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Druckdatum: 20.04.2018
Erstellungsdatum: 08.11.2004

Pressestimme: Ärzte und Politiker erwägen wieder eine Reform des 218
Berliner Zeitung, 08.01.1998

THEMA

Der Fall des behinderten Babys, das seine geplante Abtreibung überlebte, wirft neue Fragen über Schwangerschaftsabbrüche nach der medizinischen Indikation und ethische Grundsätze auf. Ärzte und Politiker erwägen wieder eine Reform des 218.

Gescheiterte Abtreibung löst neue Ethik-Diskussion aus


von Regine Zylka

BERLIN, 7. Januar. Frank Ulrich Montgomery macht sich Sorgen um die Gynäkologen in Deutschland. Drei Jahre nach der Reform des Abtreibungsrechts, so der Vorsitzende des Klinikärzteverbandes Marburger Bund, entwickle sich ein Aspekt des Paragraphen 218, der damals in der Debatte wohl übersehen worden sei, für viele Frauenärzte zu einem "handfesten ethischen Problem". Föten wegen einer Behinderung abzutreiben, obwohl sie vom Zeitpunkt der Schwangerschaft her bereits lebensfähig sind, "grenzt für mich an Euthanasie", sagte Montgomery am Mittwoch der Berliner Zeitung. "Ich will nicht, daß Ärzte zum Vollstrecker von Todesurteilen werden, die letztlich andere gefällt haben."

Nach der sogenannten medizinischen Indikation sind Abtreibungen bis zum letzten Tag der Schwangerschaft zulässig, wenn die Gesundheit der Frau gefährdet ist. Diese Regelung ist nicht neu. Die entsprechende Passage im Gesetz, so bestätigte die SPD-Bundestagsabgeordnete Inge Wettig-Danielmeier, gelte seit den 70er Jahren und sei bei der Reform 1994 unverändert übernommen worden, zumal das Bundesverfassungsgericht die Formulierung so vorgegeben habe. "Das wurde also nicht übersehen, wie Montgomery meint, sondern von niemandem ernsthaft in Frage gestellt", sagte die frauenpolitische Expertin der Berliner Zeitung.

Einen anderen Teil der Reform, so Wettig-Danielmeier weiter, "haben die Ärzte aber offenbar mißverstanden". Die frühere "eugenische Indikation", wonach ein geschädigter Embryo bis zur 22. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden durfte, sei 1994 abgeschafft worden. Seit es diese Indikation nicht mehr gebe, würden immer mehr Abbrüche wegen einer Behinderung des Fötus unter der medizinischen Indikation "subsumiert" und auch nach der 22. Woche noch vorgenommen, weil "die psychologisch offenbar wichtige Zeitgrenze" im Gesetz gefallen sei.

Im vergangenen Jahr wurden dem Statistischen Bundesamt etwa 200 Abbrüche nach der 23. Woche gemeldet. Bei insgesamt über 130 000 Abtreibungen pro Jahr handelt es sich zwar um ein "vergleichsweise kleines Problem", so die SPD-Politikerin, "aber trotzdem war die Sache so nicht gedacht."

Montgomery will das Problem nun formal regeln und fordert den Gesetzgeber auf, Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche grundsätzlich zu verbieten. Von diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft an könne der Fötus als lebensfähig gelten. Anschließend dürften Abbrüche nur noch in Ausnahmefällen gestattet werden. Montgomery: "Es macht keinen Sinn, das Kind auszutragen, wenn man in der 33. Woche feststellt, es hat kein Gehirn."

Grenzen der Politik

Man müsse jedoch verhindern, so der Hamburger Radiologe weiter, daß Föten schon wegen "kleinerer" Behinderungen wie einer Hasenscharte oder gar wegen des "falschen" Geschlechts abgetrieben werden. Ihm seien derartige Fälle bekannt. "Ich habe das Gefühl, wir befinden uns bereits auf dem Weg zum qualitätsgesicherten Kind, was unbedingt verhindert werden muß." Die Medizin sei mit den heutigen Möglichkeiten zur pränatalen Diagnostik an ihre Grenzen gestoßen. Darüber müsse ebenso nachgedacht werden wie über die Folgen von künstlichen Befruchtungen und Hormonbehandlungen. "Nicht alles, was machbar ist, macht Sinn", so Montgomery.

Wettig-Danielmeier aber bezweifelt, daß der Gesetzgeber diese Fragen ausreichend beantworten könne. Die medizinische Indikation zum Beispiel müsse letztlich in der gemeinsamen Verantwortung von Ärzten und betroffenen Eltern bleiben. Nur sie könnten entscheiden, ob ein Schwangerschaftsabbruch wirklich notwendig sei oder nicht. Der Politik seien hier eindeutig Grenzen gesetzt. Zwar müsse eine medizinisch-ethische Debatte darüber geführt werden, ob die Vorschriften insgesamt ausreichten. "Dies sollte jedoch, wenn möglich, standesrechtlich geklärt werden", sagt die SPD-Politikerin.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe hingegen hatte am Vortag gefordert, die gesetzlichen Richtlinien für die medizinische Indikation enger zu fassen. Bereits in der Abtreibungsdebatte vor drei Jahren habe er davor gewarnt, daß es Fälle wie in Oldenburg geben werde. Dort überlebte ein behinderter Fötus die Abtreibung in der 25. Schwangerschaftswoche und liegt seitdem auf der Intensivstation. Hüppe ist Sprecher der Initiativgruppe "Schutz des menschlichen Lebens" der CDU/CSU-Fraktion und hatte 1994 gegen den lange umstrittenen Kompromiß zum Paragraphen 218 gestimmt.

"Ich habe das Gefühl, wir befinden uns bereits auf dem Weg zum qualitätsgesicherten Kind."


Frank Ulrich Montgomery




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