die Wohngruppe. Bis zu diesem Zeitpunkt war es kaum möglich gewesen, Kontakte untereinander aufzubauen. Die Mitarbeiterinnen sehen nun in sich auch Ansprechpartnerinnen und Vertrauenspersonen für die BewohnerInnen.

Es gibt im Haus einen Raum, der zum Handarbeiten und zur täglichen Beschäftigung offen steht. Dieser wird sehr gern genutzt, doch bleiben viele den Tag über, abgesehen von den Mahlzeiten, in ihrer Wohnung. Vor allen Wohnungen hängt ein Briefkasten, doch bleibt er oft ungenutzt. Die Kontakte zu Verwandten und Bekannten werden über das Telefon gepflegt.



18. Floßfahrt auf dem Klarälven

Text Ulrike Böhm

Der Abschluß unserer Studienfahrt wurde zu einem kleinen Abenteuer: Letzter Programmpunkt war eine Floßfahrt auf dem Klarälven. Jenem Fluß, dessen langer Weg von der norwegischen Grenze bis hinunter nach Karlstad auch an unserem Quartier in Stöllet vorbeiführte. Jenem Fluß, der das eine mal langsam und gemächlich dahingleitet, das andere mal jedoch von starken Strömungen beherrscht wird. Sowie jenem Fluß, dessen Ufervegetation in diesem Jahr von einer Raupenplage befallen und unaufhaltsam weiter eingesponnen wird.

In einer Vorbereitungsphase wurden wir mit dem tückischen Flußverlauf vertraut gemacht und in die Geheimnisse des Flößens eingeweiht. Zwar schien die nur etwa 5 km lange Strecke mit immerhin zwei Kurven im ersten Augenblick relativ leicht bezwingbar, doch die Anweisung uns im hinteren Streckenabschnitt immer rechts zu halten, um nicht von der starken Strömung abgetrieben zu werden, trug nicht gerade zu unserer Entspannung bei. Und tatsächlich sollte dieser Hinweis einigen von uns fast - und zwar anders als gedacht - zum Verhängnis werden ?

Alle Teilnehmer wurden zunächst zu der nahegelegenen Ablegestelle, einem flachen Sandstrand gebracht und dort mit den notwendigen Schwimmwesten ausgestattet. Erste mitunter mißtrauische Blicke richteten sich sogleich auf die sogenannten Pontonflöße, von denen sechs an der Zahl bereits auf uns warteten. Dabei handelt es sich um allzeit fahrtüchtige, aus Holzdielen gezimmerte Floßplattformen. Mit einer Plastikplane, Werkzeug und Wasserkanister sind diese Flöße für stunden-, tage- oder auch wochenlange Flußtouren bei allen Wetterlagen mehr oder minder gut ausgerüstet. Fortbewegen lassen sich diese kleinen Inseln mit Hilfe von mehreren Meter langen Holzstangen, die an besonders tiefen Stellen mitunter gar nicht mehr auf Grund stoßen sowie einem im Verhältnis dazu winzigen Paddel.

Das Kunststück bestand in unserem Fall nun darin das Gewicht von gut 30 Teilnehmern, einschließlich Rollifahrern, auf die sechs Flöße gleichmäßig zu verteilen und eventuelles Übergewicht durch überdimensionale Styroporkissen, die unter die Plattform sozusagen als Luftkissen geschoben werden, auszugleichen.

Nacheinander machten sich sodann die einzelnen Flöße auf ihren Weg um die zwei Kurven des Klarälven. Symptomatisch für unsere Zeit in Schweden wurde der Himmel immer dunkelgrauer, bis schließlich ein kontinuierlich durchnässender Regen einsetzte, der uns auch die gut zweistündige Floßfahrt über nicht mehr verließ. Wir arbeiteten mit vereinten Kräften abwechselnd gegen das Gefühl überhaupt nicht von der Stelle zu kommen und wieder gegen eine uns beharrlich auf das linke Ufer zutreibende Strömung. Doch all das konnte uns letzendlich nicht davon abhalten die Augen immer wieder über die langsam vorbeiziehende Landschaft schweifen zu lassen, nach dem vielbeschworenen Biberbau Ausschau zu halten oder vielköpfigen Entenfamilien hinterherzuquaken. Schließlich entpuppte sich das Rechtsfahrgebot in der letzten Kurve für einige von uns sozusagen als Sicherheitsgarantie, um auf Grund zu laufen und sich nach mehrmaligen Drehungen, wie eine Schraube in den Sand zu bohren. Da mußte auch schon mal jemand die Hosenbeine hochkrempeln, ins Wasser steigen und dem Floß neue Schubkraft verleihen!

Schließlich haben aber doch alle früher oder später ihr Ziel erreicht, um dort von unserem Chef Bosse mit offenen Armen sowie heißem Tee und Kaffee empfangen zu werden.



19. Schlußwort

Ungewöhnlich war die Idee allemal, eine internationale Konferenz ausgerechnet in Stöllet, einem winzigen Dorf inmitten schwedischer Einsamkeit stattfinden zu lassen.

Von weit her waren die Konferenzteilnehmer angereist: aus Griechenland, Polen und in der Mehrzahl aus Deutschland. Menschen mit und ohne funktionelle Einschränkungen, professionelle, befreundete und verwandte Helfer ebenso wie Studierende. Entsprechend unterschiedlich waren sowohl die vorhandene Informationsbasis der einzelnen Teilnehmer als auch die Erwartungen an das Programm und seine Inhalte.

Während der Vorbereitungen für die Studienfahrt nach Schweden formte sich in unseren Köpfen das Bild von einem fortschrittlichen Land, in dem Menschen mit funktionellen und intellektuellen Einschränkungen die Möglichkeit haben, ihr Leben weitestgehend selbstbestimmt zu gestalten. Neugierig und gespannt waren wir darauf, die besonderen Vorraussetzungen hierfür, die vor allem in der neuen Gesetzgebung begründet liegen, mit eigenen Augen und Ohren zu sehen und zu hören.

Im Unterschied zu den Auslandsexkursionen der vergangenen Jahre nahmen wir dieses Mal an einem fertig zusammengestellten Programm teil, was unseren eigenen Gestaltungsspielraum auf ein Minimum begrenzte. Das umfangreiche Programm bestand aus einer raschen Abfolge von Referaten und Exkursionen in die nähere Umgebung, was in Schweden meistens gleichbedeutend mit langen An- und Abfahrtswegen ist. Eine ebenso zeitaufwendige wie mißverständliche Übersetzung vom Schwedischen ins Englische und darüberhinaus ins Deutsche führte zum Teil zu erheblichen Verständigungs- schwierigkeiten. Zum Einen gingen dabei von der ursprünglichen Information viele und wesentliche Einzelheiten verloren, zum Anderen wurde uns teilweise bewußt, wie genau wir darauf trainiert worden sind, sprachliche Feinheiten herauszuhören:

Körperbehindert oder funktionell eingeschränkt?

Pflege oder persönliche Assistenz?

Insbesondere an diesem Punkt wurde das unterschiedliche Verständnis von Behinderung, das in den benutzten Begrifflichkeiten der einzelnen Teilnehmer und Teilnehmerinnen zum Ausdruck kam, deutlich.

Höhepunkte des Programms waren sicherlich die Erfahrungsberichte einzelner Personen mit funktionellen Einschränkungen, die uns sehr anschaulich und authentisch dargestellt haben, wie tiefgreifend sich die neue Gesetzgebung tatsächlich auf die Lebensbedingungen auswirken kann, wie groß die Unterschiede zwischen Vorher und Nachher tatsächlich sein können. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, daß jede noch so fortschrittliche Gesetzgebung ihre Grenzen hat (das Assistenzgesetz umfaßt z.B. nur Menschen bis einschließlich 65 Jahren) und ihre Zeit braucht, bis sie vollständig in das Bewußtsein der Menschen eingedrungen und fest darin verankert ist. Viele Betroffene sind bis heute noch nicht über ihre Rechte und Ansprüche aufgeklärt. Grundlegende Veränderungen finden (auch in Schweden) nicht von einem Tag auf den anderen statt. Sie sind Teil eines Entwicklungsprozesses, der sich vor allen Dingen in den Köpfen der Menschen vollziehen muß und allmählich auch im Handeln konkrete Form und Gestalt annimmt.

Nichtsdestotrotz besitzt Schweden für uns in vielerlei Hinsicht Vorbildcharakter, und es stellt sich für uns immer wieder von neuem die Frage, warum vieles von dem Gesehenen und Gehörten nicht auch in Deutschland möglich ist und vor allen Dingen, wie wird das alles finanziert (typisch deutsche Frage)? Auf diese und ähnliche Fragen eine Antwort zu finden und sich mit neuen Ideen und Anregungen für die Gleichberechtigung behinderter Menschen hierzulande einzusetzen ist eine der wesentlichen Aufgaben, vor die wir auch nach der Studienfahrt gestellt sind. Eine konkrete Möglichkeit besteht darin, die Idee der Internationalen Konferenz fortzuführen und weitere Treffen in verschiedenen Ländern zu veranstalten. Außerdem wird in Erwägung gezogen ein euro- päisches Netzwerk aufzubauen, um Fort- und Weiterbildungsprogramme im Bereich der Behindertenarbeit zu entwickeln und zu organisieren.

Was bleibt, ist uns bei der Heimvolkshochschule in Stöllet, den Referenten und verschiedenen Einrichtungen die wir besuchen konnten sowie insbesondere bei "Bosse" für die gastfreundliche Atmosphäre zu bedanken, die wir während unseres Aufenthaltes sehr genossen haben. Wir bedanken uns auch für die vielen Informationen, Eindrücke und unzähligen Anstöße, die wir für unser Studium und die Arbeit bekommen haben sowie für das liebevolle Rahmen- programm, daß uns das Land Schweden mit seinen Menschen und ihren Traditionen nähergebracht hat (Ein Elch am Straßenrand inclusive !).

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