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Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen in Deutschland

Druckdatum: 22.04.2018
Erstellungsdatum: 08.11.2004

Independent Living in der Slowakei 1997?
Das Institut für Independent Living, gebildet von STIL und GIL (Schweden), hat im letzten Jahr einen Vertrag vom Sozialministerium erhalten. Das Projekt in der Slowakei dauert ein Jahr und das Geld dafür -insgesamt 2,5 Mill. SEK- kommt aus dem PHARE- Programm der EU, das für den Aufbau der ehemaligen Ostblockländer bestimmt ist. Ein Reisebericht von Adolf Ratzka.

Independent Living in der Slowakei

(Stiletten nr 3/97, S. 10/11)

Adolf Ratzka ist soeben aus dem slowakischen Bratislava zurückgekommen.

Das Institut für Independent Living, gebildet von STIL und GIL, hat im letzten Jahr einen Vertrag vom dortigen Sozialministerium erhalten. Das Projekt dauert ein Jahr und das Geld dafür -insgesamt 2,5 Mill. SEK- kommt aus dem PHARE- Programm der EU, das für den Aufbau der ehemaligen Ostblockländer bestimmt ist.

Adolf erzählt von seiner Reise:

Im Projekt soll das Institut Personal für drei neugegründete Zentren für die Bedarfsprüfung technischer Hilfsmittel, Persönliche Assistenz und Transportmittel ausbilden.

Der zweite Teil des Projekts besteht aus der Initiierung eines Pilotprojekts für persönliche Assistenz mit direkten Zahlungen an die Benutzer.

Der dritte Teil stellt ebenfalls ein Pilotprojekt dar. Es geht darum, den Taxiverkehr für alle zugänglich zu machen, so daß alle Kunden einschließlich der Rollstuhlfahrer von ihm Gebrauch machen können.

Das Projekt insgesamt soll Teile der kommenden Sozialgesetzgebung des Landes testen, die die Finanzierung von Hilfsmitteln, Zugänglichkeit von Wohnungen, Persönlicher Assistenz und Taxifahrten garantieren soll.

Durchsäuert von IL- Prinzipien

-Ich konnte die Gestaltung des Projektes dahingehend so gestalten, daß sie von den Independent- Living- Prinzipien durchsäuert sind. Die Hauptursache dafür, daß das Projekt überhaupt zustande kam, liegt darin, daß ein hoher Beamter des slowakischen Ministeriums Kontakt mit mir aufnahm und mich ein paarmal zusammen mit Kollegen und Vertretern der slowakischen Handicapbewegung besuchte. Zuletzt im Zusammenhang mit einer internationalen Konferenz über direkte Auszahlung von Mitteln für Persönliche Assistenz.

Mitarbeiter vor Ort

-Ich habe Mitarbeiter vor Ort, die einen Teil der Arbeit in der Slowakei für mich erledigen. Ich muß also nicht ständig dort sein. Nun ist alles so weit, daß die 21 Teilnehmer Assistenten anstellen können. Es war mühsam, erst Einladungen an viele Assistenznutzer in Bratislava zu verschicken und ihnen dann zu helfen, einen Verein mit Tagesordnung, Satzung, Vorsitz und vor allem mit Zusammenhalt und gegenseitigem Vertrauen zu gründen.

Der Schritt von einem unterdrückten Leben innerhalb der Wände eines Heimes und der Eigenverantwortung innerhalb der Vereinstätigkeit und der Teilnahme an einem Unternehmen ist groß. Die meisten in der Gruppe leben noch immer bei ihren Eltern. Auffällig viele haben eine schlechte Ausbildung und im besten Fall eine einfache Arbeit.

Man vermißt die Eigeninitiative

Im großen und ganzen mache ich die gleiche Arbeit wie bei der Gründung von STIL. Damals hatte es drei Jahre gedauert, bis wir Assistenten anstellen konnten. In der Slowakei soll das ganze Projekt innerhalb eines Jahres gestartet und abgeschlossen sein!

Gleichzeitig vermißt man hier fast vollständig die Eigeninitiative und überläßt gerne alle Verantwortung und alle Entscheidungen den anderen. Im Kommunismus sollten die großen Bosse zusehen, daß alle es so einigermaßen gut hatten. Als Einzelner konnte man seine Situation nicht beeinflussen.

Zwei Arbeitsstellen wurden geschaffen

Die meisten sind nie mit einem eigenen Unternehmen geschweige denn Arbeit in Berührung gekommen. Die Gruppe hatte z.B. Schwierigkeiten einzusehen, daß man Mittel benötigt, nicht nur für die Löhne der Assistenten sondern auch für Administration: Für die zentrale Verwaltung, in der übrigens zwei Arbeitsstellen für Mitglieder der Gruppe geschaffen wurden, und für die einzelnen Arbeitgeber, so daß sie z.B. die Eintrittskarten für das Kino oder Reisekosten für ihre mitfahrenden Assistenten finanzieren können.

Meine eigene Infrastruktur

Für meine Unterstützung habe ich zwei slowakische Assistenten, was vieles erleichtert. Immerhin bin ich gezwungen, eine kleine Infrastruktur für mich aufzubauen, damit ich mich bewegen kann. Es war z.B. nötig, einen VW-Bus für das Projekt anzuschaffen. Ohne eigenes Transportmittel kann man keine Arbeit erledigen, die Bewglichkeit und Flexibilität erfordert. Mit dem Stockholmer Fahrdienst hätte ich überhaupt nichts zustandebekommen.

Erniedrigende Einstellung

Ich wohne in einem Hotel, das sehr schlecht zugänglich ist. Wir mußten uns beibringen, die Möbel richtig umzustellen. Im Allgemeinen ist es schwer, sich fortzubewegen und die Einstellung der Leute ist erniedrigend. Man ist es dort nicht gewohnt, funktional eingeschränkte Menschen zu sehen, schon gar nicht in leitenden Positionen. Das ist sehr anstrengend auf längere Sicht.

Ansonsten sind die Sprachprobleme, die Einstellung der Kameraden sich selber gegenüber und der weitverbreitete Fatalismus die größten Hindernisse in meiner Arbeit. Alles muß gedolmetscht werden. Bis jetzt habe ich keinen guten Dolmetscher gefunden, obwohl ich nur Leute anstelle, die sich für Profis halten.

Das Land war lange von der Umgebung abgeschnitten un noch immer ist es aufgrund der niedrigen Einkommen schwierig, ins Ausland zu verreisen.

Die Arbeit basiert auf der Sprache

Meine Arbeit basiert auf den sprachlichen Möglichkeiten. Vergleiche man einmal den Unterschied zwischen "Hemsamarit" (Kommunaler Angestellter in der ambulanten Pflege, Anm.) und "Persönlicher Assistent". Es geschieht leicht, mißverstanden zu werden. Es gibt im Slowakischen kein entsprechendes Wort für "Menschen mit funktionalen Einschränkungen". Das was dem Begriff am nächsten kommt ist "Gesundheitsgeschädigte". Wie soll ich so zu verstehen geben, daß es nicht wir sind, die krank sind, sondern uns die Gesellschaft einschränkt und diskriminiert.

Mitbürger zweiter Klasse

In der Slowakei sind unsere Kameraden definitiv Mitbürger zweiter Klasse. Man merkt überall, daß man unsere Bedürfnisse nicht miteinbezogen hat. Unzugängliche Wohnungen, öffentliche Gebäude, Straßenmilieus, Transprtmittel usw. Sogar noch schlimmer als in Stockholm.

Das Land hat außerdem eine Reihe tiefgreifender Veränderungen innerhalb weniger Jahre vollzogen. Zuerst die "Samtrevolution", dann die Trennung vom heutigen Tschechien und nun die Assimilation an den Westen. In diesem Chaos suchen viele Halt in der Kirche, die nun wieder öffentlich agieren kann. Viele Kameraden dort sin der Meinung, daß sie ihre Situation nicht verändern können, weil alles ja doch in der Hand Gottes liegt. Was soll man dazu noch sagen?

Wenn das neue Gesetz verabschiedet wird, um in die Zukunft zu blicken, dann bekommen Personen, die persönliche Assistenz brauchen, Geld dafür, um diese Dienstleistung zu bezahlen. Der Personenkreis wird größer sein als in Schweden- es gibt kein Nadelöhr, das aus dem Mindestbedarf von 20 Wochenstunden besteht, es gibt keine Altersbegrenzung. Stattdessen wird die Kostenerstattung ins Verhältnis zum Einkommen gestellt. Man landet so in einer Falle: arbeitet man, gibt es weniger Assistenzkostenerstattung. Das Risiko besteht, daß man im Endeffekt weniger Geld zur Verfügung gestellt bekommt.

Die Lage ist unstabil

Im Moment ist die politische Situation des Landes äußerst unstabil. Es ist zweifelhaft, ob das Gesetz in dieser Legislaturperiode verabschiedet wird. Im nächsten Frühjahr sind Wahlen. Es ist ebenfalls unsicher, ob und wann die neue Regierung sich mit Sozialpoitik befassen wird. Heute kommt das Geld für das Projekt von der EU, doch in der Zukunft werden es einheimische Mittel sein, die persönliche Assistenz finanzieren sollen.

Wir haben angefangen, Geld zumindest für die Gruppe zu suchen. Schließlich wäre es grausam, die 21 Teilnehmer das gute Leben probieren zu lassen und sie in das gleiche Schicksal wie vorher zurückzuwerfen.

Hier gibt es übrigends die gleichen Widerstände von der Pflegedienstlobby und von den Politikern wie in Schweden. Man ist über die "hohen" Kosten entsetzt, die eine persönliche Assistenz mitführt und dann vergleicht man die Kosten einer Stunde mit dem Lohn einer ambulanten Pflegeschwester- ohne auf den Verwaltungsapparat des ambulanten Pflegedienstes zu schauen. In diesem Punkt unterscheiden sich Schweden und die Slowakei überhaupt nicht.

Gegenseitige Kameradschaft

Als Vorbereitung für die Zeit nach dem Projekt habe ich damit angefangen, herauszufinden, wie man gegenseitige Kameradschaft ausübt und Erfahrungen in der Gruppe austauscht, so daß sowohl die Gruppe als auch jeder Einzelne stärker wird.

Viele in der Gruppe kennen einander seit früher, aber ich weiß nicht, wie sie einander vertrauen können.

Was die Dokumentierung des Projektes durch die Presse angeht, bin ich zufrieden. Wir haben vier, fünf gute Reportagen gehabt. Dem Ministerium ist sehr daran gelegen, unsere Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Auf längere Sicht kann es passieren, daß das Institut in der Umgebung mehr Arbeit bekommt. Ich bin in einige Projektgesuche in der Slowakei und in Tschechien verwickelt. Ich fühle mich dort wohl und schätze es, in dieser Form zu arbeiten.

ADOLF RATZKA

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