Selbsthilfe-Online


Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen in Deutschland

Druckdatum: 23.01.2018
Erstellungsdatum: 08.11.2004

Sexualität und physisch eingeschränkte Menschen
"Sexualität ist eine fundamentale Lebenskraft. Sie ist die Energie, die uns Liebe, Intimität, Zuneigung und Kameradschaft erfahren lässt. Sie gibt uns ein Gefühl der Vitalität und des Wohlbefindens. Das gilt für alle Menschen, auch für Behinderte."

Vortrag:
Annika Ganz, 4. Semester
Schuhstr. 8, 31134 Hildesheim

am: 12. Juni 1996

im Projekt: Möglichkeiten selbstbestimmter Lebensformen für Menschen mit Behinderung

Projektleiter : Prof. Ingolf Österwitz (?)

Hildesheim, den 23. Juni 1996

Inhalt

1.0 Einleitung
2.0 Ästhetik und physische Beeiträchtigung
3.0 Die Haltung der Öffentlichkeit zu physisch eingeschränkten Menschen und ihrer Sexualität
4.0 Die sexuelle Erziehung und Entwicklung physisch eingeschränkter Kinder und Jugendlicher
4.1 Beeinflussung der sexuellen Entwicklung physisch eingeschränkter Kinder/Jugendlicher durch äußere Faktoren
4.2 Die Selbstbewertung des physisch eingeschränkten Jugendlichen und seine Ansicht zu Sexualität und Partnerschaft
5.0 Sexualität im Erwachsenenleben physisch eingeschränkter Menschen
5.1 Die physisch eingeschränkte Frau und ihre Sexualität
5.2 Der physisch eingeschränkte Mann und seine Sexualität
6.0 Der medizinische Aspekt
6.1 Inkontinenz
6.2 Störungen der Sexualfunktion bei der physisch eingeschränkten Frau
6.3 Störungen der Sexualfunktion beim physisch eingeschränkten Mann
7.0 Auswirkungen einer institutionellen Unterbringung auf die Sexualität physisch eingeschränkter Menschen
8.0 Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und Alternativformen
8.1 Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme
8.2 Alternativformen
9.0 Schlußbemerkung

Literaturliste
Anhang



1 Einleitung

(PORTER, 1988, S. i.).

Menschen mit physischer Einschränkung fühlen sich häufig in ihrer Sexualität benachteiligt. Dies liegt weniger an der körperlichen Beeinträchtigung an sich, als vielmehr an der negativen Einstellung nicht eingeschränkter Menschen zu dieser Thematik.

Vielfach wird Sexualität im Zusammenhang mit physischer Einschränkung als Tabu betrachtet und verschwiegen. Erst seit kurzer Zeit ist hier eine positive Wandlung zu sehen, besonders die Medien stürzen sich auf das Thema und stellen das Vorurteil körperlich beeinträchtigte Menschen seien asexuell in Frage.

Sicherlich ist es eher negativ zu betrachten, daß ein solches Thema publikumswirksam ausgeschlachtet wird, um die Einschaltquoten zu erhöhen. Andererseits bin ich der Meinung, daß dadurch Denkanstöße gesetzt werden, die möglicherweise ein anderes Bewußtsein im Umgang mit der Sexualität physisch eingeschränkter Menschen positiv fördern.

Bei dieser großen Publicity fiel es mir nicht schwer geeignete Literatur zu finden, um selbst ein Referat über diesen Bereich zu halten.



2. Ästhetik und physische Beeinträchtigung

In unserer Leistungsgesellschaft werden Schönheitsideale sehr hoch gehalten. Viele schließen von einem perfekten Körper auf ebenso tadellose innere Werte (vgl. BÄCHINGER, 1978, S. 65).

Generell werden in unseren Kulturkreisen ein makelloser Körperbau und gut ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale mit sexueller Attraktivität gleichgesetzt. Doch viele sehen eine Diskrepanz zwischen diesem Anspruch und dem Erleben ihres eigenen Körpers.

Noch schwerer können diesem Bild vom "erfolgreichen potenten Mann" und dem "Barbie-Puppen-Image" Menschen mit physischen Einschränkungen entsprechen. Zu sehr stören in den Augen unserer Gesellschaft Rollstuhl oder andere körperlichen "Andersartigkeiten" diese Ästhetik (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 8).

Alles was nicht diesen Normen und Werten von Schönheit, Reinheit ect. entspricht, wirkt abstoßend und ruft negative Assoziationen hervor, wie z. B. ob ein motorisch eingeschränkter Mensch geistig normal ist und arbeiten kann (vgl. Christiaens, 1981, S. 237).

Diese ästhetischen Werte machen es physisch beeinträchtigten Menschen schwer ein positives Körpergefühl zu entwickeln. Häufig werden nur noch die Defizite des eigenen Körpers beachtet (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 8).

Besonders motorisch eingeschränkte Frauen werden durch die Überbewertung von Ästhetik und Schönheit in unserer Gesellschaft diskriminiert. Bei der Bewertung von Mädchen und Frauen spielen Attraktivität und gutes Aussehen eine entscheidene Rolle (vgl. EWINKEL u.a., 1990, S. 45).

Sie fallen bei Partnerwahl und Jobsuche häufig sofort durch das Raster. Es fällt ihnen schwer ein neues Rollenverständnis als Frau aufzubauen (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 8).

Diese Normvorgaben sind zu überdenken. Das fanden auch drei physisch eingeschränkte Frauen und haben zusammen mit einem Hobbyfotografen eine Fotoserie erstellt. Diese soll ihren Körper als Objekt erotischer Empfindungen und Ausstrahlung in den Mittelpunkt stellen und Anstoß zur Überprüfung und Korrigierung von Seh- und Denkgewohnheiten des motorisch eingeschränkten und nicht eingeschränkten Menschen sein.

Ein weiteres Beispiel hierfür sind auch die Aktfotografien von Rasso Bruckert. Er setzt sowohl physisch eingeschränkte Frauen wie auch Männer in Szene.

Diese einschränkenden Normvorgaben machen offensichtlich wieviele Menschen, nicht nur motorisch beeinträchtigte, durch die Denkraster unserer Gesellschaft fallen und es zeigt wie sehr noch immer Sexualität im Zusammenhang mit körperlicher Einschränkung tabuisiert wird.



3. Die Haltung der Öffentlichkeit zu physisch eingeschränkten Menschen und ihrer Sexualität

Allgemeine Benachteiligungen, die funktionell und intellektuell eingeschränkte Menschen in unserer Gesellschaft erfahren, sind auch auf dem Gebiet der Sexualität zu finden. Ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche werden von der Öffentlichkeit einfach außer acht gelassen, ignoriert oder schlichtweg geleugnet (vgl. PORTER, 1988, S. 35).

So beurteilen viele nicht eingeschränkte Menschen motorisch beeinträchtigte Menschen als asexuelle Wesen. Laut ALLPORT (1958) kann sich diese negative Einstellung nicht beeinträchtigter Menschen zur Sexualität physisch eingeschränkter Menschen in einer self-fulfilling-prophecy (Selbsterfüllende Prophezeiung) auswirken (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 91).

UNSER ZIEL u.a. (1977) merken hierzu an, daß der Grund weshalb sich motorisch beeinträchtigte Menschen oftmals in ihrer Sexualität begrenzt fühlen, ist, weil bestimmte Erwartungen und Beschränkungen nicht beeinträchtigter Menschen und die damit verbundene Fixierung auf den Genitalsex verinnerlicht werden (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 91).

Die Einstellung nicht eingeschränkter Menschen zur Sexualität physisch beeinträchtigter Menschen wirkt sich also gravierender auf das Selbstbild aus, als die motorische Einschränkung an sich. Das Selbstbild steht für alle soziale Bedeutungen, die sich jemand selbst zuschreibt, sich selbst bewertet und seinen eigenen Körper erlebt (vgl. DECHESNE, 1978, S. 185).

Dieses verinnerlichte Fremdbild kann sich laut SCHMEICHEL (1972) auch auf weitere Sach- und Sozialverhaltensweisen (wie z. B. das Kaschieren der Behinderung) ausweiten (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 92). Nach der Meinung von WERNER (1976) können ein negatives Selbstbild und die daraus resultierenden unangemessenen Verhaltensweisen, die benutzt werden, um sich in der Gruppe zu behaupten, sich häufig einschränkend und hemmend auf die Integration auswirken und rufen wiederum Minderwertigkeitsgefühle hervor (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 92).



4. Die sexuelle Erziehung und Entwicklung physisch eingeschränkter Kinder und Jugendlicher


Um eine positive sexuelle Entwicklung zu nehmen und auch um als Erwachsener eine problemfreie Sexualität ausleben zu können, benötigt jedes Kind und jeder Heranwachsende irgendeine Form von Sexualerziehung.

Diese sollte bezogen auf physisch eingeschränkte Kinder oder Jugendliche nicht nur dieselbe wie die ihrer nicht beinträchtigten Altersgenossen sein, sondern noch weiterführender, um den Hindernissen, die sich speziell motorisch eingeschränkten Kindern und Jugendlichen in ihrer sexuellen Entwicklung stellen entgegenzuwirken (vgl. PORTER, 1988, S. 58).

Denn das Gelingen einer positiven Sexualerziehung physisch beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher hängt von einigen Faktoren ab, wie z. B. der Einstellung und dem Umgang von Eltern, Lehrern, Betreuern ect. gegenüber der Sexualität und sexuellen Beziehungen physisch eingeschränkter Menschen. Sie bedingen nicht nur entscheidend die Selbstbewertung des motorisch beeinträchtigten Kindes oder Jugendlichen, sondern auch seinen eigenen Umgang mit Sexualität und Partnerschaft (vgl. DECHESNE, 1978, S. 152 u. 153).

4.1 Beeinflussung der sexuellen Entwicklung physisch eingeschränkter Kinder/Jugendlicher durch äußere Faktoren

Die Eltern

Entscheidend für die sexuelle Entwicklung sind die Eltern, als die Bezugspersonen, und ihre Einstellung zu ihrem physisch eingeschränkten Kind als sexuelles Wesen und als Förderer oder Nicht-Förderer ihrer Sexualität.

Den Eltern fällt es häufig sehr schwer zu akzeptieren, das physisch oder intellektuell beinträchtigte Menschen sexuelle Bedürfnisse haben und diese entwickeln.

In die Erziehung fließt kaum die Thematik der Sexualität mit ein, viele Eltern fühlen sich auf diesem Gebiet einfach überfordert (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 7).

Motorisch eingeschränkten Kindern oder Jugendlichen wird häufig auch die Fähigkeit abgesprochen, die typisch weiblichen oder männlichen Geschlechtsrollen übernehmen zu können. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen geschlechtlichen Identität ist meist nicht möglich. Diese Nicht-Fähigkeit wird ihnen vermittelt, weil sie den gängigen Rollenklischees wegen ihrer physischen Einschränkung nur bedingt genügen können.

Für den Mann stehen Assoziationen wie Aktivität, Selbständigkeit und Potenz. Ausgehend von der Schwere der physischen Einschränkung kann ein männlicher Heranwachsender diesem Klischee nur begrenzt entsprechen. Die Folge kann ein Identitätsverlust sein.

Es wachsen Befürchtungen den Ansprüchen einer Partnerin, besonders den sexuellen, nicht genügen zu können. Diese Angst kann sich in sexueller Enthaltsamkeit ausdrücken.

Für die weibliche Geschlechtsidentität stehen eher Maßgaben der ästhetisch-sexuellen Normen im Vordergrund.

Bereits bei der Anbahnung einer Beziehung wirken sich diese gesellschaftlichen Vorgaben negativ für motorisch beeinträchtigte Mädchen und Frauen aus, obwohl sie wiederum dem Klischee der passiven Sexualpartnerin entspricht. Allerdings kann ein physisch eingeschränktes Mädchen den Rollenerwartungen als Hausfrau und Mutter nicht oder nur bedingt entsprechen. Dies kann sich hemmend auf das Eingehen von Beziehungen auswirken (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 69).

Spüren physisch eingeschränkte Kinder und Jugendliche bereits selbst, daß sie diesen gängigen Geschlechtsrollenklischees nicht oder nur teilweise entsprechen können, so wird dies von den Eltern häufig noch verschärft. So geht dies z. B. aus dem Bericht einer jungen motorisch beeinträchtigten Frau hervor, die über ihre Erziehung und der Einstellung ihrer Eltern zu ihrer Weiblichkeit in "GESCHLECHT: BEHINDERT, BESONDERES MERKMAL: FRAU (1990) berichtet:

"Zum einem zählt Haushaltsführung nach allgemeiner Überzeugung nicht zum Aufgabenkreis des Mannes. Zum anderen stand für meine Mutter fest, daß ich niemals einen Partner finden würde. Meine Konfirmation wurde z. B. groß gefeiert mit der Begründung, eine spätere Heirat sei ausgeschlossenund da solle mich diese Feier für eine Hochzeit entschädigen. Daß mir damit die Lust am Feiern vergangen war, liegt auf der Hand."
(EWINKEL u.a., 1990, S. 28)

Als "Ersatz" dafür, daß Sexualität und eine eventuelle Heirat so gut wie ausgeschlossen sind, legen viele Eltern physisch eingeschränkter Kinder einen besonderen Wert auf eine gute Ausbildung. Auch hierzu ein Kindheitsbericht aus "GESCHLECHT: BEHINDERT, BESONDERES MERKMAL: FRAU (1990):

"Als meine Behinderung immer sichtbarer wurde, und ich mit vierzehn Jahren einen Rollstuhl brauchte, entsprach ich nicht mehr der Norm einer Frau in unserer Gesellschaft, nämlich gutaussehend, eine perfekte Hausfrau, nur für den Mann und die Kinder da zu sein. Jetzt stellte sich ja eher die Frage, ob ich überhaupt jemals Mann und Kinder haben würde. Einen Haushalt würde ich ja auch nicht alleine führen können. Nun blieb mir nur noch eine gute Ausbildung."
(EWINKEL u. a., 1990, S. 22)

In den Augen der Eltern erhöht sich die Chance ihres motorisch eingeschränkten Kindes für eine Beziehung oder eventuelle Heirat durch eine gute Ausbildung und später einen möglichst guten Job (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 7).

Viele Eltern physisch beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher sind zu übervorsorglich. Sie überhüten ihr Kind, um es vor Verletzungen durch andere zu bewahren und sie Befürchtungen vor der sexuellen Entwicklung ihres Kindes haben.

So werden z. B. motorisch eingeschränkten Kindern und Jugendlichen sehr viel restrektivere Wertvorstellungen vermittelt, als sie tatsächlich in unserem Normdenken vorliegen.

Mit einer Überhütung können Eltern jeglichen Kontakt ihres physisch eingeschränkten Kindes nach außen isolieren. Bekommt es jedoch nicht die Gelegenheit Kontakte mit anderen zu knüpfen und die elterlichen Wertvorstellungen in Frage zu stellen und dagegen zu rebellieren, dann wird es als Erwachsener Probleme mit seiner sexuellen Entwicklung bekommen.

Denn die Erfahrungen eines nicht eingeschränkten Jugendlichen, der sich durch äußere Kontakte zu Altersgenossen seine Sexualerziehung praktisch und theoretisch erweitern kann, fehlen dem motorisch beeinträchtigten Jugendlichen dann oftmals (vgl. PORTER, 1988, S. 61u. 62).

WEINWURM-KRAUSE (1990) führte eine Befragung unter 158 Probanden mit physischer Einschränkung durch, die ihre noch heute für sie bestehende Auswirkung der elterlichen Sexualerziehung einschätzen sollten (vgl. ANHANG 1).

Die Schul- und Heimsituation

An Sonderschulen wird die Thematik der Sexualerziehung vollkommen tabuisiert, besonders dann, wenn es sich um eine konfessionell gebundene Schuleinrichtung handelt.

Die Zielsetzung von Lehrern müßte jedoch sein, dem heranwachsenden physisch eingeschränkten Jugendlichen eine positive Haltung zur Sexualität zu vermitteln. Ist ihm dies nicht möglich, so müßte er zumindest eine informative Funktion haben, die den Schülern kommunikative Fähigkeiten nahe bringt, die sie eventuell vor sexuellem Mißbrauch, Ausnutzung oder Schwangerschaft bewahren können. Es ist wichtig über alternative Formen des Genitalsex aufzuklären, wie z. B. Masturbation oder Oralsex (vgl. PORTER, 1988, S. 58).

Besonders schwierig ist ein normaler sexueller Entwicklungsverlauf für diejenigen physisch eingeschränkten Kinder und Jugendlichen, die in einem Heim oder einer anderen institutionellen Einrichtung leben.

Viele Heime sind auch heute noch geschlechtergetrennte Einrichtungen. Es gibt also häufig sehr wenig Möglichkeiten Kontakte zum anderen Geschlecht aufzubauen. Vom Personal werden die Jugendlichen herablassend, häufig wie kleine Kinder behandelt, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Für die Jugendlichen jedoch wird es durch diesen Umgang mit ihnen sehr viel schwieriger unabhängig zu sein und neue Bekanntschaften einzugehen.

Fällt die Möglichkeit zum Ausgehen und Treffen auch mit nicht eingeschränkten Jugendlichen weg, kann sich der Prozeß zum Erwachsenwerden verzögern (vgl. PORTER, 1988, S. 60u. 61).

4.2 Die Selbstbewertung des physisch einge schränkten Jugendlichen und seine Ansicht zu Sexualität und Partnerschaft

Diese negative Einstellung der Umwelt (Eltern, Schule, Heime ect.) zur Sexualität physisch und intellektueller Menschen kann laut SCHNEIDER (1976) für die Gesamtpersönlichkeit des motorisch eingeschränkten Kind oder Jugendlichen sein. Besonders Institutionen können neben der Familie/den Eltern hemmend auf die sexuelle Entwicklung wirken. Viele physisch eingeschränkte Kinder und Jugendliche haben deshalb keine oder eine mangelhafte Sexualerziehung, die sie nicht aufklärt und ihre Sexualität mißachtet (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 73).

So ist die Umwelt bemüht physisch oder intellektuell eingeschränkte Menschen getrennt von ihren sexuellen Bedürfnissen zu sehen (siehe auch 2.).

Die Folge für die Selbstbewertung motorisch beeinträchtigter Kinder oder Jugendlicher ist nach der Meinung von NORDQUIST (1975), daß es sich selbst nicht als sexuelles Wesen betrachtet und somit seine sexuelle Entwicklung häufig erschwerter verläuft, als bei seinen nicht eingeschränkten Altersgenossen (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 74).

Sehr früh spürt auch ein physisch eingeschränktes Kind, daß es nicht selbst, sondern seine Beeinträchtigung im Vordergrund steht. Regelmäßig wird der Körper bei ärztlichen Untersuchungen berührt, auch Regionen, die später zu den erogenen Zonen gehören.

Das hat eine Enterotisierung und Entsexualisierung des eigenen Körpers zu Folge (vgl. BÄCHINGER, 1978, S. 90).

Ein eigenes Körpergefühl kann dadurch kaum entstehen.

Erschwert wird die Pubertätsphase dann noch mehr, wenn dem physisch eingeschränkten Jugendlichen eine peer group fehlt, die bei Problemlösungen sehr behilflich sein kann.

Doch auch wenn ein motorisch eingeschränkter Jugendlicher in einer peer group ist, erfährt er die zunehmende Gewichtung körperlicher Attraktivität. Für einen physisch beeinträchtigten Jugendlichen kann laut SCHNITTIGER (1983) die Erfahrung, daß er aufgrund seiner körperlichen Einschränkung diesen Normvorgaben nicht genügt und seine Beobachtung von ersten Paarbeziehungen bedeuten, daß er sich entweder zurückzieht, eine niedrigere Slbsteinschätzung und eventuell Depressionen bekommt oder bemüht ist besonders im sexuellen Bereich Erfahrungen zu sammeln, ohne daß dies seinen wahren emotionalen Bedürfnissen entsprechen muß (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 74).

Probleme in der sexuellen Entwicklung und Pubertät von physisch eingeschränkten Kindern und Jugendlichen entstehen also weniger wegen der motorischen Beeinträchtigung, sondern hauptsächlich bei der Überwindung sozialer Barrieren. Ästhetische und rollen- spezifische Normvorgaben wirken sich besonders hemmend aus (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 71-74).



5. Sexualität im Erwachsenenleben physisch eingeschränkter Menschen

Der Umgang eines physisch eingeschränkten Menschen mit seiner Sexualität hängt zum einem häufig davon ab zu welchem Zeitpunkt die Beeinträchtigung eingetreten ist.

Einstellung und Umgang mit der eigenen Sexualität werden sich anders gestalten, wenn die körperliche Einschränkung seit der Geburt oder seit einer frühkindlichen Schädigung vorliegt,

als wenn die motorische Beeinträchtigung erst im Erwachsenenleben eingetreten ist.

Bei Menschen, die bereits seit ihrer Kindheit physisch eingeschränkt sind, treten meist Schwierigkeiten wegen der Asexualität ihrer Erziehung und ihres Umfelds auf (siehe auch 3.).

Ein weiteres Problem für früh motorisch beeinträchtigte Menschen ist, weil sie meist isoliert aufwachsen, Kontakte mit anderen aufzubauen und Beziehungen anzubahnen (vgl. PORTER, 1988, S. 66).

Es ist aber nicht nur die mangelnde Kontaktfähigkeit, sondern vor allem auch mangelnde Kontaktmöglichkeiten. Viele Gelegenheiten (z. B. in Cafe, Kneipe, Kino ect.), um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, sind für physisch eingeschränkte Menschen erschwert zugänglich. Hinzu kommt, daß motorisch beeinträchtigte Menschen häufig in Heimen oder anderen institutionalisierten Einrichtungen leben (vgl. BÄCHINGER, 1978, S. 103).

"Ein glückliches Leben, sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen setzen voraus, daß man imstande ist, andere Menschen kennenzulernen, unabhängig zu sein, sich erwachsen zu fühlen, und die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen."
(PORTER, 1988, S. 36)

Eine physische Beeinträchtigung, die erst im Erwachsenenleben eintritt, stört das psycho-soziale Gleichgewicht des Individuums erheblich, besonders dann, wenn sie abrupt eingetreten ist (vgl. VANDEREYCKEN, 1981, S. 202).

Viele Fragen auch auf dem sexuellen Gebiet treten auf, werden aber von den medizinischen Fachkräften nur schwer oder unsensibel beantwortet. Dazu ein Beispiel von PORTER (1988):

"Als ich meinen Unfall hatte, sagte mir niemand, daß ich meinen Samen sammeln und einfrieren lassen sollte, falls ich später einmal Kinder haben wollte. Jetzt kann ich keine mehr haben."
(vgl. PORTER, 1988, S. 63).

Eine plötzlich eingetretene physische Beeinträchtigung im Erwachsenenleben berührt aber nicht nur die Sexualität des betroffenen Menschen selbst, sondern auch seinen (Ehe-)partner und seine Familie(vgl. PORTER, 1988S. 64). Die abrupte motorische Einschränkung kann einen erhöhten Streßfaktor innerhalb der Ehe darstellen und ihre Beständigkeit bedrohen. Allerdings ist das Scheitern einer Partnerschaft nicht unbedingt auf die physische Beeinträchtigung zurückzuführen. Vielfach ist sie nicht Ursache, sondern nur Anlaß einer Ehescheidung, also ein Zeichen, daß die Partnerschaft schon vorher zerrüttet war (vgl. VANDEREYCKEN, 1981, S. 213).

Eine plötzlich eingetretene körperliche Einschränkung kann entscheidend das Selbsbildnis des betroffenen Menschen beeinflussen. Er selbst sieht sich kaum noch als Lustobjekt oder-subjekt. Wichtig ist also hier sein zerstörtes Selbstbild wiederaufzubauen oder durch ein neues zu ersetzen, das zwar der realen Lebenssituation mit einer physischen Einschränkung Rechnung trägt, mit dem man aber auch leben kann (vgl. PARAPLEGIKER, Heft 2, 1995, S. 20).

5.1 Die physisch eingeschränkte Frau und ihre Sexualität

Bei der Bewertung von Mädchen und Frauen werden besonders die Kriterien Schönheit und Attraktivität beachtet (siehe auch 1.).

Frauen werden miteinander verglichen und vergleichen sich untereinander. In diesem Wettbewerb schneiden physisch eingeschränkte Frauen immer schlechter ab, als ihre nicht beeinträchtigten Geschlechtsgenossinnen. Motorisch einge schränkte Frauen sind sich diesem "Mangel" bewußt und wissen, daß sie nicht die Möglichkeit haben, mitzuhalten und zu konkurrieren (vgl. EWINKEL u.a. 1990, S. 58).

Die Heiratschancen physisch eingeschränkter Frauen sind laut LAMPP (1971) geringer als die von motorisch beeinträchtigten Männern. Der Grund dafür ist, daß weder körperlich eingeschränkte, noch nicht beeinträchtigte Männer sich eine physisch eingeschränkte Frau als attraktive Partnerin vorstellen können (vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 84).

Motorisch eungeschränkte Frauen werden weder als potentielle Lebensgefährtin, noch als Partnerin in einer bereits bestehenden Beziehung respektiert. Die Öffentlichkeit würdigt diese Verbindung nicht, indem sie annimmt, daß der nicht eingeschränkte Mann keine "Bessere" abbekommen hat und sie sonst überhaupt keinen "abbekommt".

Häufig verinnerlichen physisch eingeschränkte Frauen diese gesellschaftlichen Vorurteile, um nicht einer "ausgetrockneten, männerdurstigen" Frau zu entsprechen.

Doch sie sind natürlich auch Barrieren ihrer eigenen Selbstverwirklichung als Frau (vgl. EWINKEL u.a., 1990, S. 64-66).

Abtreibung und Sterilisation

Die Voraussetzungen für physisch eingeschränkte und nicht beeinträchtigte Frauen legal einen Schwangerschaftabbruch in der BRD durchführen zu lassen ähneln sich sehr. Allerdings werden körperlich eingeschränkte Frauen häufig als geschlechtliches "Neutrum" behandelt.

Für physisch beeinträchtigte Frauen ist es demzufolge sehr leicht eine Abtreibung genehmigt zu bekommen, denn viele Frauenärzte können sich nicht vorstellen, daß motorisch eingeschränkte Frauen Kinder bekommen und großziehen könnten. Ihre Befürchtung ist, daß Kinder physisch eingeschränkter Frauen selbst auch mit einer Beeinträchtigung geboren werden könnten. Viele Frauenärzte genehmigen deshalb sehr rasch eine Abtreibung unter der medizinischen Indikation. In dieser Hinsicht fühlen sich aber physisch eingeschränkte Frauen diskriminiert, ihrer Meinung nach fallen sie eher unter die soziale Indikation, weil es meist soziale Gründe sind, weshalb sie sich für eine Abtreibung entschließen (vgl. EWINKEL u.a., 1990, S. 71 u. 79).

Auch eine Sterilisation bei physisch eingeschränkten Frauen ist in der BRD nicht schwierig. Wird jungen Frauen unter 32 Jahren vor einem solchen folgenschweren Schritt abgeraten, wird motorisch beeinträchtigten Frauen diese Art von Verhütung als gängige Methode vorgestellt.

Für physisch eingeschränkte Frauen stellt sich also weniger die Frage, ob sie eine mögliche Schwangerschaft durch eine Sterilisation ausschließen möchten, als vielmehr, ob sie das Vorurteil ein geschlechtliches "Neutrum" zu sein durch eine Entscheidung für eine Sterilisation nicht noch mehr entfachen (vgl. EWINKEL u.a., 1990, S. 97).

Vergewaltigung

Das Problem ist, daß physisch eingeschränkten Frauen nicht in unser Gesellschaftsbild als gängiges Vergewaltigungsopfer passen. Da motorisch beeinträchtigte Frauen als geschlechtslose Wesen gelten, wird ihnen meistens bei einer Strafanzeige nach einer Vergewaltigungstat nicht geglaubt. Besonders die Frauen trifft es sehr hart, die in einem Heim oder einer anderen institutionellen Einrichtungen leben. Hier geschehen die meisten Vergewaltigungen an körperlich eingeschränkten Frauen, darüber dringt aber nichts an die Öffentlichkeit.

Motorisch eingeschränkte Frauen können sich wegen ihrer physischen Beeinträchtigung kaum gegen ihren Vergewaltiger wehren und da ihnen bei einer Strafanzeige meistens nicht geglaubt wird, haben Vergewaltigungstäter körperlich eingeschränkter Frauen häufig keine strafrechtliche Verfolgung zu befürchten (vgl. EWINKEL u.a., 1990, S. 89 u. 90).

5.2 Der physisch eingeschränkte Mann und seine Sexualität

Statistisch gesehen haben physisch eingeschränkte Männer häufiger eine feste Partnerschaft, als motorisch eingeschränkte Frauen. Das bedeutet aber nicht, daß körperlich eingeschränkte Männer weniger Probleme mit der Partnerschaft haben. Viele leben entgegen den statistischen Erhebungen unfreiwillig allein (vgl. DIE RANDSCHAU, Heft 4 1995, S. 11).

Eine mögliche Partnerschaft ist dabei weniger von der Beinträchtigung abhängig, sondern eher von dem Selbstbild, das man von sich macht. Das heißt, ob man sich wegen der physischen Einschränkung minderwertig fühlt oder ob man zu seiner Beeinträchtigung steht und ein gestärktes Selbstbewußtsein hat. Das ist zwar nicht die Lösung aller Schwierigkeiten, jedoch ist ein gestärktes Selbstbewußtsein Voraussetzung für den Umgang mit dem Problem "Partnerschaft" (vgl. DIE RANDSCHAU, Heft 4 1995, S. 11).

In der einschlägigen Literatur wird regelmäßig angemerkt, daß physisch eingeschränkte Männer eine Partnerschaft mit einer nicht beeinträchtigten Frau einer Beziehung mit einer körperlich eingeschränkten Frau vorziehen (vgl. z. B. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 84).

So heißt es auch, daß nicht wenige physisch eingeschränkte Männer gerne eine "schöne" Frau haben wollen, um sich mit ihr zu "schmücken" und ihr eigenes Selbstbewußtsein stärken zu können. So hängt die Zufriedenheit vieler motorisch beeinträchtigter Männer davon ab, ob sie in einer Partnerschaft leben oder nicht.

Die Beeinträchtigung wird über die Par tnerschaft kompensiert, zerbricht diese, leidet das Selbstbewußtsein total (vgl. DIE RANDSCHAU, Heft 4, 1995, S. 12).

Mand (1995) wehrt sich gegen das Vorurteil, daß physisch eingeschränkte Männer regelrecht nicht beeinträchtigte Partnerinnen, besonders solche aus helfenden Berufen vorziehen würden. Er meint, durch unser gängiges Rollenverhalten werden viele Frauen unweigerlich Krankenschwestern, Krankengymnastinnen ect. und körperlich beeinträchtigte Männer haben dadurch häufiger die Chance mit dem weiblichen Geschlecht Kontakte aufzubauen und möglicherweise eine neue Lebenspartnerin kennenzulernen, als umgekehrt eine physisch eingeschränkte Frau einen nicht beeinträchtigten Mann (vgl. PARAPLEGIKER, Heft 2, 1995, S. 21).



6. Der medizinische Aspekt

Die sexuelle Problematik für physisch eingeschränkte Menschen wird gerade dann offensichtlich, wenn es um die genitale Sexualität geht. Hier spielen doch die körperlichen Einschränk- ungen eine entscheidene Rolle, z. B. bei Menschen mit einer Querschnittslähmung.

Abgesehen von der motorischen Beeinträchtigung, die die Genitalsexualität zu einem organischen Problem werden läßt, gibt es aber auch psychische Indikatoren, die unbewußt sexuelle Schwierigkeiten bei physisch eingeschränkten Menschen hervorrufen können.

Das Bild der Öffentlichkeit, die die Sexualität körperlich eingeschränkter Menschen immer noch für ein Tabu hält, kann soweit verinnerlicht werden, daß ein physisch eingeschränkter Mensch Sexualität als etwas betrachtet, was nicht zu seinem "entstellten" Körperbild paßt. Sexualität kann dann als etwas beängstigendes empfunden und sexuelle Beziehungen könnten möglicherweise gemieden werden (vgl. PONS, 1981, S. 90).

Auch bei Intimitäten zwischen den Partnern darf nicht vergessen werden, daß es hier psychische Probleme geben kann, wie Versagensängste, Scham oder Schuldgefühle dem Partner gegenüber, die für sexuelle Schwierigkeiten, wie z. B. die Impotenz verantwortlich sein können (vgl. PONS, 1981, S. 99).

"Nirgendwo rückt einem die eigene Behinderung so sehr auf die Pelle wie nackt im Bett. Viele Behinderte haben ihre Einschränkungen mehr oder weniger qualvoll zu kaschieren, zu kompensieren und zu verdrängen verstanden. Noch nie hat es eine/r beim Sex geschafft, schon bei Beziehungen nicht. Nirgendwo versagen die üblichen Verharmlosungstechniken so regelmäßig wie bei der Suche Behinderter nach Liebe, Zärtlichkeit und Sex."
(PARAPLEGIKER, Heft 2 1995, S. 14)

Im folgendem möchte ich nun die speziellen Störungen der Sexualfunktion bei der physisch eingeschränkten Frau und beim motorisch Beeinträchtigten Mann am Beispiel der Querschnittsläison am Rückenmark eingehen, weil mir zu dieser Art der physischen Beeinträchtigung die meiste Literatur vorliegt (vgl. SCHELLEN, 1981, S. 37-66; PONS, 1981, S. 67-115).

6.1 Inkontinenz

Eine unzulängliche Blasenregulation beeinflußt stark die eigene Selbstbejahung und die Akzeptierung durch andere. Hier tritt neben die primäre körperliche Einschränkung ein soziales Handicap. Inkontinenz isoliert den Betroffenen und macht das Eingehen und Aufrechterhalten von Partnerschaften, besonders auch sexuellen Beziehungen, sehr schwierig (vgl. PONS, 1981, S. 77).

Das Erreichen der Kontinenz hat also eine estreme soziale Bedeutung.

Für den betroffenen Mann gibt es hier eine mögliche Abhilfe durch Gummi-Kondom-Urinals, bei der Frau fehlt ein entsprechendes Hilfsmittel. Kontinuierliches Abwechseln von Flüssigkeitsaufnahme und Blasenentleerung und entsprechendes Windelmaterial kann hier für die betroffene Frau eine Erleichterung sein (vgl. PONS, 1981, S. 84).

6.2 Störungen der Sexualfunktion bei der physisch eingeschränkten Frau

Sexuelle Störungen

Meist fühlt sich die physisch eingeschränkte Frau als sekundäre Folge der Beeinträchtigung in ihrer Attraktivität gemindert.

Sexuelle Störungen als primäre Folge der motorischen Einschränkung können aber auch die Unfähigkeit zum Koitus durch Adduktorenspasmus oder durch Schmerzen beim Beischlaf, bei intakter Sensibilität sein (vgl. SCHELLEN, 1981, S. 41).

Bei physisch eingeschränkten Frauen treten hingegen motorisch beeinträchtigten Männern meist geringer sexuelle Störungen auf, da daß sexuelle Verhalten bei der Frau weniger von Reflexkoordinatoren bestimmt werden, als beim Mann (vgl. SCHELLEN, 1981, S. 43).

Für die physisch eingeschränkte Frau ist es eher wichtig, daß sie sich selbst als anziehend empfinden kann, erst dann wird sie auch wieder sexuelle Beziehungen eingehen können (vgl. PONS, 1981, S. 113).

Zyklusstörungen

Es ist möglich, daß kurz nach einer Querschnittsläison bei der physisch beeinträchtigten Frau Zyklusstörungen auftreten können. Meist ist dies eine Folge der Beeinträchtigung an sich, da die hormonelle Steuerung von Menstruation und Ovulation gestört wurde.

Auszuschließen sind hier aber auch nicht psychische Faktoren, weil die Beeinträchtigung in der Regel als ein schweres Trauma erlebt wird. Diese Störungen sind aber meist nur von kurzer Dauer, innerhalb von drei bis sechs Monaten normalisiert sich dieser Zustand wieder.

Die physische Beeinträchtigung an sich hat keinen Einfluß auf die Fertilität (Empfängnis- und Gebärfähigkeit) der motorisch eingeschränkten Frau (vgl. PONS, 1981, S. 110).

Schwangerschaft und Geburt

Da die Fertilität meist nicht beeinträchtigt ist, ist eine Schwangerschaft durchaus möglich. Allerdings ist bei einer Schwangerschaft, die schon bei Eintritt einer Querschnittlähmung besteht, mit einem erhöhten Risiko verbunden, was direkt auf das Trauma zurückgeführt werden kann (vgl. PONS, 1981, S. 111).

Bei einem Ausfall der Sensibilitätsfunktion kann die Wehenaktivität nicht wahrgenommen werden, so daß die Schwangere selbst und auch der Arzt Geburtsbeginn oder -beendung nicht bemerken müssen. Da auch die aktive Bauchpresse der Schwangeren fehlt, muß manchmal eine Extraktion (Herausziehen des Kindes als geburtshilfliche Maßnahme) zuhilfe gezogen werden (vg. PONS, 1981, S. 112).

6.3 Störungen der Sexualfunktion beim physisch eingeschränkten Mann

Sexuelle Störungen

Probleme, die sich für den querschnittgelähmten Mann beim Koitus oder beim Versuch dazu stellen, sind einerseits primär genital bedingte Schwierigkeiten, also Erektionsstörungen. Andererseits gibt es hier auch einige sekundäre Probleme, die durch die physischen Einschränkungen bedingt sind.

Dem querschnittgelähmten Mann ist es kaum möglich bei einer hohen Läsion den aktiven Part im Liebesspiel zu übernehmen. Offenheit zwischen den Partnern ist deshalb sehr wichtig, um sich besser kennen und schätzen zu lernen. Entscheidend ist besonders auch der Fortfall von Leistungsdruck beim querschnittgelähmten Mann (vgl. PONS, 1981, S. 103 u. 104).

Auch für die Partnerin kann es Schwierigkeiten geben. Denn es ist für sie sicherlich nicht immer einfach, daß sie die Rolle der Pflegerin, die sie tagsüber ausfüllt, am Abend gegen die Rolle der Liebhaberin austauscht (vgl. PONS, 1981, S. 106 u. 107).

Der querschnittgelähmte Mann muß sich darüber klar sein, daß er seine Partnerin vor eine große Lebensaufgabe stellt und diese selbst, daß sie diese Verzichtleistung nicht aus einem Überschwang zum Heldenmut leistet und sich bis zur Selbstaufgabe zurückstellt (vgl. Schellen, 1981, S. 48).

Erektionsstörungen

Erektionsstörungen können einerseits organisch andererseits auch psychisch bedingt sein. Die psychische Impotenz kann aus Versagensangst, Scham oder Schuldgefühlen gegenüber dem Partner herrühren. Es ist hierbei notwendig, daß die Partner über diese Problematik sprechen. Darüber hinaus gibt es Erektionssubstitute (vgl. PONS, 1981, S. 99).

Ejakulationsstörungen

Ejakulationsstörungen werden weniger unter dem Aspekt der erotisch-sexuellen Beziehung beleuchtet, sonder eher unter dem der Fortpflanzungsfähigkeit. Möglichkeiten gibt es hier in der manuellen oder mechanischen Reizung, der Elektrostimulation und der medikamentösen Provokation (vgl. PONS, 1981, S. 102).

Fertilität

Beim querschnittgelähmten Mann liegt eine eingeschränkte Fertilität vor. Denn Rückenmarksverletzungen haben beim Mann eine gestörte Spermatogenese (Bildung und Reifung der männlichen Samenzellen) und schwerwiegende Fertilitätseinschränkungen zur Folge.

Das heißt aber nicht, das querschnittgelähmte Männer in der Regel unfruchtbar sind, hier gibt es doch Ausnahmen (vgl. PONS, 1981, S. 108).



7. Auswirkungen einer institutionellen Unterbringung auf die Sexualität physisch eingeschränkter Menschen

Die schwerwiegenste Beschneidung ihrer Unabhängigkeit erfahren physisch und intellektuell eingeschränkte Menschen in der Heimbetreuung. Hier werden sie wie Kinder behandelt, Verantwortung wird ihnen kaum überlassen, besonders auch die sexuellen Gefühle haben zu leiden (vgl. PORTER, 1988, S. 47).

Besonders Menschen mit einer sehr schweren physischen Beeinträchtigung haben geringe Möglichkeiten ihre eigene Sexualität zu entdecken und zu entwickeln, weil sie in ihrer Mobilität und Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt sind, bestimmte Informationsdefizite haben und ihre Intimssphäre teilweise zerstört wird, durch die zukommende Pflege und Versorgung (vgl. SPASTIKERHILFE BERLIN, 1995, S. 5).

Für einige physisch und intellektuell eingeschränkte Menschen sind Hilfeleistungen durch das Personal, wie Waschen, Wickeln, Toilettengang die einzige (körperliche) Kontaktmöglichkeit (vgl. SPASTIKERHILFE Berlin, 1995, S. 5).

Das Personal in institutionellen Einrichtungen nimmt eine Machtposition ein, die die Sexualität der Heimbewohner ignoriert und ihre individuelle Freiheit einschränkt. Sexuelle Beziehungen anzubahnen ist fast unmöglich, häufig versucht auch hier das Personal dies zu unterbinden (vgl. PORTER, 1988, S. 51).

Es ist sicherlich erschreckend wieviele physisch und intellektuell eingeschränkte Menschen in der BRD in einem Heim untergebracht sind. Da sich die Situation in unserem Land aber so stellt, wäre es wünschenswert, wenn es liberalere Einrichtungen gäbe, die sich der Sexualität motorisch eingeschränkter Menschen öffnen, besonders die MitarbeiterInnen sind hier gefordert.

Ein positives Beispiel sehe ich in der Spastikerhilfe Berlin e. G. (SHB), die eine Konzeption zur sexuellen Selbstbestimmung physisch eingeschränkter Menschen erstellt haben.

So muß es Aufgabe der MitarbeiterInnen sein, sich die Sexualität der BewohnerInnen bewußt zu machen. Es ist zu beachten, daß egal welche Formen der Sexualität gewählt oder entwickelt werden, diese nicht kontrolliert noch in Frage gestellt werden.

Eine Grundvoraussetzung ist auch die Ermöglichung eines eigenen Zimmers, das keine Sanatoriums-Atmossphäre haben sollte.

Primär vor dem Recht der Sexualität steht aber das Recht auf Intimssphäre. Da viele HeimbewohnerInnen diese nie erfahren haben, ist es wichtig, daß dieses Gefühl gestärkt und im Umgang mit anderen und sich selbst sensibilisiert wird.

Auch wenn ein/e HeimbewohnerIn verbal oder gestisch das Bedürfnis nach sexueller Stimulation oder Befriedigung äußert, dürfen diese nicht von den MitarbeiterInnen ignoriert werden.

Die Hilfe zur Sexualität kann entweder bedeuten, daß der physisch eingeschränkte Mensch entweder an sexuelle Hilfsmittel herangeführt wird. Es kann sein, daß das Zeigen und Erklären eines solchen Hilfsmittel genügt, eventuell muß man die Anwendung aber auch zusammen ausprobieren und üben.

Ist die motorische Einschränkung so schwer, daß ein solches Gerät nicht allein benutzt werden kann, muß dies manchmal auch ein/e MitarbeiterIn machen.

Auch Paare bitten möglicherweise um aktive Hilfe zur Sexualität. Diese Hilfe ist nicht immer unproblematisch, schließlich stehen MitarbeiterIn und HeimbewohnerIn doch in einem Abhängigkeitsverhältnis und der/die MitarbeiterIn könnte seine/ihre Machtposition ausnutzen. Deshalb ist es ratsam, diese Hilfe von einer fremden Person außerhalb des Heimes leisten zu lassen (vgl. SPASTIKERHILFE BERLIN, 1995, S. 4-14).

Auf diese möglichen Alternativformen möchte ich im letzten Teil meines Referats eingehen.



8. Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und Alternativformen

8.1 Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme

Für den einen oder anderen physisch eingeschränkten Menschen ist es sicherlich ein Problem einen Partner zu finden. Hierbei können Bekanntschaftsanzeigen eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme sein. Einige originelle und sehr selbstbewußt klingende Kontaktanzeigen von motorisch beeinträchtigten Frauen sind auch in der Fachzeitschrift "PARAPLEGIKER", Heft 2 1995 zu lesen:

"Beinamputierte Lady, wenn ich an mir herunterschaue, ist links ein Fuß, ein langes, wohlgeformtes Bein, rechts dagegen nichts. Seit nunmehr 6 Jahren bin ich (29) rechtsseitig oberschenkel amputiert. Da der verbliebene Stumpf nur sehr kurz ist, trage ich keine Prothesen, sondern gehe an Krücken. Ich kann damit leben und umgehen - wer noch? Ich ziehe immer noch Miniröcke an - die Leute schauen sowieso. "

"Fröhliche Frau, 51 j., Rollstuhl-"renn"fahrerin, tierlieb, naturverbunden, reisefreudig ect., sucht natürlichen ihn passenden Alters, der an einer lebendigen Beziehung interessiert ist. Gern ebenfalls behindert."
(PARAPLEGIKER, Heft 2 1995, S. 14).

8.2 Alternativformen

Physisch eingeschränkte Menschen, deren sexuelle Bedürfnisse nicht befriedigt werden, weil sie sehr stark benachteiligt sind, haben die Möglichkeit auf Alternativformen zurückzugreifen. Darunter verstehe ich professionelle (Liebes-) Dienste, die ihre Leistungen gegen Geld verkaufen.

So werden z. B. Prostituierte in Anspruch genommen. Eine weitere Möglichkeit bietet die Interessengemeinschaft für Behinderte e. V. (IFB) in Wiesbaden. Diese hat im Herbst 1995 den Körperkontaktservice "Sensis" für physisch eingeschränkte Menschen eingerichtet. Es ist ein bisher einmaliges Projekt in der BRD.

Der Grundgedanke von "Sensis" ist: unbefriedigte Sehnsucht motorisch beeinträchtigter Menschen nach Liebe und Zärtlichkeit Abhilfe zu schaffen (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 12).

Die MitarbeiterInnen von "Sensis" sind nicht ehrenamtlich angestellt, sondern bekommen Geld für ihre Dienstleistung.

Ein Besuch kostet 130, 00 DM pro Stunde. Davon wird eine viertel Stunde für die Anfahrt abgerechnet, so daß der oder die MitarbeiterIn 45 Minuten beim Kunden vor Ort ist.

Die MitarbeiterInnen wurden nach bestimmten Auswahlkriterien ausgesucht. Hier waren vor allem selbstbewußte Persönlichkeiten gefragt, die ihre eigenen Grenzen erkennen können und respektieren.

Besonders Wert wurde hierbei auf ein gutes Körpergefühl gelegt. Inzwischen arbeiten 5 weibliche und 2 männliche MitarbeiterInnen bei "Sensis".

Bei den Besuchen der oder des MitarbeiterInnen steht nicht der Geschlechtsverkehr im Vordergrund. Dieser wird nur auf Wunsch des Kunden ausgeführt. Vor allem soll das Körpergefühl gestärkt werden, Streicheln und Massieren sind hierbei wichtig.

Nach 45 Minuten jedoch ist Schluß. Dies hat zwei Gründe: einmal würde sich bei einer längeren Besuchsdauer der oder die MitarbeiterIn überfordert fühlen, und zum anderen kann sich in diesem kurzen Zeitraum keine tiefere Beziehung aufbauen, was "Sensis" auch gar nicht möchte.

Leider hat sich der Körperkontaktservice "Sensis" weder auf meine telefonische, noch auf meine schriftliche Anfrage um Informationen bei mir rückgemeldet. So bleiben einige Fragen meinerseits unbeantwortet. Beim Lesen einiger Artikel über "Sensis" wurde jedoch bei mir der Eindruck geweckt, daß es sich bei diesem Service möglicherweise nur um eine andere Form der Prostitution handelt.

Auf jeden Fall sehe ich beim Körperkontaktservice wie bei der Prostitution dieselben Vor- und Nachteile. Positiv bei beiden Alternativformen ist, daß sie Pflegekräfte entlasten, die um Hilfe zur Sexualität gebeten werden. Auch ist es möglich bestimmte Techniken hier kennenzulernen, die auf physische Einschränkungen eingehen.

Negativ zu betrachten ist aber, daß beide Liebesdienstleistungen nur auf die sexuellen Bedürfnisse zielen. Den Wunsch der meisten physisch eingeschränkten Menschen nach Liebe und Partnerschaft können beide nicht erfüllen (vgl. ZUSAMMEN v. März 1996, S. 8-13).



9. Schlußbemerkung

Es wäre wünschenswert, wenn sich die Öffentlichkeit unverkrampfter mit dem Thema Sexualität und körperliche Einschränkung auseinandersetzen würde.

Das ist meiner Meinung nach aber nicht sehr leicht, weil es vielen Menschen ohnehin sehr schwer fällt ein problemfreies Verhältnis zu der eigenen Sexualität und zu der anderer zu entwickeln. Wir gehen sowieso sehr vorurteilbelastet mit jeglichem um, was nicht in unser Werte- und Normdenken hineinpaßt.

Dies halte ich für sehr schlecht, denn physisch eingeschränkte Menschen können durch dieses restrektive Bewußtsein häufig kein positives Körper- und Selbstbild entwickeln und gehen möglicherweise selbst verkrampfter mit ihrer eigenen Sexualität um.

Mir erscheint es als wichtig, daß nicht eingeschränkte und körperlich beeinträchtigte Menschen auf diesem Gebiet aufeinanderzugehen. So wie es ansatzweise schon in den Medien zu verzeichnen ist. Immer mehr nicht eingeschränkte Menschen diskutieren diese Thematik, immer mehr physisch eingeschränkte Menschen geben Auskunft über die Barrieren, die sich ihnen in Freundschaft, Partnerschaft, Liebe und Sexualität stellen.

Ich halte diesen Bereich auch für ein sozialpädagogisches Feld, wenn es z. B. um die sexuelle Aufklärung von körperlich beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen geht oder um die Akzeptierung und Unterstützung sexueller Bedürfnisse physisch eingeschränkter Erwachsener.

Es ist zu leicht darüber hinwegzusehen oder zu ignorieren und körperlich eingeschränkte Menschen mit ihren Wünschen nach Zärtlichkeit und Liebe allein zu lassen.

Dies erfordert natürlich auch, daß man sich selbst als Menschen gut einschätzen kann und seinen eigenen eher gehemmten oder offeneren Umgang mit der Sexualität kennt.



Literaturliste

Bächinger, Bernhard: Sexualverhalten und Sexualberatung von Körperbehinderten, PULS wissen, Hohentannen TG 1978.

Christiaens, M., Überlegungen bezüglich einer Sexualethik bei Körperbehinderten. In:". . . aber nicht aus Stein. " Medizinische und psychologische Aspekte von körperlicher Brhinderung und Sexualität. Hrsg. :Dechesne, B. u.a., Beltz Verlag, Weinheim u. Basel 1981.

Dechesne, B. /Pons, C. /Schellen, T. (Hrsg.):". . . aber nicht aus Stein. "Medizinische und psychologische Aspekte von körperlicher Behinderung und Sexualität. Beltz Verlag, Weinheim u. Basel 1981

Ewinkel, C. /Hermes, G. u.a. (Hrsg.):Geschlecht:Behindert, besonderes Merkmal:Frau, 4. Aufl., AG Spak Publikationen, München 1990.

Paraplegiker:Das Nachrichtenmagazin der Querschnittgelähmten, Heft 2/95, 14. Jahrgang, S. 8-22.

Porter, Mary:Sexualität und körperbehinderte Menschen, im Auftrag der WHO, London 1988.

Die Rundschau:Zeitschrift für Behindertenpolitik, Heft4/95, 10. Jahegang, S. 8-16.

Spastikerhilfe Berlin e. G. (SHB):Behinderung und Sexualität. Eine Konzeption für die betreuende Arbeit in Wohneinrichtungen der Spastikerhilfe Berlin, 1995, S. 4-14

Vandereycken, W., Partnerprobleme bei Körperbehinderten. In:". . . aber nicht aus Stein. "Medizinische und psychologische Aspekte von körperlicher Behinderung und Sexualität. Hrsg. :Dechesne, B. u.a., Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1981.

Weinwurm-Krause, E. -M. :Soziale Integration und sexuelle Entwicklung Körperbehinderter, Heidelberger Verlagsanstalt, Heidelberg 1990.

Zusammen:Behinderte und nicht behinderte Menschen, Heft 2/96, 16. Jahrgang, S. 5-14

Auswirkungen der elterlichen Sexualerziehung
Auswirkungen der elterlichen Sexualerziehung: (N=158) % von N
Hemmende Wirkung auf die Sexualit 31, 6
Befreiung der Probanden von der hemmenden Sexualerziehun 8, 2
Positive Wirkung auf die Sexualit 14, 0
kein Einflu? auf die Sexualit 29, 7
keine Antwort 16, 5




Anhang

(vgl. WEINWURM-KRAUSE, 1990, S. 116) (ANHANG 1)

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