Selbsthilfe-Online


Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen in Deutschland

Druckdatum: 20.04.2018
Erstellungsdatum: 08.11.2004

Landauer Manifest für Integration statt Isolation

Von pflegebedürftigen Menschen mit geistiger Behinderung

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ?Konferenz der Lehrenden der Geistigbehindertenpädagogik an wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland (KLGH)' verfolgen aktuelle sozialpolitische Entwicklungen, die das Recht auf Eingliederungshilfe für behinderte Menschen mit hohem Pflegebedarf in Frage stellen, mit großer Sorge. Sie lassen eine gravierende Verschlechterung der Lebensbedingungen dieser Menschen erwarten: Isolation in Pflegeheimen statt Eingliederung in die Gesellschaft.

Die Fakten:

Aus einigen Bundesländern wird berichtet, daß Behindertenheime mit einem hohen Anteil pflegebedürftiger Menschen vom Sozialhilfeträger aufgefordert werden, ihren Status als Einrichtung der Behindertenhilfe aufzugeben und das Heim in ein Pflegeheim bzw. einzelne Bereiche in Pflegeabteilungen mit einer verantwortlichen Pflegefachkraft umzuwandeln.

Pflegebedürftige Menschen mit geistiger Behinderung, die auf der Suche nach einem Wohnplatz außerhalb ihrer Familie sind, sehen sich zunehmend vom Sozialhilfeträger in Pflegeeinrichtungen gedrängt. Vielen wird das Recht auf Wohnen in einer Einrichtung der Behindertenhilfe versagt.

Hintergrund: Nach dem am 1.7.96 in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung des Pflegegesetzes (1. SGB XI ÄndG) beteiligen sich die Pflegekassen bei vollstationärer Betreuung eines pflegebedürftigen Menschen mit geistiger Behinderung in einem Behindertenheim mit max. 500,- DM an den monatlichen Kosten. Bei einer Betreuung in einem anerkannten Pflegeheim zahlen sie den nach der gesetzlichen Pflegeversicherung jeweils zustehenden Höchstbetrag (bei Pflegestufe III bis max. 3.300,- DM pro Monat).

Da die Sozialhilfeträger den Anteil der Pflegekassen von bis zu 500,- DM für eine nicht ausreichende Entlastung erachten, wird sich aus wirtschaftlichen Gründen die Tendenz zur Umwandlung von Behinderteneinrichtungen in Pflegeeinrichtungen verstärken. Die hat einschneidende Folgen für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung:

Reduzierung der Betreuung auf Pflege anstelle einer auf Integration zielenden Betreuung, die pädagogische, rehabilitative und pflegerische Maßnahmen umfaßt.

Verweigerung notwendiger Hilfen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für schwer behinderte und alte Menschen mit geistiger Behinderung - Ausgliederung statt Eingliederung!

Fehlplazierung von pflegebedürftigen Menschen mit geistiger Behinderung in Pflegeeinrichtungen der Altenhilfe.

Abbruch von Enthospitalisierungsprogrammen für ehemalige Psychiatriepatienten mit geistiger Behinderung durch Umwidmung von Heilpädagogischen Heimen in Pflegeheime.

Bildung neuer Behindertenghettos durch die Zusammenfassung von schwer behinderten Menschen in speziellen Institutionen.



Dies kann im Interesse von Menschen mit schweren Behinderungen nicht hingenommen werden:

Die international anerkannten Leitlinien der Geistigbehindertenpädagogik Normalisierung der Lebensbedingungen, Integration, Inclusion, Selbstbestimmung werden durch die Ausgrenzung von Menschen mit schwerer Behinderung in Pflegeheime mißachtet. Tendenz: Zurück zur Verwahrung.

Eine Abstempelung zum Pflegefall stellt die Entwicklungsfähigkeit jedes Menschen in Frage. Sie mißachtet seine Subjektivität und macht ihn zum bloßen Objekt von Pflege.

Eine nur pflegerische Versorgung und Isolation in speziellen Pflegeeinrichtungen oder -abteilungen läßt das in § 3 GG formulierte Grundrecht außer acht, daß niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Sie steht darüber hinaus dem ebenfalls im Grundgesetz verankerten Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeitentgegen.

Erkenntnisse der Wissenschaft und Erfahrungen der Praxis unterstreichen die fundamentale Rolle der Pädagogik bei der lebenslangen Entwicklung und Persönlichkeitsförderung von Menschen mit schwersten Behinderungen. Wesentliche Aspekte sind: der Aufbau einer sozialen Beziehung, die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Wünsche, die Entwicklung nonverbaler Kommunikation, die Förderung von Selbständigkeit und die Unterstützung von Autonomie im Alltag auf der Stufe der jeweiligen Entwicklung sowie das Einbeziehen in die Gemeinschaft. Pflegerische Tätigkeiten sind in diesen pädagogischen Rahmen eingebunden.

Die Teilnahme am allgemeinen Leben in normalen Alltagssituationen verleiht dem Dasein von Menschen mit schwersten Behinderungen Sinn. Eine dem pädagogischen Anspruch genügende bedürfnisorientierte entwicklungsfördernde Alltagsgestaltung ist unter den Bedingungen eines Pflegeheims nicht möglich.

Erfahrungen haben gezeigt, daß sich die Mißachtung grundlegender Bedürfnisse von Menschen mit schwerster Behinderung bei einer ausschließlich auf Pflege ausgerichteten Betreuung destruktiv auf ihre Persönlichkeitsentwicklung auswirkt: Psychische Störungen, Depressionen bis hin zur Selbstaufgabe sind die Folge.

Die mit dem Etikett ?Pflegefall? einhergehende Abwertung von Menschen mit schwerer geistiger und mehrfacher Behinderung begünstigt ihre Aussonderung in nahezu allen Lebensbereichen (Bildung, Wohnen, Arbeit, Freizeit). Sie nährt - auf dem Hintergrund von Kosten-Nutzen-Analysen - die Diskussion über den Lebenswert dieser Menschen.

Eine Konzentrierung schwer pflegebedürftiger Menschen mit geistiger Behinderung in Pflegeheimen verstärkt Vorurteile und erzeugt ein negatives Bild von dieser Personengruppe. Sie werden nicht als Teil der Gesellschaft erlebt, der selbstverständlich dazu gehört und die behinderungsbedingt notwendigen Hilfen erhält, sondern als Randgruppe, mit der niemand etwas zu tun haben will.



Wir fordern:

Erhalt und Weiterentwicklung der durch intensive schulische Förderung in Gang gesetzten Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit schwersten Behinderungen durch lebensbegleitende pädagogisch orientierte Assistenz.

Sicherung des Rechts auf ganzheitliche Betreuung im Sinne der Eingliederungshilfe gemäß § 39 ff. BSHG für pflegebedürftige Menschen mit geistiger Behinderung, unabhängig von ihrem Alter.

Sicherung des Rechts auf Inanspruchnahme von Wohnangeboten der Behindertenhilfe für Menschen mit geistiger Behinderung auch bei hohem Pflegebedarf.

Einlösung des Anspruchs auf Leistungen der Pflegeversicherung in voller Höhe bei vollstationärer Betreuung von pflegebedürftigen Menschen mit geistiger Behinderung auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe.



Liste der anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ?Konferenz der Lehrenden der Geistigbehindertenpädagogik an wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland (KLGH)? zum

Landauer Manifest (31. Mai 1997)

für Integration statt Isolation von pflegebedürftigen Menschen mit geistiger Behinderung

Fernuniversität Hagen, Lehrgebiet Heil- und Sonderpädagogik, Elberfelderstr. 103, 58084 Hagen: Prof. Dr. Ackermann, Dr. Kirchhoff, Hr. Kant, Fr. Schachtsiek

Universität zu Köln, Heilpädagogische Fakultät, Seminar für Geistigbehindertenpädagogik, Frangenheimstr. 4, 50931 Köln: Prof. Dr. Dreher, Prof. Dr. Fornefeld, Dr. Lamers, Dr. Heinen, Dr. Seifert, Dr. Berghaus, Hr. Röhrig,Hr. Dobernecker

Universität Potsdam, Institut für Sonderpädagogik, Postfach 601553, 14415 Potsdam: Dr. Grüning

Pädagogische Hochschule Heidelberg, Keplerstr. 87, 69120 Heidelberg: Prof. Dr. Kane, Prof. Dr. Klauß, Dr. Fischer, Fr. Herr

Pädagogische Hochschule Reutlingen, Fakultät für Sonderpädagogik, Postfach 2344, 72762 Reutlingen: Prof. Dr. Klein, Hr. Kübler

Martin-Luther-Universität Halle, Institut für Rehabilitationspädagogik, 06099 Halle (Saale): Prof. Dr. Theunissen, Dr. Stichling

Fachhochschule Braunschweig, Ludwig-Winter-Str. 2, 38120 Braunschweig: Dr. Baronjan

Johannes Gutenberg Universität Mainz, Pädagogisches Institut, 55099 Mainz: Prof. Dr. Bach

Universität Koblenz-Landau, Abteilung Landau, Institut für Sonderpädagogik, Xylanderstr. 1, 76829 Landau (Pfalz): Prof. Dr. Fröhlich, Fr. Arens, Fr. Gbur, Fr. Schramm

Heilpädagogisches Seminar Zürich, Kantonsschulstr. 1, 8001 Zürich: Dr. Strasser, Hr. Benz

Universität München, Lehrstuhl für Pädagogik, Leopoldstr. 13, 80802 München: Prof. Dr. Bundschuh, Dr. Wagner

Universität Würzburg, Sonderpädagogik II, Wittelsbacherplatz 1, 97074 Würzburg: Hr. Ebert

Humboldt Universität Berlin, Institut für Rehabilitationswissenschaften, Prenzlauer Promenade 149-152, 13189 Berlin: Prof. Dr. Hahn, Dr. Meißner, Dr. Lindmeier, Hr. Knebel, Fr. Hall, Hr. Richardt, Fr. Fischer

Pädagogische Hochschule Erfurt, Institut für Sozial- und Sonderpädagogik, Postfach 307, 99006 Erfurt: Prof. Dr. Goll

Universität Rostock , Institut für Sonder- und Heilpädagogik, August-Bebel-Str. 28, 18051 Rostock: Dr. Pateijdl

Universität Oldenburg, Ammerländer Heerstr., 26111 Oldenburg: Prof. Dr. Mühl

Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik, Bismarckstr. 2, 30173 Hannover: Prof. Dr. Wilken

Universität Hamburg, Institut für Behindertenpädagogik, Sedanstr. 19, 20146 Hamburg: Prof. Dr. Zimpel

Eine Kopie der Zustimmung zum Landauer Manifest, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der KLGH durch ihre Unterschrift bestätigt wurde liegt bei. Das Orginal kann beim Veranstalter der diesjährigen Tagung (Prof. Dr. Fröhlich, Universität Koblenz-Landau, Abteilung Landau, Institut für Sonderpädagogik) eingesehen werden.

Siehe auch Bioethik, Transplantation

  DRUCKEN