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Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen in Deutschland

Druckdatum: 20.04.2018
Erstellungsdatum: 08.11.2004

Die Assistenzreform in Schweden
Die Assistenzreform in Schweden stellt eine weltweite Einmaligkeit dar. Sie garantiert in nicht vergleichbarer Weise das Recht für schwer funktionseingeschränkte Personen auf persönliche Assistenz und bietet diesen ein Höchstmaß an Entscheidungsfreiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung.

FH Hildesheim/Holzminden, Fachbereich Sozialpädagogik

Seminar: Selbstbestimmt Leben
Lernbereich: L 2
Dozent: Prof. Ingolf Österwitz (?)

Referat: 29.1.1997

Lars-Ole Kleu
Braunschweiger Str. 4
31134 Hildesheim


Inhalt

1.0 Einleitung
2.0 Entstehungsgeschichte des LSS
2.1 Die Initiative STIL
2.2 Die Ideologie von STIL
2.3 STIL wird im Schwedischen Riksdag vorgestellt
2.4 Das IFI
2.5 Das Erprobungsprojekt
2.6 Die Assistenzreform
3.0 Die Inhalte des LSS/LASS
3.1 LSS
3.2 LASS
4.0 Die Umsetzung der Gesetzgebung zur persönlichen Assistenz
4.1 Die unumgängliche Ganzheitssicht
4.2 Einige Aspekte bei der Umsetzung von LSS/LASS
4.3 Das Verhältnis Assistenzgeber/Assistenznutzer
4.4 Eine Assistentin erzählt
5.0 Schluß



1 Einleitung

In diesem Referat versuche ich, in drei Kapiteln die Entstehungsgeschichte, die Inhalte und die Umsetzung der Assistenzreform in der Praxis zu erläutern.

Die Quellen meiner Ausarbeitung bestehen aus den Darstellungen, Stellungnahmen und Erfahrungsberichten der Autoren Gerd Andén (Mitglied der Assistenzkooperative JAG , Inger Claesson Wästberg, Handikappombudsmann seit 1994 und Vilhelm Ekensteen, dem zweiten Vorsitzenden der Organisation DHR/Reichsverband funktionseingeschränkter Personen, der selber schwer bewegungs- und seheingeschränkt ist.

Diese Berichte sind in dem Buch "Personlig Assistans", Larsons Förlag, Täby 1993, zusammengefaßt.



2. Entstehungsgeschichte des LSS

2.1 Die Initiative STIL

1983 wird die Initiative STIL ( Stockholm Independent Living rörelsen) gegründet.

Ihr Wegbereiter, Adolf Ratzka, formuliert seine Motivation zur Gründung von STIL mit den Worten :

"Es ist ermüdend, daß andere, nichtbehinderte, über unser Leben bestimmen. Wir möchten die gleiche Freiheit, die gleiche Verantwortung wie alle anderen" .


"Es besteht die Gefahr, daß jemand mit einer funktionalen Einschränkung immer als Patient betrachtet wird. Wenn du einmal ein Patient geworden bist, gibt es immer Experten, die alles besser wissen als du selbst. Es kostet so viel Kraft, so viel von deiner kostbaren Lebenszeit, sie dazu zu bewegen, daß sie dir zuhören.

Durch eine persönliche Assistenz wird diese Gefahr auf höchst zuverlässige Weise gemindert."


Anm. zum Begriff funktionale Einschränkung : Vilhelm Ekensteen, jetziger zweiter Vorsitzender des DHR, De Handikappades Riksförbund, hat diesen Begriff vor etwa 25 Jahren geprägt, als er als Ideologe und Publizist die Organisation Anti-Handikapp in der Öffentlichkeit vertrat; nach Ekensteens Auffassung ist der Begriff der Behinderung relativ, da eine funktionale Einschränkung nur in soweit eine Behinderung darstellt, als die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine funktionale Einschränkung zu einer Behinderung werden läßt.

Dieser Ansatz entspricht weitgehend der Sichtweise der WHO, die auch als umweltbezogene Sichtweise bezeichnet wird.

2.2 Die Ideologie von STIL

Die Ideologie von STIL verfolgt in erster Linie die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes. Personen mit funktionalen Einschränkungen möchten für sich als Gruppe in Anspruch nehmen, als Experten ihrer eigenen Situation angesehen zu werden. Als einzelne Individuen streben sie nach Sicherstellung der persönlichen Integrität . Integrität bedeutet Kontrolle über das eigene Leben, Subjekt statt Objekt zu sein, Übersicht zu haben, respektiert als der zu sein, der man ist.

Zur Selbstbestimmung gehört das grundlegende Recht der betreffenden Personen, den persönlichen Assistenten selber zu wählen

"Das Hauptanliegen ist, selbst den persönlichen Assistenten wählen zu können: die Person, die dir dabei hilft, auf Toilette zu gehen, die deine Telefongespräche mithört und im Gespräch mit anderen Menschen deine Sprache zu übersetzt."
(Adolf Ratzka)

Gerade dieses kommt jedoch in traditionellen Methoden, z. B der Heimunterbringung oder in Standardmodellen der Unterstützung zu kurz. Hier haben Personalinteressen die Richtung dafür angegeben, auf welche Weise Hilfe organisiert werden soll.

Mit der Gründung der Kooperative STIL im Jahr 1983 entsteht jedoch, in Absprache mit der Stockholmer Kommune, eine Alternative zu den herkömmlichen kommunalen Dienstleistungen.

2.3 STIL wird im Schwedischen Riksdag vorgestellt

Im Februar 1987 informiert der neugewählte Sozialminister Bengt Westerberg den Schwedischen Riksdag über die Initiative STIL. Er äußert vor den Anwesenden diese Vision: "Alle funktionseingeschränkten Personen, die persönliche Dienstleistungen benötigen, sollen bald, wie Adolf Ratzka und seine Freunde, die Möglichkeit bekommen, ihre eigenen Assistenten anzustellen."

Diese Äußerung trägt dem völlig selbstverständlichen Gedanken Rechnung, daß derjenige, der eine Dienstleistung beansprucht, die eigenen Wünsche und Vorstellungen formuliert und selber über die Art ihrer Umsetzung entscheidet.

2.4 Das IFI

Inger Claesson Wästberg, bis dahin Entwicklungschef bei der Fürsorgebehörde in Stockholm, verläßt seinen Posten und gründet das Institut für Integration (IFI).

Er hofft, durch die Arbeit im IFI außerhalb der starren bürokratischen Strukturen eine Basis für ein neues gesetzliches Konzept zur Unterstützung von Personen mit funktionalen Einschränkungen zu schaffen.

Das IFI versucht durch Ausbildungsmaßnahmen und internationalen Erfahrungsaustausch, die öffentliche Meinung, besser beeinflussen zu können. So arbeitet das Institut z.B. mit TASH zusammen (The association for persons with severe handicaps). In dieser Organisation hatte es Marsha Forest geschafft, für Judith Snow ein System zur persönlichen Assistenz aufzubauen, wodurch dieser der Schritt aus einer Institution zu einem selbständigen Leben gelang. In diesem Punkt zeigt sich die starke Orientierung der schwedischen Assistenzreformbewegung an dem amerikanischen Modell des Independent Living.

2.5 Das Erprobungsprojekt

In der Zwischenzeit wird ein Erprobungsprojekt für persönliche Assistenz durchgeführt. Beteiligt an diesem Projekt sind das DHR (De handikappades Riksförbund sowie NHR), sowie das NHR (Neurologisk Handikappades Riksförbund). Finanziert wird es vom Sozialdepartementet über den Almänna Arvsfonden, einen allgemeinen Fond.

Für die Arbeit der Projektteilnehmer gelten als Orientierungspunkte die Umsetzung von Entscheidungsfreiheit, Selbstbestimmung und Integrität. Innerhalb dieses Projektes werden wichtige Praxiserfahrungen gesammelt, die die Gestaltung der Assistenzreform wesentlich geprägt haben.

2.6 Die Assistenzreform

Am 6. Mai 1993 verabschiedet der Riksdag eine neue Gesetzgebung für Personen mit Behinderungen.

In diesem Gesetz ist das Recht auf persönliche Assistenz festgelegt.

Dieses Gesetz bedeutet einen Durchbruch in der schwedischen Behindertengesetzgebung. Es beinhaltet, wie noch näher dargestellt wird, die wesentlichen Forderungen, die STIL bereits in seiner Ideologie aufgestellt hat:

  • Das Recht auf Selbstbestimmung
  • Die Integrität, die Kontrolle über das eigene Leben
  • Das Recht auf eigene Wahl des persönlichen Assistenten
  • Erhöhte Teilnahmemöglichkeiten an der Gesellschaft


3 . Die Inhalte des LSS/LASS

3.1 LSS

LSS, Lagen om Personlig Assistans och Service, ist ein Bestandteil neue Gesetzgebung, die Personen mit schweren funktionalen Einschränkungen das Recht auf persönliche Assistenz verschafft.

Das Gesetz betrifft alle Personen
  1. mit Autismus oder autismusähnlichen Zuständen;
  2. mit umfassenden und beständigen Lernschwierigkeiten nach einer Hirnschädigung, verursacht durch physische Schädigung oder eine körperliche Erkrankung;
  3. mit chronischen physischen oder psychischen Funktionseinschränkungen, die nicht aus einem normalen Alterungsprozeß resultieren, sofern diese Funktionseinschränkungen so umfassend sind, daß sie bedeutende Einschränkungen in der Durchführung der täglichen Lebensführung bedeuten.
Festgeschrieben im LSS sind:

  • Gleichstellung der Lebensbedingungen,
  • volle Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.
  • das Ziel, daß die Betroffenen die gleichen Lebensmöglichkeiten erhalten, wie alle anderen (§ 5)
  • die Verpflichtung aller betroffenen gesellschaftlicher Organe und Behörden, die Wirksamkeit von LSS umzusetzen, und zwar unter Berücksichtigung der Selbsbestimmung und Integrität des Einzelnen
  • das Recht auf größtmögliche Einflußnahme und Mitbestimmung des Betroffenen bei allen Entscheidungen
  • die Verpflichtung, daß geeignetes, qualifiziertes Personal zur Erfüllung einer guten Dienstleistung bereitgestellt wird.
(vgl. Personlig Assistans, Larsons Förlag, Täby, S. 175, Paragraferna)

Die Beitragsleistungen werden im Einzelnen unter § 9 aufgelistet. Sie beinhalten:

    Beratung und andere persönliche Unterstützung aus der Grundlage besonderer Kenntnisse der Lebenssituationen von Menschen mit schweren persönlichen Funktionsbehinderungen beinhaltet
    Beistand durch einen persönlichen Assistenten oder finanzielle Unterstützung mit ausreichenden Mitteln
    Begleitungsdienst
    Ablösungsdienst zu Hause
    Kurzaufenthalte außerhalb von zu Hause
    Kurzzeitaufsicht für jugendliche Schüler über 12 Jahren außerhalb von zu Hause im Anschluß an Schultage sowie während der Ferien
    Wohnmöglichkeiten in Familienheimen oder einer Wohnung mit speziellem Service für Kinder und Jugendliche, die außerhalb des Elternhauses wohnen müssen
    private Wohnung mit speziellem Service oder eine andere geeignete eigenständige Wohnmöglichkeit für Erwachsene
    tägliche Arbeitstätigkeit für Personen im berufsfähigen Alter, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen und keine Ausbildung haben
    Wahrnehmung von persönlich gewählten Freizeit- und Kulturangeboten
Es ist hervorzuheben, daß dem einzelnen Betroffenen durch die Leistungen "gute"("goda") Lebensbedingungen ermöglicht werden (§7). So dehnbar dieser Begriff auch erscheinen mag, er stellt auf jeden Fall eine Verbesserung im Vergleich zur Sozialgesetzgebung dar, die lediglich "angemessenene Lebensbedingungen" garantiert.

Eine weitere Verbesserung im LSS liegt darin, daß die Kommunen Familienangehörige nicht mehr dafür verpflichten dürfen, unbezahlte Tätigkeiten durchzuführen, die über die herkömmlichen Elternpflichten hinausgehen.



3.2 LASS

Das LASS ,das Gesetz zur Erstattung von Assistenzaufwendungen (Lagen om assistansersättning), ist dem LSS sehr ähnlich. Es unterscheidet sich von diesem allerdings in darin, daß es Leistungen gewährleistet, dem Assistenznehmer direkt aus der staatlichen Sozialversicherung zukommt. Dieser kann mit diesen Mitteln die Leistungen für seinen Assistenzgeber bezahlen. Der Umweg der Finanzierung der Assistenz über kommunale Instanzen erfolgt hierbei nicht.

Zu diesem Punkt bemerkt V. Ekensteen: "Die kommunale Ökonomie und ihr Leistungsniveau sollen in dieser Hinsicht (dem LASS, Anm.) keine Bedeutung haben und die Bemessung vom Bedarf an Assistenz beeinflussen". Damit werden konventionelle Muster der Gestaltung von Fürsorge aufgebrochen, die funktionseingeschränkte Person erhält eine subjektivere, autonomere Rolle.

Das LASS, mit seinem vereinfachten und direkten Zugang für den Benutzer, wurde geschaffen, um gerade den besonders stark funktionseingeschränkten Personen ein außergewöhnlich hohes Maß an Autonomie zu gewährleisten. In diesem Gedanken spiegelt sich die Einsicht wieder, daß ein starker Assistenzbedarf ein besonders hohes Maß an Einflußnahme von Seiten des Assistenznehmers erfordert.

Voraussetzung zum Erhalt von LASS ist es, in einer eigenen Wohnung, in der Familie, bei Angehörigen oder in einer Servicewohnung zu leben. Durch diese Regelung soll die Motivation der Heimbewohner erhöht werden, auszuziehen und ein selbständiges Leben mit persönlicher Assistenz zu führen.

Vom LASS können nur Personen Gebrauch machen, die unter 65 Jahre alt sind und

mehr als 20 Stunden Assistenzbedarf in der Woche haben (§ 3).

Alle zwei Jahre muß überprüft werden, ob sich Änderungen im Bedarf an persönlicher Assistenz ergeben haben (§ 6).

Zur Entlohnung der assistenzgebenden Personen wird jedes Jahr von der Regierung nach einem Vorschlag des Reichsversicherungswerkes jedes Jahr ein Höchstsatz festgelegt. Dieser bertrug 1995 180.-SK pro Stunde, also etwa 45.- DM.

Gefahr von Leistungsmißbrauch?

Die Frage, ob durch das großzügigere und umfassendere Angebot von Dienstleistungen die Gefahr von Leistungsmißbrauch besteht, beantwortet Gerd Andén, Mitglied der Assistenzgemeinschaft JAG, folgendermaßen:

" Aus irgendeinem Grund glauben viele Außenstehende, daß eine Reihe von funktionseingeschränkten Personen unnötige Hilfe einfordern. Wir in derHandikappbewegung wissen aus Erfahrung, daß niemand zu viel verlangt. Die Wahrheit ist, daß niemand im Rollstuhl sitzt, der dazu nicht gezwungen ist. Niemand möchte mehr Assistenz als notwendig ist. Jeder schützt sein Privatleben! So gut wie die Assistenten auch immer sein mögen, möchte man doch selber für sich sorgen, wenn man es kann. Bittet jemand um Hilfe- so benötigt er sie!"



4. Die Umsetzung der Gesetzgebung zur persönlichen Assistenz

Besonders hervorzuheben ist der Umstand, daß die Gesetzgebungen zur persönlichen Assistenz, wie bereits erwähnt, in einem starken Praxisbezug entwickelt wurde, insbesondere während der Projektphase des DHR und NHR (V. Ekensteen, der zweite Vorstzende des DHR, ist selber funktionseingeschränkt). Somit ist gewährleistet, daß die Assistenzreform eine an den tatsächlichen Bedürfnissen der Funktionseingeschränkten orientierte Gesetzgebung darstellt.

4.1 Die unumgängliche Ganzheitssicht

Das wirkliche Leben läßt sich nicht nach einer Dienstleistungsform ordnen. Im wirklichen Leben folgt eine Handlung spontan der nächsten. Es ist ein ständig fortlaufender, selbstverständlicher und veränderlicher Ablauf von Aktivitäten, ohne Schemata und ohne, daß den täglichen Variationen ein besonderer Gedanke geschenkt wird.

4.2 Einige Aspekte bei der Umsetzung von LSS/LASS

  • Das Recht auf persönliche Assistenz besteht nicht nur am Tage ,sondern, bei Personen mit schweren funktionalen Einschränkungen, auch in der Nachtzeit.
  • Persönliche Assistenz soll eine Unterstützung darstellen, die am Individuum ausgerichtet ist. Das bedeutet, daß Leistungen eines Assistenten auf die einzelne Person ausgerichtet sind, nicht an die Maßgaben eines Fürsorgeunternehmens.
  • Wenn mehrere funktionseingeschränkte Personen eine Personalgruppe zur Erbringung von Dienstleistungen einstellen, ist dieses keine Hilfe im Sinne von persönlicher Assistenz . Persönliche Assistenz darf von keiner ambulanten Gruppe, Nachtpatroullien, kollektiven Personalgruppen etc. geleistet werden.
Somit soll verhindert werden, daß ein Assistenzgeber mehrerenPersonen Assistenz gibt, was die Individualität und damit die Qualität der Assistenz verringern würde

  • Es ist möglich, daß sich mehrere Inanspruchnehmer von Leistungen des LSS/LASS zu einer Kooperative zusammenschließen, die dann als formaler Arbeitsgeber fungiert.
Ein Beispiel ist die Kooperative LILA, die über ein kleines Büro verfügt, die administrative Dienste, Zahlung von Löhnen und Sozialabgaben usw. übernimmt. LILA erledigt sozusagen alles, was mit Arbeitgeberaufgaben zu tun hat. Jeder Assistenznehmer hat bei LILA ein Konto, von dem außer den monatlichen Lönen der Assistenten auch Kosten überwiesen werden, die im Zusammenhang mit der individuellen Organisierung der Assistenz stehen, also Ausgaben für Annoncierung, Ausbildung, Fortbildung, etc. .

Für die Auswahl von Arbeitskräften und deren Anleitung sorgt aber jeder einzelne Anwender.

(In Kooperativen, in denen Mitglieder aktiv keine eigene Wahl treffen können, entscheidet dieses ein legaler Vertreter).

  • Die Assistenten sollen nicht nur in einem bestimmten Bereich Assistenz leisten können, z. B. nur bei Schulbesuchen oder nur bei Einkäufen. Dieses entspräche nicht dem Bild eines vollwertigen Assistenten. Dieser soll nämlich nicht für einen bestimmten Lebensbereich zuständig sein, sondern die Person, die Assistenz erhält, in einem ganzheitlichen Sinne unterstützen, d. h., in allen Aspekten des Tagesablaufs bescheid zu wissen.
  • Spezialisten wie Physio- oder Ergotherapeuten können Ratschläge geben, wie die Fähigkeiten von funktionseingeschränkten Personen trainiert werden können, sind aber keine verbindliche Arbeitsleiter für Assistenten. Es obliegt jedem Assistenten, wie er, unter Anleitung des Assistenznehmers, z. B. die Körperhygiene durchführt.
Eltern allerdings können Anleitungen dafür geben, wie ihr funktionseingeschränktes Kind essen , die Körperpflege und andere Basistätigkeiten gestaltet werden sollen

  • Ist die funktionseingeschränkte Person verheiratet und/oder hat sie ein Kind, besitzt sie Anrecht auf eine Assistenz, die eine gewöhnliche, freigewählte Familienfunktion einnimmt; d. h., daß der Assistenzempfänger mit der Hilfe des Assistenten alltägliche Dinge verrichtet (abwaschen, Essen zubereiten, das Kind wickeln, usw).
4.3 Das Verhältnis Assistenzgeber/Assistenznutzer

Wichtig zu erwähnen ist das Verhältnis zwischen Assistent und Anwender.

In den im Buch "Personlig Assistans" vorgelegten Erfahrungsberichten äußern sich Betroffenene durchweg positiv über die Erfahrungen mit den neuen Möglichkeiten, die die Assistenzreform bietet.

Die bisherigen Dienstleistungen des Wohnungsdienstes oder des ambulanten Dienstes werden als unzureichend, auch als erniedrigend betrachtet. So wurde bemängelt, daß in dringenden Situationen, oder auch nach zeitlichen Absprachen häufig Wartezeiten auftraten. Durch eigene Wahl eines Assistenten fällt die Kontrolle über jede Handlung in die Kompetenz des Assistenznehmers. Dem Ausgeliefertsein als Objekt folgt durch die Assistenzreform die neue Situation des selbstbestimmenden Subjektes. Die persönliche Assistenz ermöglicht ein hohes Maß an Kontinuität: Der Assistenzgebende kennt die auszuführenden Handgriffe, ist mit der individuellen Kommunikationweise des Funktionseingeschränkten vertraut (wichtig, wenn nicht in der Lage ist, verbal zu kommunizien). Das Wissen, daß der Assistent mit seinem Gegenüber harmonisiert, dessen Intentionen kennt, ohne daß diese wieder und wieder vermittelt werden müssen, verschafft ein Gefühl der Sicherheit, anders als es bei den ambulanten Diensten der Fall war. Sicherheit, die die Voraussetzung für einen würdigenTagesablauf ist, so wie ihn jeder "normale" Bürger ganz selbstverständlich erlebt.

Als unbestechlicher Vorteil der Assistenzreform wird das Verhältnis Subjekt- Subjekt hervorgehoben, das sich von den konventionellen ambulanten und institutionellen Angeboten unterscheidet, die auf einem Subjekt- Objekt- Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Funktionseingeschränkten basieren. Im letzten Fall ist der "Behinderte" der Willkür und den Instruktionen des Personals weitgehend ausgeliefert und muß sich häufig mit schlechtem Service, Desinteresse oder auch Arroganz von Seiten der Angestellten abfinden.

Bei der persönlichen Assistenz jedoch kann er guten Service aus- und schlechten Service abwählen.

Ebenso kann auch der persönliche Assistent zu keiner Anstellung gezwungen werden, oder dazu, gegen seinen Willen im Arbeitsverhältnis zu bleiben.

Wenn die Assistenz zur Zufriedenheit des Assistenznehmers verläuft, wird dieser für gute Arbeitsbedingungen sorgen, um sich seinen Assistenzgeber zu erhalten. Auf diese Weise bietet persönliche Assistenz die Möglichkeit einer Arbeitsweise, in der ein Maximum an gegenseitiger Kooperation erreicht werden kann.

4.4 Eine Assistentin erzählt

Es ist wichtig, zu ergänzen, wie Assistenten zu ihrer Arbeitsweide Stellung nehmen, die sich doch sehr stark von den herkömmlichen, hierarchisch ausgerichteten Arbeitsweisen der ambulanten Dienste und Institutionen unterscheidet.

Hierzu äußert sich Annika Forsgren, die Magnus , dem Sohn von Gerd Andén, Assistenz gibt, wie folgt:

"... Als ich ihn (Magnus) und seine Familie kennenlernte, zweifelte ich ein wenig daran, ob ich die Arbeit mit ihm schaffen würde. Ich fragte mich: `Wie um alles in der Welt kann ich Kontakt zu ihm kriegen? Und welche Gemeinsamkeiten werden wir haben, über die ich mich mit ihm unterhalten kann? Er kann ja überhaupt nicht sprechen!´ .

Als Gerd von Magnus´ Epilepsie erzählte und seinem exaktem Bedarf an Medikamenten, hatte ich Angst, daß ich auch dieses nicht schaffen würde.

Ich bekam das Angebot einer Probeanstellung ... Ich beabsichtigte zunächst, im Höchstfall ein Jahr zu arbeiten und dann eine Hochschulausbildung anzufangen. Tatsächlich kam es ganz anders. Je mehr ich Magnus kennenlernte, desto stärker engagierte ich mich in der Arbeit ...

Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Ich helfe Magnus beim Essen, beim An- und Ausziehen, bei seiner Hygiene und anderer Pflege. Ich mache mit ihm Bewegungsübungen, in Absprache mit seinem Krankengymnast.

Ich begleite ihn zur Tagesstätte und helfe ihm auch dort mit seinen verschiedenen Aktivitäten. Wir gehen gemeinsam Einkaufen, ich halte seine Wohnung in Ordnung und fahre mit ihm in die Ferien. Ich helfe ihm überall, wo er mich braucht ...

Meine Arbeitsbedingungen sind gut und ich fühle mich dabei wohl, daß alles so persönlich ist. Wir Assistenten arbeiten im Wechsel, aber kennen einander gut und haben keine Konflikte oder Gruppenstreitigkeiten, wie es häufig auf größeren Arbeitsplätzen der Fall ist. Wenn irgend etwas in Relationen verkehrt läuft, kann man es schnell herausfinden. Ich möchte keinesfalls in einer Personalgruppe in einer Tagesstätte angestellt sein. Dort muß man Interesse und Zeit zwischen mehreren Personen aufteilen und es kommt oft zu Konflikten unter den Kollegen. Man "versorgt" nach einem Schema und hat andere Routinen, die ich schrecklich finde.

Persönlicher Assistent für Magnus zu sein ist eine freie und abwechslungsreiche Arbeit. Jeder Tag ist einzigartig..."
(Personlig Assistans, S.86,ff.).



Schluß

Die Beschäftigung mit der Thematik "Persönliche Assistenz" war für mich oft ein Anlaß, über die Unterschiede der rechtlichen Lage von funktionseingeschränkten Personen in Deutschland im Vergleich zur Situation in Schweden nachzudenken. Dabei war unübersehbar, daß eine größere Kluft zwischen zwei Modellen (BRD: Pflegeversicherung, Eingliederungshilfe durch BSHG/ Schweden: Persönliche Assistenz durch LSS/LASS) kaum vorstellbar ist. Die finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten für Betroffene in Schweden, die idealen Voraussetzungen (Selbstbestimmung, Gleichheit, Integrität) wirken, aus dem Alltag deutscher Wohlfahrtsverbände betrachtet, beinahe utopisch. Wie in vielen Bereichen sozialer Arbeit erscheint die BRD im Vergleich zu den skandinavischen Ländern wie ein Entwicklungsland.

Durch das Projekt "Selbstbestimmt Leben" an der FH Hildesheim Holzminden konnte ich allerdings Einrichtungen kennenlernen (Assistenzgenossenschaft für persönliche Assistenz/ Hamburg, SELAM/Oldenburg), in denen persönliche Assistenz bereits praktiziert wird. Die Arbeit dieser Einrichtungen ähnelt nach meiner Einschätzung in vielen Punkten dem schwedischen Modell persönlicher Assistenz, besitzt aber noch nicht den Vorteil verbindlicher, einklagbarer Rechte auf der Grundlage einer staatlichen Gesetzgebung.

Trotz aller großzügigen Angebote, die das schwedische Modell der persönlichen Assistenz bietet, frage ich mich, inwieweit tatsächlich die Umsetzung aller rechtlich garantierten Hilfeleistungen in aller Konsequenz durchgeführt wird. Es stellt sich die Frage, ob sich der schwedische Staat und dessen Kommunen trotz schöner Worte nicht doch regressiv bei der Vergabe von Mitteln im Rahmen von LSS und LASS verhalten. Angesichts des auch in Schweden voranschreitenden Sozialabbaus wäre dieses nicht sehr verwunderlich. Eine Bewertung dieser Frage kann aber nur auf einer Einschätzung vorgenommen werden, die aktuelle Meinungen und Zustände beschreibt. Darüber standen mir allerdings keine Informationen zur Verfügung.

Die Tendenzen bei der Entwicklung der Assistenzreform bleiben deshalb zunächst einmal im Ungewissen. Die momentan ausgesprochen regressive sozialpolitische Situation in Europa mach tjede Prognose und Spekulation über die weitere Ausgestaltung der Assistenzreform äußerst schwierig.

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